SB 85 TL – das kleine Zwischenspiel

Seit nahezu 35 Jahren gehören Transmissionlines zu den Bauformen, die ich gern für meine Bauvorschläge nutze. Angefangen hatte es mit Nachbauten englischer Meisterwerke, Bailey, Atkinson oder Rogers waren deren Väter, KEF und IMF lieferten die Chassis. Natürlich wurde auch mit anderen Produkten experimentiert, Vifa, Isophon und Seas boten sich an, die fanden sich auch in Arcus-, Quadral- und T+A-Fertigboxen.

Schon recht früh traute ich mich, die oft komplizierten Aufbauten zu vereinfachen. Am Ende hatte ich eine TL ohne Vorkammer und mit durchgehend gleichem Querschnitt entworfen, die kaum schlechter funktionierte als die bekannten Vorbilder. Waren sie vor meiner Zeit bei K+T nur meinen eher wenigen Kunden bekannt, schafften sie spätestens mit dem CT 188 den Sprung auf die Selbstbauwiese. Heinz Schmitt, mein großartiger Chefredakteur, redete mir damals ein, die Bässe auf ein Drittel (bei zweien auch auf ein Fünftel) der Lauflänge zu setzen, was die bekannten Welligkeiten im Übergang zur Membranabstrahlung nahezu auf Null reduzierte. Den Rest erledigte das gleichmäßig im “Rohr” verlegte Dämmmaterial.

Leider sind diese Dinosaurier des Boxenbaus nie klein, daher finden sie heute viel zu selten ihren Platz im Wohnzimmer. Mit modernen 17ern, die angeblich problemlos die 35 Hz erreichen, geht das in Bassreflex kleiner und vor allem schlanker. Doch auch das ist der Vorteil des Selbstbaus, wir müssen uns nicht ständig an Mainstream orientieren, es darf auch gelegentlich daran vorbei gehen. So wagten wir uns wieder einmal an diese alte Bauweise und schufen die SB 85 TL.

Naja, wenn wir mal wieder ganz ehrlich sind, wurde die Line schon einmal vor zwei Jahren verwendet. Damals hieß sie SB 23 TL und war die Heimat der glänzenden Alu-Chassis von SBAcoustics. Bleiben wir noch ein wenig beim Anfang des Absatzes, sie hatte nie den Erfolg, der uns zum Ausbau der Serie gezwungen hätte, so stampften wir sie einfach ein.  Nicht einmal den Weg ins neue Magazin haben wir ihr gestattet, im Online-Shop tauchte sie ebenfalls nicht auf.

Als wir vor ein paar Wochen den Keller entrümpelten, stand sie auf einmal vor uns und wehrte sich vehement gegen den Gang zum Müllplatz. Es gibt doch noch keine SB 85, die logische Fortsetzung der SB 15 und 30 STC, hörten wir sie flüstern. Stimmt, pflichteten wir ihr bei, drum blieb sie uns erhalten. Eine Sketchup-Zeichnung und alte Fotos vom Zusammenbau gab es auch noch auf der Festplatte, noch mehr Arbeit gespart und trotzdem die Seite mit vielleicht nützlichem Inhalt gefüllt.

Der SB 23 NRXS45-8 steckt in eine Laufleitung gepackt, die auf seine sehr niedrige Resonanzfrequenz von 32 Hz abgestimmt ist. Mit etwa 2,4 m Länge und etwas mehr als der Membranfläche im Querschnitt, sowie einem aufgesetztem Abteil für den SB 15 NRXC30-8 ergab das eine schlanke Kiste mit 25 cm Breite bei 1,22 m Höhe und weniger als 30 cm Tiefe. Unser allgegenwärtiger Hochtöner SB 26 STC-4  durfte sich in der Line einnisten, dort sitzt er in Ohrhöhe unter dem Mitteltöner. Als Besitzer einer CNC-Fräse haben wir  ein paar nützliche Nuten als Führung für die Innenbretter in die Seitenplatten gefräst, die den schon recht einfachen Zusammenbau noch einfacher machten.

Nach kurzer Trockenphase wurde das Gerippe umgedreht, damit Rückwand und Front aufgeleimt werden konnten. Zurrgurte halfen bei der Fixierung.

Im Keller wurden die Gehäuse geschliffen, im Bild oben ist die rechte Box schon fertig, auf der linken noch der ausgequollene Kleber sichtbar. Der muss komplett runter, weil er in Lack oder Öl nicht zu verbergen ist.

Nach dem vor zwei Jahren erfolgten Zusammenbau mussten wir nur noch in eine Box Kabel einziehen, Dämmstoff einlegen, die Chassis anlöten und verschrauben. Schon war alles fertig für das Ermessen der Weiche. Zuerst durften alle Chassis nacheinander Sinustöne an das Mikrophon senden, die auf dem Bildschirm als bunte Kurven erschienen. Aus ihnen ließ sich leicht ihr idealer Einsatzbereich herauslesen und so die passende Trennung festlegen.  Als Fundament diente der Bass, der zudem den Pegel vorgibt. Ein Filter 2. Ordnung (Spule in Reihe, Kondensator parallel) lässt ihn bis 300 Hz sauber an der 85 dB-Linie liegen, dann fällt der Pegel ab.

Mehr Bauteile verlangte der Mitteltöner, der hier tatsächlich diesen Namen verdient. Eigentlich ist er nur für die Strecke von 700 bis 3000 Hz verantwortlich, ergänzt aber den Bass bis unter 100 Hz. Nach unten hat er ein 12 dB-Filter, dessen Spule L5 direkt vor dem Chassis parallel liegt. Dazwischen sitzt eine Spule L2, die mit dem Parallel-C4 nach oben trennt. Der übergelegte Kondensator C3 wirkt dabei ausgleichend auf die Bergkette oberhalb von  4 kHz ein. Zusätzlich glättet ein Saugkreis die Überhöhung zwischen 700 und 2000 Hz, ein Widerstand senkt den Gesamtlevel. Über ihn lässt sich die Tiefe der Bühne variieren. Wird er kleiner, rücken die Musiker weiter nach vorn.

Völlig problemlos fügt sich der Hochtöner in seine Ketten aus Filter 2. Ordnung und Spannungsteiler.

Die Schaltung sieht auf den ersten Blick recht chaotisch aus, besonders die neun Bauteile vor dem Mitteltöner sind für unsere Verhältnisse beachtlich. Zudem brauchen sie ihre festgelegte Ordnung, damit die Filterung passt. Aus praktischen Erwägungen haben wir die Bassweiche vom Rest getrennt aufgebaut.

Die Messungen:

Damit auch alle Fragen zum Einbau der Innereien schon vorweg beantwortet sind, haben wir auch das bildlich dokumentiert. Klar ist uns dennoch, dass unsere über Jahre gewonnene Betriebsblindheit ein paar kleinere oder größere Unklarheiten übrig lässt. Die lassen sich leicht in den Kommentaren klären und bleiben so der Nachwelt dauerhaft mit dem Bericht verbunden.

In das TL-Brett bohren wir ein Loch, durch das wir ein Kabel fädeln, das später Terminal und Weiche verbindet. Auch das Trennbrett zur Mitteltonkammer wird durchlöchert, bevor das Dämmmaterial in die Box kommt.

Besonders leicht gelangt das Dämmmaterial von der Rolle in die hintere Line. Es ist 1,6 m lang, ein Streifen mit etwa 25 cm Breite wird durch den Bassausschnitt um die Ecke geschoben, bis der lange Arm es durch die TL-Öffnung erreicht und dort um 10 cm herausziehen kann.

Nachdem die Weiche unterhalb des Basses auf das hintere TL-Brett geklebt oder geschraubt wurde, wird der vordere Teil der TL mit einem weiteren 25 cm-Streifen Rollenware gefüllt. Die Kabel ragen noch aus dem Bassausschnitt heraus.

Die Mitteltonkammer wird locker mit einem Streifen mit 20 x 80 cm gefüllt, bevor die Chassis angelötet werden. Die Pluspole sind entweder markiert oder durch das breite Fähnchen gekennzeichnet. Der Bass wird phasengedreht zum MHT-Teil angeschlossen. Wir erledigen das schon an der Weiche, wo Bass + und Terminal – am gleichen Punkt liegen. Wenn das Terminal angelötet ist, kann man sich die Boxen auch ohne Lack oder Leder anhören. DerTL-Kanal lässt sich leicht mit einem Rahmen blickdicht machen. Wie er angefertigt wird, haben wir im Bericht zur U_Do 12 gezeigt. Natürlich empfehlen wir nicht, die SB 85 TL im Rohbau ins Wohnzimmer zu stellen. Zu oft wird dann zu lang die Behandlung der Oberfläche aufgeschoben, was manchem Mitbewohner nicht unbedingt zusagt. Obwohl … immerhin kann man dann mit großer Wahrscheinlichkeit in absoluter Ruhe seine Musik genießen.

Im Hörraum haben wir die SB 85 TL an unseren gerade aus der Revision zurückgekehrten Marantz 4300 angeschlossen und schon mal vorweg, beide machten uns Freude. Ganz entspannt musizierten sie wie alte Freunde, die sich nach langer Zeit wieder gefunden haben. Ganz so abwegig ist das nicht, denn als der Amp erfunden wurde, gehörten TML’s durchaus zum guten Ton.

Wir begannen die Hörprobe zeitgemäß mit Rock-Klassikern aus den 60ern und 70ern, die auch nach fast einem halben Jahrhundert weiterhin neue Anhänger findet. Wir baten Carlos Santana, sein “Soul Sacrifice” noch einmal so mitreißend zu spielen, wie er es 1969 in Woodstock tat. Prompt stand er mit seiner Rhytmusgruppe, dem Keyboarder und vor allem seiner Gitarre vor uns und knallte uns sein Feuerwerk in die Bude. Ich konnte es mir nicht verkneifen, auch noch Ten Years After’s “I’m going home” zu genießen. Die elf Minuten Alvin Lee mit Stimme, einem kurzen Gitarrensolo, begleitet von rhytmischen Handeklatschen seiner Musiker und des Publkums gehören wahrscheilich nicht nur für mich zu den Highlight der Rockgeschichte. Achso, die Lautsprecher erschraken sich nicht, als ich den Pegel stetig erhöhte, bis sich Jasper’s Farm mit genug Platz für eine Million Menschen unmittelbar hinter ihnen auftat. Dumm nur für den Leser, dass bei dem Festival so viel großartige Musik geboten wurde – Janis Joplin, Joe Cocker, Jimmi Hendrix Jefferson Airplane, The Who, Ravi Shankar, Canned Heat, Grateful Dead, Johnny Winter, …  Wer kann da mit einer dagegen eher öden Klangbeschreibung weitermachen?

Nun gut, viele dieser Woodstock-Legenden gibt es auf Youtube nur in erschreckend schlechter Qualität, da kann man das Festival nach zwei Stunden kurz reinhören auch mal wieder verlassen. Steht da nicht gerade “Deep Purple – Child in time” in der Sidebar? Die zehn Minuten gehen auch noch, selbst wenn sie nicht zu den Aussagen anregen, die der Leser in der Klangbeschreibung erwartet.

Ja, der Bass unserer SB 85 TL hat Kontur, Druck und Tiefe, Stimmen haben Körper, das Becken schwingt wunderbar aus. Vor Klassik und Jazz hat der Lautsprecher keine Angst, er kann laut und leise, die Musik löst sich von den Boxen, die Bühne ist greifbar. Die Musik kommt in einem Guss aus den drei Chassis, lässt sich nicht in Bass, Mitten und Höhen zergliedern, eigentlich für unsere Bauvorschläge nicht untypisch. Und bevor ich mich noch lang und breit mit dem Unwesentlichen beschäftige, zieh ich mir noch die 10.42 Minuten Led Zeppelins Klassiker “Stairway to Heaven” rein. Jimmy Page mit Doppelgitarre ist ein Genuss! Und nun wünsch ich allen einen schönen Nachmittag, den hab ich sicher auch in geseliger Runde mit Black Sabbath, Nazareth, Jethro Tull, den Doors und den vielen von den anderen, die mich schon mein Leben lang begleiten.

Udo Wohlgemuth

Zur SB 85 TL im Online-Shop

 

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://www.acoustic-design-magazin.de/2018/02/04/sb-85-tl-das-kleine-zwischenspiel/

23 Comments
neuste
älteste
Inline Feedbacks
View all comments

Hallo Zusammen,
gibt es Mutige, die sich trauen den Sb85Tl klanglich in die SB-Familie einzureihen? SB36/417/23/240?

Hallo Udo, wenn ich es richtig vernommen habe, ist spielt die sb417 druckvoller als die sb36. geht aber nicht soweit runter wie das bollwerk, die sb240. Die sb23 ist für die wandnahe Aufstellung entworfen, spielt schön tief aber nicht so druckvoll wie die sb417. Wenn Du mir hier folgst, wie würdest du die sb85 charakterisieren?

1. Nachtrag: Ich kaufe ein l. (eingehüllt)
2 . Mit BAUCHIG ist das voluminöse Klangbild gemeint. Man hört sie irgendiwie atmen aber nicht brummen. (sie schreit irgendwie, ike will mehr)

Nabend Leute,

Gestern war ich ja bei Udo und habe meine Mona abgeholt und wollte unbedingt diesen Ls hören. Eigene Musi hatte ich nicht bei, sagte aber zu Udo, dass ich gern Jazz, Blues, R&B 70-90er und Country höre. Zu Rock habe ich keine Beziehung aber auch diesen hat er von der Leine gelassen.

Nun mal meine ersten Eindrücke, des Klanges, von diesem Ls.
Der Ls ist wirklich ein Allrounder, egal was Udo auch aufgelegt hat, alles jut!
Die SB 85 TL ist sehr gut in der Wiedergabe, der Stimmen.

Ich fragte Udo, ist da ein Breitbänder verbaut? Denn der Klang der Stimmen erinnerte mich wirkllich daran. Antwort, NÖÖÖ!

Für mich sind die Stärken des Ls, die Stimmenwiedergabe im Mittelton und gute Feinzeichnung bei den Höhen. Den Bass würde ich, bei der Wiedergabe, eher als etwas bauchig beschreiben. Nie aufdringlich aber auch tief runter, ohne das ein Gefühl des Brummens aufkam.

Ich lauschte und lauschte und dann legte Udo nach und was ist zu hören? He knackisch kann die auch! Die SB 85 TL ist somit wirklich ein guter Allrounder zu einem guten Preis.

Zu erwähnen wäre noch, dass alles gestreamt wurde, über sein Tablet.
Was ich auch noch goil fand war die Katz, die sich hinter uns in Dämmstoff eingehült hatte. Ein Bild für sich!

Gruß Jörg

PS: Udo sag mir bitte noch mal den Titel den Du mir als erstes auf der Mona angespielt hast. Alzheimer, hust!

Na wenn alles gut geht komm ich Montag mal vorbei und werde mir diese Ls anhören. Und als Number 2 werde ich mir endlich die Mona mitnehmen.

Ich bin gespannt und freue mich schon!

Wow! Endlich mal wieder eine Transmissionline!
Es war zwar damals nur ein Einsteigerbausatz, aber mit der FT4 habe ich da wirkich Blut geleckt.
(Die FT4 laufen übrigens immer noch bei einem Bekannten, den ich damit vom Teufel kurieren konte)
Es reizt mich die zu hören. Mal sehen ob es klappt, das ich Bochum in absehbarer Zeit aufsuchen kann.
Bin auf jeden FAll jetzt schon angefixt!
Schöne Grüße!

Da würde mich doch glatt eine 5-12 TL interessieren oder eine 6-15 mit Seitenbass um den Spagat zu dem Modischem Dubstep/Trap Dauergebrumme ganz ohne mysteriöse PA zu meistern 🙂

Viele Grüße und toller Bauvorschlag/Bericht!
Martin

Die SB23TL hätte mir ja auch gefallen, wenn da die silbernen Membranen nicht gewesen wären.
Aber, Mensch Udo, warum baust du in das Gehäuse jetzt die “richtigen” SBs? Jetzt muss ich diese Lautsprecher auf meinen Merkzettel setzen 😉

Hallo Udo,
den Artikel über Transmissionlines habe ich durchgelesen. Dennoch frage ich mich gerade, an welcher Position der Line der TT eingebaut sein muss. Wäre es möglich, die Box weniger hoch, dafür aber tiefer zu machen und dann drei Faltungen einzubauen. Die Line startet dann nach unten statt nach oben, etwa so:
      __________
MT |     |
      |_________|
HT | |   |
TT | | | |
     | | | |
     | | | |
     |______| |
     __________|

Oder geht dann die ganze Abstimmung flöten?

Hallo Udo,
jetzt darfst Du noch die Zeichnung im Shop von SB23TL auf SB85TL ändern, dann ist alles i.O. für die Nachwelt.
Schöner Bericht, weiter so

Gruß Lars

Hallo Udo!

Da bin ich echt gespannt wie die Pappen sich in dem alten Gehäuse machen. Wenn ich den Frequenzschrieb korrekt interpretiert habe, hast Du die Stimmen leicht hinter die Lautsprecher verbannt und den Oberbass etwas voluminöser klingen lassen. Das macht neugierig. Wird mal wieder an der Zeit auf dem Sofa im Bochum platz zu nehmen und zu lauschen.

Grüße
Rincewind

Ein schöner Bericht der auch die natürliche menschliche Faulheit nicht unerwähnt lässt.
Hätte ich nicht gerade so viele Baustellen, wäre die SB 85 TL genau das Richtige fürs Urlaubsdomizil. Ich komme nicht darauf wie die Namensgebung zustande kam??
Liebe Grüße
Martin

Merci Udo. Das war zu einfach……
Gruß Martin

Na dann wünsch ich noch einen schönen Restnachmittag mit der neuesten Kreation. Lass rocken!
Gruß Dino

23
0
Kommentar schreibenx
()
x