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Antwort auf: Welcher Plattenspieler zum Einstieg?

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HortusNanum

Hallo Rincewind,

Eine sehr schöne Rede zur Lage der (Vinyl)-Nation. Vielleicht solltest Du wirklich Podcasts machen! 😉

Mein Wiedereinstieg in die Vinyl-Welt ist jetzt ein paar Jahre her. Die wirklich guten Flohmarktjahre habe ich jedoch leider verpasst. Allerdings habe ich als Teenager noch die korrekte Bedienung und Behandlung dieser feinmechanischen Meisterwerke mitbekommen, ebenso den Niedergang der Branche in den späten 80er Jahren und die Ablösung des schwarzen durch das silberne Gold.

Tatsächlich habe ich mich vor einigen Jahren auch vor der Frage gesehen: Good Old HiFi oder Neugerät? Die Auswahl an halbwegs vernünftigen Plattendrehern neuer Bauart war damals noch geringer als heute und orientierte sich vielfach noch am DJ, der mit seinen Fettfingern auf den Platten herumtapst und mit hektischen Bewegungen Platte, Nadel und Motor ruiniert. Daneben gab es dann auf polierte Brettchen montierte Riementriebler mit Modellbaumotoren und sonst ohne die selbstverständlichen Komfortmerkmale, die ich aus meiner Jugend gewohnt war. Damals waren manuelle Geräte nur was für HighEnd-Spinner mit zuviel Geld. Alles andere hatte zumindest eine Halbautomatik. Der Technics Tangentialvollautomat meines Bruders konnte damals sogar über einen optischen Sensor die Zwischenräume zwischen den Tracks erkennen und so ähnlich wie ein CD-Player die Songs direkt anspringen.

Am Ende landete ich dann für kleines Geld bei einem Top-Modell eines bekannten Schwarzwälder Herstellers, von dem ich mir damals nur den kostenlosen Modellprospekt und den sehnsüchtigen Blick ins Schaufenster leisten konnte.
Obgleich es sich damals um Großseriengeräte handelte, orientierte sich die Materialauswahl und die Verarbeitungsqualität nicht am kurzfristigen Shareholder-Value,  sondern an Langlebigkeit und musikalischer Qualität. Die daraus resultierende subjektive Qualitätsanmutung und Haptik bekommt man heute wenn überhaupt höchstens bei Geräten, auf deren Preisschild ein mittlerer vierstelliger Betrag vermerkt ist.
Jedenfalls bekam ich so für ’ne schmale Mark einen 40 jahre alten Veteranen, der wie neu aussieht und auch so spielt. Da bliebt noch ein guter Teil des geplanten Budgets für einen guten Tonabnehmer übrig.

Warum sich zumindest ein simples Komfortfeature wie eine automatische Endabschaltung samt Tonarmlift im sogenannten High-End Bereich nie etablieren konnte, ist mir bis heute ein Rätsel. Da kauft man sich für den Gegenwert eines Kompaktwagens eine Bohrinsel, für deren Aufstellort ein statisches Gutachten eingeholt werden muss und dann knackt stundenlang alle zwei Sekunden die Nadel in der Auslaufrille weil ich bei der Kleinen Nachtmusik eingeschlafen bin? Ernsthaft?

Auch die Verpönung der Anfang der 1980er hervorragend ausentwickelten Direktantriebe ist mir nicht ganz klar. Natürlich macht so ein Masselaufwerk mit poliertem Granitteller, viel Chrom und Messing und freilaufendem Gummiband optisch eine Menge Eindruck. Aber das Ding permanent am Laufen zu halten, damit die Lager auf gleichbleibender Temperatur bleiben und man vor allem bei spontaner Lust auf Musik nicht 20 Minuten warten muss, bis der schwachbrüstige Riemenjohann die 30kg Schwungmasse auf Solldrehzahl gebracht hat, erschien mir doch immer zu wenig praktikabel. Außerdem ist sowas nix wenn Kleinkinder im Haushalt wohnen.

Und natürlich ist es schwierig, die Mechanik eines Vollautomaten in ein modulares System zu bauen, bei dem für Tonarm, Tonarmbasis, Motor, Motorregelung, Plattenteller, Plattentellerlager usw. jeweils getrennte Upgradepfade angeboten werden, um einmal gewonnene Kunden mit dem immer neuen Versprechen auf noch mehr besseren Klang mehrfach zu monetarisieren.
Aber gut, vielleicht hatten sie recht. Immerhin gibt es Transrotor noch, während Dual pleite ging und heute u.a. als ruhmreicher Name für Hanpin-Dreher herhalten muss.

Festzuhalten ist, dass meine Jugendliebe zum Vinyl nie ganz weg war. Zwar beschalle ich mich inzwischen auch oft digital per Streaming oder vom Fileserver, aber wenn ich Musik wirklich hören möchte, lege ich eine Platte auf. Allein die „Teezeremonie“ die Platte vorsichtig aus der Hülle zu ziehen, sie am Rand zwischen den Handflächen balancierend auf den Teller zu legen, den nicht oder kaum vorhandenen Staub wegzubürsten, um dann mit geübter Handbewegung die Nadel aufzusetzen, versetzt mich immer schon in eine erwartungsfrohe Stimmung. Dann setze ich mich auf meinen Lieblingsplatz und höre die Musik. Manchmal lese ich die Songtexte mit und betrachte die Details des Covers, manchmal schließe ich einfach die Augen und lausche. Nach etwa 20 Minuten muss ich die Platte umdrehen und das Ganze beginnt von vorne.

Allein dieser Rythmus der Schallplatte: 20 Minuten Musik, dann fordert das Medium erneut  Aufmerksamkeit und hindert mich so daran, mich von irgendetwas ablenken zu lassen wie es mir bei der CD oft passiert ist. Die CD lege ich ein, dann macht sie für eine gute Stunde Musik. Man lässt sich durch irgendwas ablenken und aus der Musik wird ein Hintergrundgeräusch. Streaming ist noch schlimmer: Das dudelt unbeachtet endlos weiter. 😉
Ich möchte beidem nicht die Daseinsberechtigung absprechen, aber subjektiv beschäftige ich mich mehr mit der Musik wenn sie von der Platte kommt.

Soweit mein Senf. Dank an alle, die bis hierher durchgehalten haben. Wenn es mehr als zwei waren sollte ich vielleicht auch Podcasts machen. 😉

BTW: Gibt es eigentlich einen Vinylpodcast?

Viele Grüße,
Roland

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