ForFun20 – die macht Spaß

Eigentlich kann ich es gar nicht mehr hören, was da täglich in der Werbung verbrochen wird: “Hauptsache, ihr habt Spaß” wird zum absoluten Lebensinhalt erhoben, als gäbe es nichts Wichtigeres.  Nun ja, es bringt nichts, sich über moderne Zeiten zu echauffieren, auch früher war nicht alles besser. Und wo wir gerade schon darüber nachdenken, kommen wir mal schnell zum Thema des Magazins, das diesmal tatsächlich mit beidem eng verbunden ist.

Ursprünglich war der Breitbänder der Quell der Wandlung von elektrischer Energie in Luftbewegung. Das war natürlich mit vielen Handicaps versehen, für die Wiedergabe tiefer Töne braucht man eine große, schwere Membran, für die Höhen genau das Gegenteil. So beschränkte man sich darauf, vornehmlich eine gute Mittenwiedergabe zu erhalten, die unten und oben ein wenig aufgeweitet wurde. Der Kompromiss ist auch heute noch eine starke Bündelung obenrum, wo der Membranumfang groß gegen die Länge der Schallwelle wird.  Da uns die Physik aber nicht nur nimmt, sondern im gleichen Maße auch gibt, hat dieses Prinzip der Schallwandlung den Vorteil, alle Töne aus einer einzigen Fläche abzustrahlen. So kann auf eine Aufteilung der Frequenzen mittels Weiche verzichtet werden, lediglich ein paar kleine, schmalbandige Korrekturen im Schalldruckverlauf sind nötig. Und da sind wir auch schon wieder bei der unsäglichen Werbung angelangt. Der Fan schätzt am Breitbänder, dass er zwar nicht alles richtig, aber unglaublich viel Spaß macht. Somit  passt auch der Name unserer neuesten Kreation: ForFun 20.

Schon vor ein paar Monaten hat mir Björn Westphal ein Paar preiswerte Breitbänder namens SPX-200 WP geschickt, die ich zwar sofort vermessen, aber dann erst einmal ins Regal gelegt habe. Es war nicht die richtige Zeit, daraus einen Bauvorschlag zu machen, der Weihnachtsmann fährt lieber mit aufwendigeren Konstruktionen von Haus zu Haus. Nun aber steht der Karneval vor der Tür und da ist es gut, wenn man seine Boxen auch mal ins offene Fenster stellen kann, um die Nachbarschaft mit stimmungsvoller Musik zu unterhalten. Dafür trifft es sich gut, dass das nachgestellte WP für “waterproof” steht, so ist der Breitbänder sogar gegen anschließende Attacken aus geflüllten Bierflaschen gewappnet, falls es in der näheren Umgebung wider Erwarten Helau- oder Alaaf-Muffel gibt. Doch auch zu anderen Zeiten kann ein Paar beweglicher ForFun 20 nützlich sein, es wird wieder der Sommer kommen und da wird angenehme Musikbegleitung beim Barbeque nicht stören.

Bevor wir weiter herumblödeln, schaffen wir besser Fakten, hier ist das Datenblatt des

SPX-200 WP

Parameter:

Fs 43 Hz Mms 20,7 Gramm
Diameter 150 mm BL 7,2 Tm
ZMax 59 Ohm VAS 29,4 Liter
Re 7,9 Ohm dBSPL 86,3 dB/2,83V
Rms 1,01 kg/s L1kHz 0,38 mH
Qms 5,47 L10kHz 0,24 mH
Qes 0,85 SD 177 cm²
Qts 0,74 MMD 19,4 Gramm
Cms 0,67 mm/N Zmin 8,2 Ohm

Ausstattung:

Membran Polypropylen mit Flirrkonus Polplattendicke 8 mm
Sicke Gummi Wickelhöhe 12 mm
Korb gestanztes Blech Magnetdurchmesser 96 mm
Polkernbohrung nein Befestigungsbohrungen 4
Zentrierung Topfspinne Außendurchmesser 203 mm
Magnet Ferritmagnet Einbaudurchmesser 180 mm
Schwingspule 25,0 mm Einbautiefe 79 mm
Träger Kapton Frästiefe 10 mm

Messungen:

Aus den Parametern rechnete LSPCad ein benötigtes Volumen von 148 geschlossenen Litern mit halbierter Lautstärke bei etwa 40 Hz aus. Jeder Simulationsgläubige hätte angesichts dieser Zahl jetzt ganz schnell den Griffel im Heuhaufen versteckt, dabei hilft schon ein wenig Überlegen weiter.  Je tiefer der BB herunter muss, desto mehr Hub macht er. Das ist spätestens ab dem oberen Mittelton klangschädigend, denn der stark zappelnden Membran fallen sauber ortbare Obertöne schwer. Also darf der -3dB-Punkt durchaus höher liegen und sieh an, bei 35 Litern verzichten wir lediglich auf 10 Hz Tiefgang, entlasten dafür das Chassis darunter ordentlich.  Das ist baubar, ergibt sogar eine für einen 20er recht handliche Kompaktbox aus 19 mm MDF. Sofort stellten wir uns ans Zeichenbrett, heraus kam dieser Bauplan.

Mit der Holzliste machten wir uns auf in den Baumarkt, über die Feiertage hatten wir unsere Holzvorräte komplett in gefräste Fronten verwandelt. Naja, dort gibt es nur 18er MDF, doch das war alle. Angeboten wurde uns 16er, es war aber auch 22er da. Schnell im Kopf die Zuschnittsliste umgerechnet, noch eine Rolle Tapete und Fertigkleister-Extrakt in den Einkaufswagen und 42,36 Euro bezahlt.

Die CNC-Fräse freute sich über die Arbeit und löcherte ad hoc Front und Rückwand. Doch was ist das? Übereinander gelegt wurden alle Bretter an einer Seite stufenweise um 0,5 cm kleiner, was eine Breitenvariation von 28,5 auf 30,5 (wieso das denn?) cm ergab. Die Fronten rettete meine Tischsäge, die Rückwände wurden so vekleinert, dass sie ein- statt aufgesetzt verwendet werden konnten. Die vier Biergläser weniger Volumen nahmen wir in Kauf, wir wollten uns wegen des Zuschnittsfehlers ja nicht besaufen. Pro Box wurden ganz nüchtern sieben Bretter zusammen geleimt, nach dem Trocknen geschliffen und dann kam die strukturierte Tapete ins Spiel. Nachdem im Magazin schon gezeigt wurde, wie man mit Furnier, Folie, Acryl oder Lack umgeht, erinnerten wir uns an eine früher häufiger angewendete Technik der Oberflächen-Behandlung, das Tapezieren. Weil dieses Handwerk heute kaum mehr bekannt ist, haben wir bei der Arbeit ein paar Fotos geschossen.

Der Kleister wird im Verhältnis 100 ml (Extrakt) : 300 ml (Wasser) angerührt und ergibt nach zügigem Vermischen einen festen Pudding, in dem der Rührstab fast stehen bleibt. Aufgetragen wird er auf dem grob zugeschnittenen Papier mit einem breiten Pinsel, er hätte durchaus noch breiter sein dürfen.

Nach kurzem Durchweichen (10 min) legen wir die Tapete auf den Deckel und drücken sie mit einer Tapezierbürste auf der ganzen Fläche an. Ein Cuttermesser beseitigt mit ein wenig Vorsicht die Überstände.

 

Der restliche Boxenkorpus wird in einem Rutsch mit einer langen Bahn beklebt, die wir nach dem Einkleistern handlich zusammen gefaltet haben.

Wir beginnen seitlich hinten mit dem Bekleben, drücken die Kanten mit der Bürste gut sichtbar an und schneiden vor der nächsten Fläche immer wieder die Zugaben ab, bis wir die letzte Klebung vollendet haben.

Nicht ganz ohne Flecken blieb die Tapete, deshalb darf sie am Ende auch mit Farbe wieder schön gemacht werden. Dauerhaften Schutz vor erneuter Verschmutzung bietet einfache Wandfarbe mit anschließendem Klarlack-Überzug. Das Besondere der Beklebung mit recht dicker Strukturtapete: Man sieht keine Schnittkante.

Aus den schon gefrästen Ausschnitten kann die Raufaser leicht ausgeschnitten werden.

Aus der Werkstatt ging es sofort in den Messraum, dafür musste nur der Werktisch auseinander genommen werden. Ein Breitbänder hat naturgemäß ein paar Problemzonen, die es nun zu glätten galt. Zum einen ist der Baffle Step zu nennen, der den Pegel in den Mitten stark beeinflusst.

Die erste Aktion reduzierte per frequenzabhängigem Regler aus Spule und übergelegtem Widerstand den Pegel oberhalb von 500 Hz. Danach wurde ein Saugkreis aus R, L und C parallel zum BB gelegt, der den Buckel zwischen 600 und 3000 Hz bearbeitet. Jeweils die blaue Linie ist das Resultat.

Noch nicht ganz sauber sind die Bereiche um 3,5 und 10 kHz, auch hier glätten Saugkreise die heftigen Spitzen. Wie sie wirken, zeigen die beiden folgenden Diagramme.

Alle Bauteile zusammen formen die Amplitude, mit der wir leben wollen.

Wer selbst noch ein wenig Hand anlegen möchte, hat ein schönes Betätigungsfeld bei den Widerständen, die wie ein Equalizer Betonungen schaffen können.  Rot zeigt die Veränderungen durch größere Widerstände, blau unser bevorzugtes Format.

Als ich die Wirkung des größeren Widerstands in Saugkreis 2 messen wollte, fiel mir mein üblicher “Drahtverhau” vom Messständer, aber man kann es sich denken: Größeres R hebt, kleineres senkt den Bereich um 3,5 kHz.

Die Weiche wird auf die Versteifung geklebt, die Box mit zwei Matten (je 60 x 80 cm) Polsterwatte gefüllt. Sie werden zusammengerollt unten und oben in die Kisten gestopft.

Messungen

Bleibt noch die Hörprobe, die im Laden erfolgte. Um nicht zu übertreiben, blieb die Röhre kalt, der Luxman L 215 war der passendere Spielkamerad. Entgegen der normalen Aufstellung parallel zu den Wänden durften mir die ForFun 20 direkt ins Gesicht spielen, anders gehen die Höhen an mir vorbei. Hörtests mit vier Leuten auf dem Sofa sind nicht ihr Ding.  Mit gut 87 dB/ 2,83 V gehören die Spaßmacher durchaus zu den lauteren Achtöhmern, also reichen auch die 15 Watt des Vintage-Amps, um auch mal Laut zu geben. Das ist auch mehr angesagt als die ganz leisen Töne, Bluesklasse hat der Einweg-Lautsprecher nicht. Aber wahrscheinlich verbinde nicht nur ich den Spaß mit herzhaftem Geräusch aus den Krachkisten. Also mal sehen, was haben wir aus diesem Musikabteil denn so auf der Youtube? Gleich unter A gab es AC/DC: Highway to hell, das ging gut ab. den trockenen Bass mit spürbarem Druck hätten wir weder vom Medium, noch von unseren Boxen erwartet. Die Gitarren heulten, dass es einfach Spaß machte. Den hatte auch das Publikum, dass in respektvoller Entfernung heftig mitsang. Eigentlich wollte ich jetzt weiter nach geeignetem Material suchen, aber “TNT” folgte sofort, blieb ich noch ein wenig at Riverplate. Knocking on Heaven’s Door, von Guns N’ Roses vorgetragen, gab es in fast hervorragender Klangqualität, wenn auch ohne Bild, es durfte auch noch etwas lauter sein. Aus älterer Zeit durfte Led Zeppelins klassische Ballade “Stairway to Heaven” nicht fehlen – hätte ich eigentlich vor dem Anklopfen an der Himmelspforte finden müssen. Zwei Flöten, Jimmy Page’s akustische Gitarre und die Stimme von Robert Plant stehen da wohlgeordnet auf der Bühne, um dann nach sechs Minuten die Sau fliegen zu lassen, dass es den einsamen Zuhörer nicht mehr auf seinem bequemen Sofa hält. Wo ich  schon bei den Klassikern bin und mir fast 50 Jahre Rockgeschichte um die Ohren knalle: Deep Purple: “Child in Time” vom “In Rock”-Album ließ Kopf und Beine zappeln, die Hände klatschten auf die Schenkel, ich hatte einfach Spaß.

Sollte einmal kein Karneval oder Barbeque anstehen, kann man die ForFun 20 sicher auch für ein paar Tage im Wohnzimmer abstellen. Vermutlich wird es viele Lebensmittelpunkte geben, die weit schlechter beschallt werden.

Udo Wohlgemuth

Zur ForFun 20 im Online-Shop

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ToRoe

Würde eine Bassreflex Variante Sinn machen?

Rüdiger

Klingt nach der Box für meinen Kleingarten

Gipsohr

Hallo Rüdiger, hast du die für den Kleingarten gebaut? Ein Freund fragt genau für so einen Einsatz😃.
Mir stellt sich die Frage ob die für 350qm Freifläche laut genug können?
Grüße Achim
PS: … auch andere Nachbauer dürfen sich gerne melden.

MartinK

Hallo Achim. Habe die deutlich kleinere CT 193 auf knapp 300 qm gelegentlich im Einsatz. Ich sage mal so: Musik zur Untermalung bei Gartenarbeiten oder einem Hock mit den Nachbarn geht ganz OK. Ein paar Leute mit Bier zum Fußball auch. Insofern sollte Deine Idee funktionieren. Die 20er hat ja deutlich mehr Membranfläche.
Ich hatte zuerst die RS100 PC am Start aber die hat definitiv zu wenig Puste.
Gruß Martin

Gipsohr

Hallo Martin, es soll schon mal laut werden. Als Plan B steht noch die PartyBox in der engeren Wahl. Wobei die Forfun draußen bleiben kann?!
Zudem macht der Preis inkl. Verstärker den Faktor 3 aus.
Bin noch unschlüssig🤔

MartinK

Die Chassis der Forfun sind lt Datenblatt für draußen geeignet.
Vielleicht kannst Du auf dem Gelände mal mit anderen Lautsprechern testen?.
Wenn aber gelegentlich etwas mehr Pegel sein darf, würde ich nur die Party-Linie nehmen. Mit 2 zerschossen Chassis der Forfun ist dann auch nix mehr gespart.
Vielleicht tut es für den Anfang und zum Anfixen auch erstmal eine Party-Box im Monobetrieb.

Sebastian

Hallo,
kann es sein, dass meine Fragen (+zugehörige Antworten von Udo) gelöscht wurden? Wollte die Kommentare eben noch einmal lesen, kann sie jedoch nicht mehr finden 🙁
Gruß

Aki

Hallo Udo,

da sind sie ja doch noch, die lange erwünschten Wasserfesten, die auch mal draussen bleiben können! Mal sehen, wie das Gehäuse regenfest wird. Mir fällt spontan die Siebdruckplatte ein. Evt. reicht auch schon mehrmaliges Tränken mit Leiölfirnis…

Grüße Aki

Rundmacher

Hallo Udo,

mit deinen kurzen Erläuterungen zu den Einflüssen der RLC Zweige in der Weiche ermuntere ich mich einmal selber da etwas recht allgemein zu fragen. Ich kann mir schon denken das dieses Thema sehr oft behandelt wurde, in anderen Foren bis ins Unendliche, zu Recht werden viele abwinken bei einer solchen Frage oder die Chipstüte hervor kramen.
Also, da ist eine Senke im Schrieb von etwa 9…11kHz um die 20dB. Das die kleine Box das darf ist gesetzt. Was hört man dadurch (nicht) im normalen Berieb? Ist das schlimm? Ist es schlimmer wenn der Buckel zwischen 600Hz und 3kHz mit 5dB unbehandelt bleibt?
Wills ja nur mal kurz wissen…

Es grüßt freundlich
Rundmacher

Audicz

Hallo Udo,
schöner Bericht nur Robert Plant wäre beleidigt… 😉
Gruß Dino

JoKa

Hallo Udo,

ich staune, was Du so alles nebenbei an Seltenheiten in einem einzigen Bericht unterbringst:

Seit langem mal wieder ein 8Zoll-Breitbänder, aber einen outdoortauglichen mit wasserdichter Membran, dazu in geschlossener Bauweise, in einem der größten Kompaktboxgehäuse, mit tapezierter Oberfläche, mit einer anschaulich bildhaften Anleitung, wie der Frequenzgang schrittweise geglättet wird, und zum Schluss noch die Option: „Wer selbst Hand anlegen will …“

Und das Ganze zu einem günstig-verlockenden Einsteigerpreis.

Sehr gelungen!

Ben

Ah, stelle ich mir jetzt die Mona oder die auf den Schreibtisch, verflixt….

Michael

Und wieder ist die Auswahl an Lautsprechern größer geworden. Die Eigenschaft “waterproof” macht diesen Lautsprecher für gewisse Einsatzorte sehr interessant.

Da würde ich aber die Gehäuse besser verputzen anstatt zu tapezieren. 😉

Gruß Michael

Matthias (DA)

Na, da ist sie ja endlich die angemessene Beschallung für Schrebergarten, Sauna und Co 😉
Schön mal wieder was abseits vom mainstream zu finden
Matthias

Sparky

… und da sag noch einer “Ruhris” hätten keinen Sinn für Karneval, wenn es dazu Breitbänder in tapezierten Gehäusen spendiert bekommt 😉
Der Bericht klingt beim Lesen in der Tat nach Spaß, die Apparate muss ich mir mal anhören kommen bei Gelegenheit.

Gruß,
-Sparky