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Jun 18 2017

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Wallstreet 3, Version Tobias

Meine ersten selbstgebauten Boxen sollten an meinen PC angeschlossen werden und als normales Stereopaar den Sound von Musik, Spielen und gelegentlich Filmen wiedergeben, zunächst einmal ohne Subwoofer. Als angehender Maschinenbauer bin ich sehr auf die technischen Eckpunkte fixiert, deswegen habe ich erst einmal alle in Frage kommenden Bauvorschläge in eine Tabelle geschrieben, die den Preis, das Außen- und Innenvolumen, die Klasse und Gehäuseart beinhaltete. Nach langem Studieren der zugehörigen Berichte habe ich mich für die Wallstreet 3 entschieden. Klassisches Bassreflex Gehäuse, mit etwas Abändern der Maße und Reduzieren des Volumens passen sie auch neben den Bildschirm auf den Schreibtisch. Bei den im Vergleich zum Fertiglautsprechersegment geringen Preisabständen zwischen Einsteiger- und Bluesklasse durfte es gerne Blues für mich sein. Ich kann mir auch vorstellen, in ferner Zukunft auf 5.1 umzusteigen, da sagen mir die vielen Bauvorschläge mit SB Acoustics Chassis sehr zu. Die Lautsprecher stehen direkt an der Wand, am vorgesehenen Hörplatz ist zusätzlich noch eine Dachschräge auf einer Seite. Beides Faktoren, die mich zu der im Bass abgeschwächten Weiche der Wallstreet 3 im Vergleich zu den eigentlichen „PC Boxen“ BlueSBox 15 PC bewogen haben. Das Innenvolumen habe ich im Vergleich zu dem Bauvorschlag auf ca. 10 Liter reduziert (ca. 10%), um noch genug Luft zur Dachschräge und dem Bildschirm zu haben, sich die Boxen aber gleichzeitig noch schön an die Wand anschmiegen und flach bauen. Fix eine Skizze im CAD gemacht, welche dann nach vielen Überlegungen und Änderungen in die Tat umgesetzt werden konnte

Trotz der gut ausgerüsteten Hobbywerkstatt meines Vaters (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön) fehlte doch ein essentielles Werkzeug, die Oberfräse. Für den Anfang habe ich mir eine günstige Einhellfräse mit einem ebenso günstigen Fräsersatz gekauft, ein Fräszirkel und ein Bündigfräser, in dem ich zuerst keinen Nutzen sah, folgten. Da Bretter aber selten perfekt gesägt und/ oder geklebt werden (vor allem beim ersten Mal) ergab auch dieses Zubehörteil einen Sinn. Mehrere Millimeter Überstand sind mit so einem Teil schnell pulverisiert.

Für das Gehäusefinish suchte ich mir natürlich Anregungen auf der Seite. Ich habe sowohl alle Bauberichte verschlungen und mir dabei jede mögliche Variante aufgeschrieben, wie man Boxen gestalten kann, als auch alle bis dato gestellten Fragen im Forum gelesen. Ich hatte nun wieder eine riesige Auswahl, bei der ich mich schlussendlich für MDF entschied, das vorne und hinten schwarz durchgefärbt ist und an den Seiten mit einem ausgefallenen Muster furniert wurde. Die Lautsprecher sollten dann blau gebeizt werden und am Ende mit Seidenglanzlack gerollt werden. Ich erhoffte mir einen ähnlichen Effekt wie bei Franks Minuetta, bei dem die rot furnierten Seitenteile unterstützt durch den Glanzlack farbintensiv und wunderschön leuchten.

Der Bau an sich verlief weitestgehend problemlos, der Umgang mit Werkzeug war mir nicht unbekannt und auch die Fräse machte bald das, was ich von ihr verlangte. Um der Staubproblematik zu entgehen, habe ich alle „schmutzigen“ Arbeiten im Garten durchgeführt.

Bevor es an das Fräsen der Löcher ging, habe ich erst die noch öffnungsfreien Kästen furniert. Obwohl es das erste Mal war, klappte das ganz gut, Tutorials sei Dank. Wichtig ist, dass der Leim schön glasig antrocknet und jede Stelle gut mit dem Bügeleisen erwärmt wird. Ich habe ein Furnier namens Grey Maser SaRaiFo verwendet, das für eine bessere Handhabung ein Vlies auf der Rückseite aufgebracht hat.

Nun waren die Löcher dran, bei denen mir mein größter Schnitzer passiert ist. Zum Glück nur auf der Rückseite bei einer Box, bei der ich gedankenversunken die Terminalbohrung zu tief ansetzte. Das spätere Bassreflexrohr würde mit dem Terminal kollidieren. Zum Glück bemerkte ich meinen Fehler rechtzeitig genug, um ihn noch mit ein wenig MDF-Späne-Leim-Gemisch zu beheben. Aus der Not habe ich dann noch eine Tugend gemacht, aber dazu später mehr.

Um zu kontrollieren, ob die Löcher groß genug geworden sind, habe ich mir aus Papier Schablonen in der richtigen Größe ausgeschnitten und diese in die Löcher gelegt.

Der Effekt des Beizens mit blauer Clou Pulverbeize wurde mir etwas zu intensiv und dunkel, was daran lag, dass ich die Beize etwa eine Minute schwimmend auf den Boxen gelassen habe. Nächstes Mal muss ich die Zeit deutlich kürzer ansetzten. Ich habe daraufhin die oberste Schicht leicht abgeschliffen.

Nach mit der Rolle aufgetragenem Klarlack komme ich meinem Vorbild doch sehr nahe, auch wenn es mir doch einen Tick zu dunkel wurde. Die wahre Pracht der Lautsprecher kann man bei dem dunklen Farbton nur in der Sonne bewundern, in meiner schlecht beleuchteten Studentenbude sieht man davon leider wenig. Aber egal, da steht sowieso der Bildschirm im Mittelpunkt.

Die Weiche war auch schnell fertig, sie wurde jeweils auf ein dünnes Stück Kunststoff mit Heißkleber geklebt und anschließend auf Höhe des Hochtöners an der Seitenwand festgeklebt.

Beim Anprobieren der Chassis passte ein Hochtöner nicht in seine Versenkung, das habe ich mit etwas Schleifpapier, einem Klebestift als Aufnehmer und 20 Minuten Kreisbewegungen behoben.

Bis auf die Bassreflexkanäle war nun alles vollständig, ein erster Test aller neuen Komponenten, darunter auch ein DTA1 und selbst gedrillter und geflochtene Kabel, konnte stattfinden. In freier Aufstellung, mit verschlossenen Bassreflexöffnungen, dem Handy als Zuspieler und natürlich der uneingespielte Zustand der Chassis ließen jetzt nicht unbedingt ein Hörerlebnis zu, aber immerhin kamen Töne raus, die sich nach einer richtig gelöteten Weiche anhörten.

Für die Bassreflexkanäle verwendete ich ein Verfahren, das ich in meinem anderen Hobby, dem Casemodden (Computergehäuse modifizieren) mehrfach verwendet habe. Um die Maße für die Kanäle so genau wie möglich einzuhalten, habe ich maßangefertigtes Plexiglas bestellt, was bedeutet, dass aus einer 3 mm dicken glänzenden Plexiglasplatte in der Farbe Schwarz die Formen, die ich auf den Millimeter genau am heimischen PC eingegeben habe, gelasert werden. Immer noch in Plattenform, aber fertig gelasert und mit Schutzfolie versehen, wurde das Plexiglas dann geliefert.

Mit einem speziellen Plexiglaskleber (Acrifix) wurden aus den Teilstücken dann fertige Bassreflexkanäle, die eine Weile in der Sonne stehen mussten, da der Kleber nur unter UV aushärtet.

Wer sich jetzt wundert, was der Halbmondförmige Ausschnitt in der Platte soll, wie oben erwähnt habe ich noch meinen Fehler beim Terminalöffnung-Fräsen ausbügeln müssen. Meine Box hat jetzt auch ein Namensschild.

Mit dem Einbau der Plexiglasteile war der Bau der Boxen dann abgeschlossen. Es kommt meine Beschreibung zum Klang. Beim ersten Einschalten wie oben berichtet war ich doch etwas enttäuscht, da die Boxen jetzt nicht unbedingt Magie versprühten und ich von den vielen Bauberichten vor mir doch sehr hohe Erwartungen hatte. Aber bei den Bedingungen auch kein Wunder. Der nächste Schritt war dann natürlich die Klangprobe fertig aufgestellt auf dem Schreibtisch. Auch hier fehlte noch der Bass, was auch daran lag, dass ich zuvor billige Boxen aufgestellt hatte, die den oft bezeichneten „Schlammschieberbass“ erzeugten. An die trockene Basswiedergabe der Bluesklasse musste ich mich erst gewöhnen. Nach und nach spielten sich die Boxen ein und mit jeder Stunde wurden sie besser. Auch nach 20 und mehr Stunden nahm ich subjektiv Verbesserungen wahr. Die deutlichste klangliche Verbesserung erzielte ich aber, als ich für mein Praxissemester umgezogen bin und statt der Dachschräge über dem Schreibtisch nun in einem quaderförmigen Raum wohne. Irgendwie hat die Dachschräge den Klang sehr negativ beeinflusst. Auf jeden Fall bin ich nun nach etwa 6 Monaten täglichem Hören mit dem Klang zufrieden, zumal ich sowieso sehr viel MP3s höre und Musik mit eher schlechterer Qualität konsumiere. Besserer Boxen würden da wenig bringen, von daher habe ich mit den Boxen hinsichtlich Qualität und Baugröße die richtige Wahl getroffen. Auffällig ist aber immer noch, wie entfernt die Musik vom Hörer ist, egal bei welcher Aufnahmequalität. Auch daran muss ich mich noch teilweise gewöhnen, da ich die Boxen dann oft immer lauter und lauter einstelle, weil ich es gewohnt von Billigboxen bin, vor einer Wand mit Klangmatsch zu sitzen und alles direkt vor mit zu hören. Die Räumlichkeit bei guten Aufnahmen ist schon klasse.

Auf den letzten beiden Bildern sieht man gut, wie aus den hellen Boxen mit scheinbaren Flecken, dunkle unauffällige Lautsprecher werden, sobald man sie aus der Sonne nimmt und ins Zimmer stellt. Die Größe der Boxen kommt nicht ganz rüber, deswegen erwähne ich mal lieber, dass in der Mitte ein 27“ Bildschirm steht.

Zusammenfassend hat der Bau der Boxen sehr viel Spaß gemacht, die Idee von einem selbstgebauten Unikat gefällt mir sehr (siehe mein Computer) und wenn ich dabei noch den ein oder anderen Euro gespart habe, um so besser. Als nächstes ist dann jetzt wohl ein Subwoofer dran, der bei Filmen und insbesondere bei Spielen den Sound fühlbar machen soll. Eine Klangverbesserung durch Austausch des DTA1 gegen etwas Stärkeres ist dann auch noch irgendwann dran. Der DTA1 muss schon etwas weiter über 12 Uhr gedreht werden, wenn man mal richtig laut Musik hören will und ist im Moment wohl das schwächste Glied in der Wiedergabekette. Und wie schon erwähnt, das 5.1 System, das aber erst nach meinem Studium mit eigener Wohnung in Frage kommt. Bis dahin sind es noch ein paar Semester, aber die Wallstreet 3 ist ja völlig ausreichend für mein kleines Studentenzimmer und für meine Musik sowieso. Aber wer weiß, ob ich meinen Basteldrang solange unter Kontrolle halten kann

Vielen Dank fürs Lesen und viele Grüße
Tobias

 

Zur Wallstreet 3 im Online-Shop

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8 Kommentare auf "Wallstreet 3, Version Tobias"

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Octopus
Mitglied

Moin Tobias,
ein interessantes SELBST-Bauprojekt… sehr schön. Zeigt einmal mehr die Vielseitigkeit dieses Forums.
„..Der DTA1 muss schon etwas weiter über 12 Uhr gedreht werden, wenn man mal richtig laut Musik hören will und ist im Moment wohl das schwächste Glied in der Wiedergabekette…“
Da würde sicher der Mona Mini Amp helfen. Der ist aber ja leider nicht mehr lieferbar und ich befürchte auch der von Udo im Shop „verlinkte Ersatz“ scheint evt. „Beschaffungsprobleme“ zu bekommen denn der link führt jetzt bei Amazon zu einem Netzteil?!
Man scheint diesen 2.1 Verstärker mit den drei Reglern auf der Frontplatte aber noch zu bekommen; einfach mal nach Nobsound® Douk audio TPA3116 2.1 Channel Digital Amplifier 50W+50W+100W o. ä. suchen… sollte so um die 70 € kosten. Interessant (gerade für einen Casemodder 😉 ) könnte aber der nur ca. 20 € kostende KKmoon 2.1 Kanäle TPA3116 2x50W+100W Wireless Bluetooth sein.Hat zwar, auch wenn in der Beschreibung angegeben, kein Bluetooth, aber darauf würde ich eh verzichten. (Ca. Preisangaben jeweils ohne Netzteil).
Vorteil dieser Verstärker ist das Du einen passiven Sub anschließen kannst was Du ja ggf. vorhast. / Nachteil (aus meiner Sicht) ist dass sie keinen Digital (USB) Eingang haben wie der „ursprüngliche Mona mini Amp“ Diesen USB Eingang habe ich bei meiner Mona-PC-Beschallung echt schätzen gelernt. Foobar2000 für die ganze Musik (FLAC, MP3, CD) auf dem PC. Einfache Steuerung über Tastatur oder wenn ich nicht davor sitze Steuerung über Foobar2000 controller App mit dem Smartfon/ Tablet.
Daher würde ich Deinen Schelmiii Wallstreet 3-PC-ADW eher einen SMSL Q5 Pro (so zwischen 110,- und 140 € inkl. NT) mit digitalen Eingängen und Subwoofer out (für einen aktiven Sub) gönnen. Ich glaube Sparky hat/hatte den auch am PC hängen.
Gibt sicher noch sehr viele weitere „Lösungen“, diese aber erstmal als Anregung.
Viele Grüße
Martin

Tobias
Gast

Hallo Martin,
vielen Dank für deine Anregungen.
Ich habe vor einiger Zeit das Netzteil von 2 A auf eins mit 5 A gewechselt und habe da gefühlt etwas mehr Reserven gewonnen. Aktuell sind die Lautsprecher für den TV auf separaten Lautsprecherständern und nicht mehr auf dem Schreibtisch. Dafür habe ich jetzt andere Anforderungen, die vermutlich ein AV-Receiver am besten löst. Nach Experimenten mit einem Subwoofer fällt der in der Mietwohnung erstmal weg. Eher würde ich auf Standlautsprecher setzten, die von sich aus genug Kraft mitbringen. Schön wäre auch ein kabelloses Verbinden von PC, Smartphone und eventuell NAS. Bis ich Zeit habe, mir darüber Gedanken zu machen, kommt der DTA1 zum Einsatz, was bis auf das manuelle Umstecken für verschiedene Quellen keine schlechte Lösung ist.
Gruß Tobias

MartinK
Mitglied

Hallo Tobias. Schöne Teile hast Du da gebaut.
Das Problem mit zu dunkel gewordener Beize hatte ich auch schon.
Hast Du elegant gelöst.
“Weiter so ”
Gruß Martin

Tobias
Gast

Hallo Martin, vielen Dank. Ich hätte mir die Oberfläche immer noch etwas heller gewünscht. Meine Freundin freuts aber, da die Lautsprecher dadurch etwas dezenter wirken. Zusammen mit der geringen Tiefe ein großer Vorteil hinsichtlich Akzeptanz.
Gruß Tobias

sirstrom
Mitglied

Hi Tobias, gefallen mir sehr gut. Für den Schreibtisch ist die Tiefe ja sehr vorteilhaft.
Viel Spaß mit den Schätzchen.

Tobias
Gast

Vielen Dank. Die geringe Tiefe hat in der Tat einen großen Vorteil. Auch jetzt als TV-Lautsprecher passen sie gut ins Bild mit dem Flachbildfernseher.

waterdrinkingman
Mitglied

Ja, die WS3 ist schon prima, die hatte ich auch lange in Betrieb!
Interessant, das mit dem schwarzen Plexiglas, wo kann man das machen lassen? Wäre es nicht einfacher gewesen, ein Standard HP-Rohr zu verwenden (Udo hätte doch sicher die richtige Länge durchgegeben). Oder gab es noch andere Gründe für diese relativ aufwändige Lösung?

Tobias
Gast

Ich habe das damals bei Formulor gemacht, aber mittlerweile gibt es mehrere Anbieter, bei denen man das online in Auftrag geben kann.
Ich kann mich nicht mehr an die genauen Gründe für diese Lösung erinnern. Soweit ich noch weiß, war zum einen ein quadratischer Querschnitt etwas schmaler als ein runder, da die Lautsprecher doch recht flach sind und der BR-Kanal eventuell mit dem TMT kollidiert wäre. Außerdem habe ich zu der Zeit viel lasern lassen, da war das die naheliegendste Lösung und sah auch schick aus. Gleichzeitig konnte ich dadurch das Namensschild erstellen lassen. Der Mehraufwand mit der BR-Rohren hielt sich daher in Grenzen. An HP-Rohr habe ich aber auch ehrlich gesagt nicht gedacht.

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