Linie 43 mit maximalem WAF

In den letzten zwei Jahren hatte ich bereits eine FirstTime 13 für den Fitnessraum, eine Symphony 5 ACL für das Arbeitszimmer und eine SB 15 Inwall für das Badezimmer eines Freundes gebaut. Und im Wohnzimmer spielten noch immer meine Loewe Legro 67. Ein optisch schöner Lautsprecher, zwei Wege in Pseudo-d’Appolito-Anordnung und dank geschlossener Konstruktion recht kompakt. Klanglich nicht schlecht, aber von Udos Kreationen eben doch ein Stück weit entfernt. Insbesondere die Hochtonauflösung konnte nicht mit SB und schon gar nicht mit Eton mithalten. Und dabei höre ich im Wohnzimmer letztlich doch am meisten – hier steht mein geliebter Plattenspieler ebenso wie die Hifiberry-Anbindung an moderne Quellen.

Langsam versuchte ich meiner Frau beizubringen, dass ich neue Lautsprecher für das Wohnzimmer bauen wollte. „Och nöö, dann bist Du schon wieder wochenlang im Keller“. Stimmt, aber bauen werde ich sowieso.

Also ging es an die Auswahl. Ich habe vieles überlegt: Little Princess (hatte mir bei Udo auf dem Sofa super gefallen, ist aber recht teuer. Der Nachfolger heißt Linie 74). Linie 53 (auch nicht billiger), SB36 (der Wunsch nach mehr würde immer bleiben), Linie 73 (Kippgefahr wegen hohem, schlankem Gehäuse und kleinen Kindern). Und zu jedem Lautsprecher habe ich Udo Fragen gestellt: „Kann ich die auch mit XX Liter Volumen bauen?“, „Geht auch Zweieinhalbwege mit Hochtöner oben?“, „Geht die Linie 71 auch als Standversion?“, „Kannst Du mir ein Upgrade von meiner Symphony 5 auf CeraBlue verkaufen?“. Und immer hat Udo schnell und kompetent geantwortet. So viel Kundenorientierung habe ich wirklich noch bei keinem anderen Geschäft erlebt, und das meine ich ernst.

Schließlich habe ich mich für die Linie 43 entschieden, nachdem Udo einer Verringerung des Volumens auf 50 Liter mit einem ungekürzten HP70 in 22 cm Länge zugestimmt hatte. Das ergab in 19 mm MDF ein Maß von außen 94 cm Höhe und 27 Breite und Tiefe, also mit quadratischem Grundriss. So ergibt sich zwar nur etwa drei Zentimeter Abstand von der Austrittsöffnung des BR-Rohrs zur Hinterseite der Box, doch auch hier kam schnell die Antwort von Udo: „So bekommst Du sogar noch eine um etwa drei Hertz tiefere Abstimmung“. Perfekt, also ran an die Arbeit.


Die Box sollte weiß werden. Zuerst überlegte ich einen Bau auf Gehrung und Lackierung durch den Tischler. Die Kosten sowie der hohe Aufwand hielten mich aber letztlich davon ab, denn ich scheute die Gehrungsschnitte mit einer Tauchsäge und Führungsschiene. Stattdessen entschied ich mich für Bekleben mit Schichtstoff. Das ist das Zeug, aus dem in der Regel die Oberfläche von Küchenarbeitsplatten besteht. Und seit einiger Zeit gibt es das auch durchgefärbt ohne schwarzen Träger, so dass ich es wie Furnier verarbeiten und lediglich die Kanten brechen musste. Ich entschied mich für die Bügelmethode, mit der ich schon gute Erfahrungen gemacht hatte, fertigte ein Probestück an und war begeistert.

Die Oberfläche des Egger W1001-Materials in supermatt ist einfach fantastisch. So gut würde ich das mit einer Selbstlackierung nie hinkriegen, das Material ist megarobust und mit knapp 100 Euro für eine Platte (gut drei qm) nicht besonders teuer. Und bei einer Stärke von 0,8 mm werden Stoßkanten absolut zuverlässig verdeckt.

Damit war der Bau der Lautsprechergehäuse ziemlich simpel – verleimen auf Stoß, Kanten mit dem Bandschleifer bearbeiten, furnieren mit Schichtstoff und Löcher fräsen. Das Letztere sollte ich nur nicht noch eben Sonntagnacht machen. Denn leider wurde das Loch für das Bassreflexrohr einer Box ein paar Millimeter zu groß, so dass das Rohr Luft hatte. Zum Glück war der Kragen breit genug und ein paar Umwicklungen mit Gewebeband sorgen dafür, dass es schließlich doch gut abdichtet.

Da wir kleine Kinder haben, musste ich die wertvollen Chassis noch mit einer Abdeckung schützen. Diese habe ich aus 24 mm Multiplex gefräst. Ziemlich hoher Materialverbrauch, aber dafür super stabil und trotzdem recht filigran. Befestigt habe ich die Abdeckungen mit jeweils acht Neodym-Magneten, die ich vor dem Furnieren versenkt und eingeklebt hatte. Durch die Festigkeit des Schichtstoffs ist nicht mal Spachteln der Magnete notwendig.

Und damit waren die Lautsprecher nach etwa vier Wochen und geschätzt 30-35 Stunden Arbeitszeit fertig. Recht überschaubar in Anbetracht des Ergebnisses. Denn das gefällt mir optisch recht gut. Und klanglich sind die Lautsprecher einfach umwerfend – aber das wäre in einem einfachen Grobspahngehäuse sicher nicht schlechter gewesen.

Zum ersten Test kamen natürlich meine Lieblingsstücke zum Einsatz, die ich sehr gut im Ohr habe. „Your latest Trick“ von den Dire Straits machte den Anfang. Einfach atemberaubend. Noch einmal eine ganze Schippe mehr als bei der Symphony 5. Vom Klangcharakter vergleichbar, aber der separate Mitteltöner sorgt noch einmal für eine viel schönere Darstellung der Instrumente und Stimmen. Und die Bassgewalt aus einem Achtzöller ist für Musik meiner Meinung nach ideal. Mehr brauche ich nicht.

Weiter ging es mit Aretha Franklin, Nils Lofgren, Eric Clapton und zum Abschluss des ersten Hörabends ein wenig klassischer Klaviermusik. Endlich. So hatte ich mir Musik in meinem Wohnzimmer vorgestellt. Ein Traum von Lautsprecher. Und auch meine Frau war begeistert und meinte, es hätte sich gelohnt. Was will man mehr.

Jens

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ThomasKleineberg

Hallo Jens,

Ich meine natürlich deine Frau.😜
Zu dem Schichtstoffthema noch ein Tipp. Von Polyrey gibts ein Schieferdekor mit richtig schwarzen Kern und täuschend echter Struktur. Wer es etwas dunkler mag.

Lg Thomas

Holger I.

Hallo Thomas,

Hast du eine nähere Bezeichnung des Polyrey Materials?

Danke und Gruß
Holger

ThomasKleineberg

Hallo Adi,

In weiß durchgefärbt heißt die W1001 pm. Ist echt ein geiles Zeug. Hab ich dieses Jahr schon verarbeitet. Musst du nochmal bei deinem Holzhändler nachfragen.
Ansonsten schön schlichte Lautsprecher. Da versteh ich deine Frau.

Lg Thomas

Adi

Hallo Jens
Die sehen ja toll aus.
Meine Frage: Heisst das Dekor W 1001 ST9?
Meinen Glückwunsch zu deinen Lautsprechern.

Antwort an Alle
Das ist eine Schichtstoffplatte, welche mit normalem Weissleim aufgeklebt wird.
Den Überstand kann man mit der Oberfräse mit nem Bündigfräser oder 45°-Fräser beseitigen.
Den Finish erledige ich mit der Feile ( gefeilte Fläche glänzt) oder mit einem 180er Schleifpapier (Fläche sieht matt aus).
Bei uns gross in Mode ist zurzeit Egger W1000 PM. Das ist wirklich supermatt. Gibts aber leider noch nicht mit durchgängig weissem Kern.
Gruss Adi

Michael M.

Von mir gibt da auch volle Punktezahl!
Gefällt mir sehr gut diese Schlichtheit, die L43 war damals auch meine Preis/Leistungs Favorit.

Bzgl. Fragen, ich schließe mich Herrn Hessenbruch an, das würd ich auch gerne wissen. 😉

mfg
Michael

derFiend

Wow, wirklich optisch sehr gelungener, dezenter Lautsprecher! Auch die Umsetzung der Frontabdeckung gefällt mir ausgenommen gut. Ähnlich wie Stefan interessiert mich dieses Furniermaterial sehr. Kannst Du dazu vielleicht nochmal was näheres schreiben, eventuell in einem eigenen Foreneintrag? Mich würde insbesondere interessieren wie man die Kanten da gut hinbekommt, schleifen wird ja kaum möglich sein.

Gratuliere zu diesem tollen Werk!

Stefan Hessenbruch

Servus Jens,
ein wirklich schlichtes, elegantes und zeitlos schönes Design. Die fallen keinem Auge zur Last. Reiner Fokus auf die Ohren 🙂
Das Furniermaterial ist ja ziemlich interessant. Wusste nicht, dass man das in der Größenordnung bekommen kann… Muss ich mich unbedigt mal mit beschäftigen!
Kannst Du mal eine Makroaufnahme von den Ecken machen? Würde mich interessieren, wie gut man das mit dem Zeug hin bekommt.
Wie hast Du die Kanten denn überhaupt bearbeitet?
Viel Freude mit den tollen Teilen!
Stefan