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Antwort auf: Allgemeine Fragen und Information zu Verstärkern aller Art!

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Sparky

Guten Abend die Herren,

hier ist ja richtig was los, fein.
Das wunderbare Sonntagswetter habe ich allerdings lieber genutzt, um mit Muttern in den Zoo und anschließend Essen zu gehen 😉

Warum Röhre nun „wärmer“ klingt, liegt zum anderen an ihren Harmonischen, die sich im Gegensatz zum Transistor angenehm zum Grundton gesellen. Zudem „clippt“ eine Röhre eher weich, sie sättigt dann und es klingt nach einem halligen Kanalrohr, aber ebenfalls längst nicht so unangenehm wie beim Transistor. Das führt dazu, dass zu Gunsten der Ausgangsleistung viele Röhrenverstärker „unsauber“ spielen, eine gewisse Verzerrung (THD) wird dort einfach in Kauf genommen und gar vom Kunden gewünscht. Zum anderen hängt dort in den meisten Fällen ein Ausgangsübertrager zwischen, der zum einen ein induktiver Energiespeicher ist, zum Anderen dadurch aber den Gesetzen der Induktion unterliegt. Dies ist ebenfalls ein großer Faktor gerade im Bassbereich, da die Membran des Tieftöners dann oftmals nicht so hart eingespannt wird wie bei einem potenteren Transistor und eher zu eigenmächtigem Ausschwingen neigt, was dann ebenfalls eher „warm“ als „trocken“ klingt.
Und eine bewusst träge Siebung mit Elkos, Drossel und Röhrengleichrichter tut noch ihr übriges.

Natürlich kann man alle diese Effekte auch heute digital erzeugen. Ich bin da aber so anachronistisch und frage: Wozu?
Hört man Transistorverstärker aus der Anfangszeit dieser Technik, fallen einem bei vielen Modellen das auch eher „wärmere“ und „weichere“ Sounding auf. Nicht selten war das gewollt, um die röhrengewohnte Kundschaft sanft von der neuen Technik zu überzeugen. Da gab es halt Hersteller die sagten „Guck mal, wie viel Leistung ich mit der neuen Technik kann!“ und solche die sagten „Werter Kunde, es klingt doch genau so gut wie ihr Bestandsgerät, aber es ist viel sparsamer im Verbrauch“

Anders herum gibt es auch immer noch Bestrebungen, mit hohem Aufwand Röhrenverstärker zu entwickeln, die dann in Sachen „Sauberkeit“ und Co. dem Transistor in nichts nachstehen.
Hier ist nicht selten die Intention, den Röhrenskeptikern, die dem „warmen“ Sounding eher Prädikate wie „matschig“ und „plödderig“ angedeihen lassen zu sagen: Und es geht doch!

Aber auch hier die Frage: Wozu?

Rein technisch betrachtet sind Röhre und Vinyl lange tot. Bei manch aktuellem Stück wird digitales Knistern untergemischt, um ein „oldscool feeling“ auch ohne Rillenfräse zu ermöglichen, auch Röhrenklang kann mittlerweile vom Computer realitätsnah berechnet werden, so dass ein Keyboard wie eine Hammondorgel spielt oder ein Lied inklusive hintergründigem Brummton so klingt, als währe es auf einer sehr alten Studio Röhren Kombi inkl. Röhrenmikrophon aufgenommen. Wer also allein den klang will, der kann sich eine kleine schwarze Kiste hinstellen, die ihm das so simuliert wie gewünscht.

Mir persönlich geht es aber bei Röhre z.B. um viel mehr als ihre Klangeigenschaften – Röhre ist wie Vinyl eine Art „zelebrierte“ Musikwiedergabe. Kein anderer Verstärker trägt seine Leistungselemente so stolz zur Schau, anstelle sie im Gehäuse zu verstecken. Des abends das Glimmen der Heizfäden zu betrachten hat etwas von Kaminfeuerromantik, zusammen mit Platte kommt sogar hin und wieder das passende Knistern hinzu. Natürlich muss man bei den meisten Modellen umständlich aufstehen und händisch die Lautstärke anpassen. Aber aufstehen muss man bei „vollanaloger“ Kette ja eh spätestens, um die gerillte Plastikscheibe auf die B-Seite zu wenden.
Da nehme ich z.B. gern den unterirdischen Wirkungsgrad und die im Vergleich exorbitante Stromaufnahme in Kauf, irgendwer muss ja auch das Netz stabilisieren 😉

Röhre ist für mein Empfinden etwas für Liebhaber solcher Technik und ihres Klanges, man kauft sie nicht, weil es technisch keine bessere Alternative gäbe, sondern weil man manchmal einfach nicht die rationelle Entscheidung treffen will, denn aus technischer und energetischer Sicht wären wir sonst schon alle bei ClassD mit DSP und gestreamter Musik.

Gruß,
-Sparky

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