Nov 15 2009

Holgers SB-Heimkino

Nichts hält ja bekanntlich länger als ein Provisorium. Meines bestand aus mittlerweile volljährigen Selbstbauboxen, die ich mit Zusatzlautsprechern aus dem Holozän der Dolby Surround-Zeit ergänzt hatte und die ganz und gar nicht harmonierten. Der müde Klang meiner alten Boxen ließ mich Musik fast nur noch über den iPod hören und der rechte Filmgenuss wollte sich auch nicht recht einstellen.

Da all meine bisherigen Boxen selbst gebaut waren, gab es natürlich keinen Grund, jetzt das „Risiko“ eines Fertigkaufs einzugehen und so landete ich vor einigen Monaten erstmals auf Udos Seiten.

Eigentlich hatten es mir die FirstTime 8 angetan und wäre nicht immer wieder etwas dazwischen gekommen, hätte ich sie vermutlich blind bestellt. Doch ich nutzte die Zwischenzeit und las fleißig auf Udos Seite und in Foren mit. Fürs Heimkino, so hieß es, seien kräftige Subwoofer mit abgrundtiefen Bässen Pflicht, damit man die Geschosse auch in der eigenen Magengrube spürt. Gut und schön für Leute, die im Keller ihres Einsiedlerhofes ein eigenes Heimkino betreiben, aber vielleicht nicht für mich, der ich in einer hellhörigen Altbauwohnung mitten in einer Großstadt wohne. Warum sollten mir die Plomben aus den Zähnen und meinen Nachbarn die Bilder von der Wand fallen, wenn ich mal einen Film sehen möchte?

In einem Forum berichtete jemand, dass bei seinen bisherigen Heimkino-Sets die Geschwindigkeit, mit der die Nachbarn klingeln, wesentlich mehr von der unteren Grenzfrequenz als von der Lautstärke abhänge. Da mir auch Musik sehr wichtig ist, fiel mein Blick schließlich auf die SB 36, die zwar keine Donnerbässe, dafür aber eine sehr feine Musikwiedergabe versprach und die sich perfekt mit der SB 18 als Center- und Rear-Lautsprecher ergänzen sollte. Nach der Lektüre unzähliger Frequenzgänge und Aussagen blieb mir geplagt von Zweifeln, ob denn der Bass reichen würde, nur noch voll zu tanken und nach Bochum fahren, um mir selbst ein Bild zu machen. Dort begann die Vorführung gleich mit den SB 36 und ich hätte nach 10 Takten schon wieder losfahren können, denn ich war sofort überzeugt: Nicht nur die Bässe reichten viel tiefer, als ich mir zuvor ausgemalt 1hatte, sondern auch die luftigen Höhen und die sehr analytische Wiedergabe überzeugten mich sofort. Diese Erkenntnis wurde nicht einmal mehr dadurch erschüttert, dass wir danach ausgiebig die Duetta und die Symphony 285 hörten, die sicherlich in allen Belangen noch einmal deutlich besser sind und ein unvergessliches Klangerlebnis bieten. Dennoch blieb die SB 36 für mich der klare Preis-Leistungssieger: Für mich fast schon High End für sehr kleines Geld und in einem sehr kompakten Gehäuse, das nicht die Regie über Raum übernimmt.

Planung und Bau

54Leider war wegen der schlechten Lieferbarkeit der SB-Chassis die Wartezeit noch recht lang und so hatte ich viel Zeit, mittels Google Sketchup verschiedene Konstruktionen und Designs durchzuspielen. Der Center wurde eine liegende SB 18, der wegen des 17 cm-Tieftöners vielleicht nicht sehr elegant aussehen mag, dafür aber klanglich perfekt zu den Hauptlautsprechern passen sollte, was im Heimkino essentiell wichtig ist. Bei den Rears hatte ich ursprünglich geizen und billigere Bausätze á la Quickly 14 einsetzen wollen, aber angesichts des Gesamtaufwands entschied ich mich dann doch, auch hier zwei SB 18 zu bauen. Und wenn man zu viel Zeit zum Planen hat, neigt man dazu, sich viel Arbeit aufzuhalsen: Da mein Sofa wenig ideal direkt an der Wand steht – nein, ich bin nicht bereit, meine ganze Wohnung der Glotze zu unterwerfen –, wollte ich keine tiefen Gehäuse mit Lautsprechern, die an mir vorbei in die Weite des Raumes strahlen. Also ließ ich das Gehäuse hinten im 45 Grad-Winkel spitz zulaufen, um die Rears in die Zimmerecke quetschen oder bei Bedarf auch indirekt über die Wand spielen zu lassen. Dass Rear-Lautsprecher eigentlich deutlich über den Köpfen platziert werden sollten, ignorierte ich der Optik wegen und ließ den Reflexkanal an der aufgeständerten Unterseite enden – für die hinteren Lautsprecher sicher vertretbar. Sollten mir die feinen SB 18 eines Tages zu schade für die Rückenbe- schallung werden, könnten sie noch sehr feine, kleine Standlautsprecher abgeben. Damit der Plan aufging, mussten einige Kanten im 22,5 Grad-Winkel gesägt werden und eine kurze Umfrage erbrachte, dass der Erwerb einer billigen Tischkreissäge nicht teurer sein würde als einen Tischler zu beauftragen. Und wenn man die Säge schon hat, kann man auch gleich Schallwand und Deckel auf Gehrung sägen, was mit etwas Üben auch sehr gut gelang. Von dem langen und staubigen Tag, den ich mit Kreissäge, Oberfräse, Staubsauger und Atemschutz in meiner abgehängten Küche verbrachte, machte ich meiner Kamera zuliebe keine Fotos. Da die Bausätze noch immer nicht eingetroffen waren, ließ ich nach dem Fräsen den Innenteil der Chassisausschnitte zunächst stehen, um bei Bedarf noch mal nachfräsen zu können, was sich zum Glück als überflüssig erwies.3

6Beim Styling half Sketchup ungemein und ich fand schnell eine Möglichkeit, mit wenig Aufwand ein wie ich finde sehr hübsches Ergebnis zu erreichen: Für den Korpus nutzte ich wie Udo bei seinen SB 36 schwarzes MDF, das auch lackiert nicht wirklich schwarz wird und die typische MDF- Musterung behält. Die Seitenwände bestehen aus simplem Multiplex-Holz aus dem Baumarkt. Nach dem Planschleifen und Rundfräsen der senkrechten Kanten klebte ich die Mittelteile ab, nahm einen Lappen aus einem alten Betttuch und beizte die Seiten zweimal mit Teak-Beize. Das Ergebnis von kaum zwei Stunden Arbeit für fünf Boxen ist ein wunderbar warmer Holzton. Kleinere Macken im Holz besserte ich mehr oder weniger erfolgreich mit Wachs aus oder ließ sie einfach bestehen. Ein weiser Mann (mit weißem Bart) schrieb einmal, Selbstbauboxen dürfen von nahem betrachtet durchaus noch nach Selbstbau aussehen, woran ich mich denn auch gehalten habe 😉

7Drei Schichten Treppen- und Parkettlack, von denen die letzte erst aufgerollt wurde, nachdem ich wusste, dass die endlich eingetroffenen Lautsprecher in die Öffnungen passen, sorgten dann noch für Seidenglanz. Erstaunlich gut 8wirken die auf Gehrung gesägten Kanten von Schall- wand und Deckel, die fast nicht mehr zu erkennen sind – vor allem dann, wenn man sie mit den auf Stoß verleimten Kanten auf den Rückseiten vergleicht, die auch nach der dritten Lackschicht noch stumpf wirken. Dass die meisten Besucher nicht recht glauben mögen, dass ich die Boxen selbst gebaut habe, ist eigentlich fast enttäuschend – vielleicht hätte ich ein exotischeres Design wählen sollen, aber die sehr gute Integration ins Wohnzimmer hatte dann doch Priorität.

Klang

10Als die Chassis endlich da waren, baute ich aus Zeitmangel zunächst nur die zwei SB 18 für hinten zusammen und war erst um Mitternacht damit fertig. Nur um zu hören, ob sie auch funktionieren, schloss ich sie kurz an und brachte es erst weit nach 1:00 fertig, die Anlage wieder auszustellen. Leise lauschte ich dem legendären „Live in Hamburg“-Konzert von e.s.t. und hörte Jazz genau so, wie ich ihn immer schon hören wollte. Dieser luftige Klang und diese analytischen Höhen, mit denen sich jeder Musiker selbst bei der notgedrungen geringen Abhörlautstärke auf der Bühne orten ließ, faszinierten mich. Erst am nächsten Morgen komplettierte ich dann auch die beiden SB 36 und stellte sie zunächst daneben. Im Vergleich – und ich dürfte derzeit noch einer der wenigen sein, die ihn in der eigenen Wohnung durchführen können – ist die SB 36 viel runder: Die Bässe reichen tiefer und die Box hat einen wunderbar vollen, nie aufdringlichen oder nervigen Klang. Selbst bei härterer Gangart holen die SB 36 eine Fülle von Details aus der Musik heraus, die ich persönlich weder von meinen alten Boxen noch von sehr guten Kopfhörern kannte. Man beginnt jedenfalls zu ahnen, was Udo mit seinem Prädikat Blues- klasse meinen könnte. Wandnah aufgestellt haben auch die SB 18 einen wundervollen, sehr analytischen Klang, aber gerade bei Rock und Pop geht ihnen im Bass dann doch die Puste aus und die SB 36 legen genau die Extra-Dosis Bass dazu, die für mich perfekt passt. Übrigens gibt es auch in den Höhen einen kleinen Unterschied: Die SB 18 klingen hier minimal spitzer, die SB 36 einen Hauch zurückhaltender und ausgewogener. Die SB 18 sollten nicht direkt auf den Hörer zielen, worauf Udo ja auch in seiner Beschreibung hingewiesen hat. Ein Beleg mehr dafür, dass man seinen Klangbeschreibungen uneingeschränkt vertrauen kann.

12Nachdem ich mit dem Klang bei Musik nicht zufriedener sein könnte und sogar bisweilen per „5 Kanal Disco“-Programm meines AV- Receivers alle fünf Boxen den Raum sehr gleichmäßig mit Klang füllen ließ, wurde es aber Zeit, einen Film einzulegen. Alle Befürchtungen, ich könnte irgendwo Bass vermissen und mich in Udos Subwoofer-Programm umschauen wollen, waren bereits nach den ersten Szenen von “Casino Royale” verflogen. Auch mein „musikalisches Heimkino“ lässt mit seinen fünf Boxen, die ja alle „Fullrange“ laufen, die Kugeln sehr glaubwürdig durch den Raum pfeifen und kann das unvermeidliche Bassgrummeln bei Action-Szenen sehr glaubwürdig darstellen. Und es zeigt sich, dass Ehrlichkeit und Neutralität auch im Heimkino nicht fehl am Platze sind: Die geniale Filmmusik von „Im Rausch der Tiefe“ etwa klingt einfach phantastisch und Stimmen sind natürlich und glaubwürdig. Vor allem wechseln sie nicht die Klangfarbe, wenn sie zwischen den vorderen drei Boxen hin- und herwandern. Sollte natürlich eines Tages Godzilla oder der T-Rex durch mein Wohnzimmer schreiten, wird sich der Wellenschlag im Weinglas in Grenzen halten und mein Magen wird ihn weiter verdauen können – es besteht aber wahrlich keine Gefahr, etwas zu überhören. Selbst wenn ich könnte, würde ich derzeit keinen Subwoofer dazu stellen wollen, was eingefleischte Heimkino-Freaks vielleicht anders sehen mögen. Ich hingegen ziehe es vor, weiterhin von meinen Nachbarn gegrüßt zu werden.

13
Mit meinem SB 36/18-Heimkino habe ich einen viel größeren Sprung gemacht als ursprünglich geplant. Ich glaube kaum, dass man für die etwa 1000 Euro, die Bausätze, Holz und Lack dann doch gekostet haben, unter den Fertigboxen etwas auch nur annähernd Gleichwertiges finden kann. Erst recht nicht dann, wenn man wie ich die Priorität auf Musikwiedergabe legt, wo die Mehrzahl aller Heimkino-Sets patzt. Die Abstimmung auf den eigenen Geschmack ist eben das, was den Selbstbau letztlich so attraktiv macht. Mein einziges Problem: Um die Boxen auszureizen, müsste ich eigentlich meinen alten AV-Receiver gegen ein wesentlich höherwertiges Modell austauschen und gegen den großen Klang wirkt plötzlich auch der Fernseher ganz klein. Aber das ist dann wieder eine ganz andere Geschichte …

Holger

 

Zur SB 36 im Online-Shop

Zur SB 18 im Online-Shop

 

sb36_2, sb18_2

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