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Über Wirkungsgrad, Belastbarkeit und Linearität von Lautsprechern

Woran erkennt man einen „guten“ Lautsprecher? „Am Klang“, werden wohl einige sagen, „Daran, dass er meine Lieblingsmusik so wiedergibt, wie ich es mag“. Aber wie quantifiziert man diese „Einheit“, um ein entsprechendes Preisschild daran anzubringen? Wie erklärt man einem Blinden die Farbe Rot und wie nimmt ein alter Hammerschmied die „Seidigen, im kühlen Morgentau glitzernden und klaren Höhen“ eines Lautsprechers aus den Hochglanzmagazinen wahr? Bei wissenschaftlicher Herangehensweise an dieses Problem ohne Voodoo und Feenstaub siegt die Empirie, oder anders ausgedrückt: „Ich glaube, was ich messen und beweisen kann.“

Somit wurden genormte Messverfahren eingeführt, um jedwede Lautsprecher miteinander vergleichen zu können – die Frequenzschriebe, Wirkungsgradangaben und das damit verbundene Wettrüsten in der Weichenentwicklung waren geboren. Wer kann am linearsten? Wer hat den höchsten Wirkungsgrad? Welcher Lautsprecher „verträgt“ die meisten Watt? Endlich hatten die PR-Abteilungen ein probates Mittel, ihr Produkt von der Konkurrenz hervor zu heben und mit schlagkräftigen Argumenten an den Mann zu bringen. Findige Programmierer entwickelten gar Simulationsprogramme, um abhängig von den Chassis-Parametern die optimalen Bauteilwerte für eine Frequenzweiche zu ermitteln, um dem Lautsprecher eine möglichst lineare und optimale Abstimmung zu gönnen.

Der Kunde, frohen Mutes, sich nun auch mal einen „guten“ Lautsprecher zu gönnen, rennt jetzt zum Händler seiner Wahl und wird mit einer Vielfalt von Produkten erschlagen. Vermutlich wird er probehören, gerne mit seiner Lieblingsmusik. Eventiuell wird er fündig und möchte Produkt X kaufen. Doch es bleiben Fragen: Kann mein Verstärker diesen Lautsprecher betreiben? Ist der Wirkungsgrad hoch genug? Wie viel Watt brauche ich, dass es gut klingt oder ich auch mal „laut“ machen kann, wenn Besuch da ist? Oder ist der Lautsprecher zu schwach und kann Schaden nehmen, wenn ich es mal übertreibe?

Oder der Kunde ist jüngeren Semesters, aus „meiner“ Generation, für die man auf Neudeutsch solche „fancy“ Namen wie „Millenials“, „Generation Y“ oder „First Digital Natives“ gefunden hat – affin zum Einkauf über das Internet und der damit verbundenen Produktauswahl über Rezensionen, Bilder und Herstellerangaben. Dieser möchte nun einen Lautsprecher über das Internet erwerben und fragt sich gerade, ob das Modell „Allegro“ mit Palmfaserauflage wohl besser klingt als „Andante“ mit Spannmuffenfederung. Er legt also die Frequenzschriebe und Herstellerangaben nebeneinander und überlegt, ob der Lautsprecher mit 89dB Wirkungsgrad nun besser ist als der mit 85dB, ob der denn auch die 500 Watt von seinem Verstärker „abkann“ und ob der Buckel im Frequenzschrieb bei 5 Kilohertz nicht einen wesentlichen Makel am Gesamtkonzept darstellt.

Fragen über Fragen – aber wie klingt er denn jetzt? Kann er „laut“? Kann ich den Messdiagrammen wesentliche Informationen zum Klang und der Linearität entnehmen?
Und wie wichtig ist es für die Kaufentscheidung, wie viel Watt der Lautsprecher verträgt? Um das zu verstehen, muss man sich erst einmal verinnerlichen, wofür diese Größen eigentlich stehen.

Zum Wirkungsgrad

Beginnen wir mit dem Wirkungsgrad. Dieser wird bei Lautsprechern mittels Kennschalldruck in dBSPL angegeben. Es kann dann z.B. folgende Aussage getroffen werden: „Lautsprecher X hat 80dB Wirkungsgrad.“ Man kann sich jetzt zusammen reimen, dass ein höherer Wert einen besseren Wirkungsgrad bedeutet und umgekehrt. Aber was sagen diese Zahlen überhaupt aus? Dazu führen wir uns zuerst vor Augen, was ein Lautsprecher „macht“: Er wandelt ein elektrisches (Musik-) Signal, also elektrische Schwingungen, in Schall, also mechanische Schwingungen um.

Betrachten wir dazu die Wirkungsweise eines 0-8-15 Lautsprechers. Dieser versetzt die Luft mittels einer (meist) trichterförmigen Membran in Schwingung. Die Membran ist mittels der so genannten Sicke schwingend aufgehängt. In der Mitte der Membran sitzt ein Spulenträger mit der Schwingspule, welche wiederum mittels einer Zentrierspinne im Luftspalt eines Permanent-Magneten gehalten wird. Durchströmt nun das Musik-Signal die Schwingspule, so baut diese ein Magnetfeld auf, das in Korrelation zum Magnetfeld des Permanentmagneten die Membran durch Abstoßung und Anziehung in Schwingung versetzt. Diese Schwingung überträgt sich an die umgebende Luft, welche diese in Form von Schall an das Trommelfell des Gehörs überträgt.



Wie „gut“ der Lautsprecher darin ist, das elektrische Signal in ein akustisches umzuwandeln, gibt der Wirkungsgrad an, oder einfach gesagt: Wie viel elektrische Leistung X muss ich in den Lautsprecher hinein stecken, damit ich die akustische Leistung Y heraus bekomme?

Dazu nehmen wir an, dass ein „Kugelstrahler“, also eine Schallquelle, welche in jede Richtung gleichmäßig Schallleistung abgibt, ein Watt Schallleistung abgibt. Bei einem Meter Entfernung gemessen entspräche das 109dB bei einem Luftdruck von einer Atmosphäre, was (die Physiker mögen mich nun wegen der Ungenauigkeit erschlagen) rund einem Bar entspricht.

Damit kommen wir nun zum Messverfahren: Wir platzieren unseren Lautsprecher einen Meter vom Messmikrophon entfernt und geben ein Watt elektrische Leistung hinein. Bei einem vier Ohm Lautsprecher entspräche das einem Signal mit 2 Volt Amplitude (gemäß I=U/R, also 2V / 4R = 0,5A und P=U*I, sprich 0,5A * 2V = 1W). Wir messen jetzt die Schalleistung und ermitteln, dass unser Lautsprecher auf einem Meter Entfernung 89dB Schalleistung hat, also 89dB Wirkungsgrad. Das entspricht dann…. 1%.



Wie bitte? Lassen wir das einmal sacken: Ein Lautsprecher mit 89dB Wirkungsgrad setzt gerade mal 1% der zugeführten elektrischen Leistung in Schalleistung um. Der Rest wird in Wärme umgewandelt, in der Frequenzweiche und den Schwingspulen der Chassis, so wie der zu bewegenden Luftmasse. „Aber so weit sind doch 89dB nicht von 109dB entfernt?“, werden einige protestierend anmerken. Doch, denn die Funktion ist logarithmisch. Und wenn man bedenkt, das 89dB jetzt nicht unbedingt als Schmäh-Prädikat bei der Wirkungsgradangabe liegen, wird so langsam klar, wie sinnentleert die Frage nach der Leistung ist.

Bezogen auf die psychoakustische Größe der Lautstärke lässt sich sagen: eine 90dB Box spielt doppelt so „laut“ wie eine 80dB Box, dank eben dieser logarithmischen Funktion benötigt man aber die zehnfache elektrische Leistung, damit die 80dB Box genau so „laut“ spielt wie die 90dB Box.

Jetzt kann man sich hinsetzten, die Arme verschränken und schmollen. „Da leben wir im Weltraum-Zeitalter…“ mögen manche sagen „…und da setzt die Kiste nur 1% der Leistung in Musik um? Das ist ja noch „schlechter“ als eine Glühlampe!“ Das Zauberwort heißt in diesem Falle Leistungsanpassung.

Ja – und? Nun, Musik besteht aus Schwingungen, bzw. Sinus-Schwingungen, um genau zu sein. Unser Verstärker liefert diese als elektrisches Signal mit einer bestimmten elektrischen Leistung. In dieser Form können wir sie aber noch nicht hören, sie muss erst die Trommelfelle unserer beiden Ohren in Schwingung versetzen. Wie das funktioniert, ist weiter oben beispielhaft beschrieben. Die Schwingspule des Lautsprechers hat nun aber einen frequenzabhängigen Widerstand, die so genannte Impedanz. Diese wird meist im Mittel angegeben und beträgt bei üblichen Lautsprechern 4, 8, oder mittlerweile seltener 16 Ohm und bei speziellen Anwendungen auch höhere Werte. Damit ist die elektrische Impedanz der Spule gemeint. Nun geht es aber noch weiter, denn zwischen der Spule und damit verbundenen Membran (die wiederrum eine eigene mechanische Impedanz hat) sitzt das lebenswichtige Medium Luft. Luft ist „kompressibel“, sie gleicht also einer Art Feder. Soll heißen, die wiedersetzt sich der Mühe des Chassis, seine Schwingungen 1:1 an das Ohr zu übertragen, vorbildlich und schluckt an sich schon eine Menge Energie. Wir stellen fest: Auch Luft hat eine Impedanz. Und wenn wir nun diese ganze Kette von unterschiedlichsten Impedanzen aneinanderreihen, ist es ein harter Weg vom elektrischen Signal zum Trommelfell, die Leistungsanpassung ist in diesem Fall halt physikalisch bedingt schlecht und wir benötigen wesentlich mehr elektrische Leistung am Anfang, um am Ende unsere Musik zu hören.

Da aber nach dem mayerschen Energieerhaltungssatz Energie nicht verloren gehen, sondern nur umgewandelt werden kann, muss dieser „Überschuss“ an Leistung irgendwo hängen bleiben. Meistens ist dies, so auch in diesem Fall, schlicht die Umwandlung in Wärme. Womit wir schon beim nächsten Thema wären:

Wie viel Watt verträgt mein Lautsprecher?

Nehmen wir dazu einfach mal eines der „dicksten“ ADW-Konstrukte, die GranDuetta, denn „Viel hilft ja viel“ bekanntlich. Wie belastbar sind die Chassis dieses Lautsprechers? Recherchiert man beim Hersteller ETON, so „hält“ der 11-581 Bass 150 Watt, der 7-360 Mitteltöner 90 Watt und der ER4 60 Watt aus. Die vorgeschaltete Frequenzweiche wandelt natürlich auch noch etwas Leistung in Wärme um. Ja, aber wie viel Watt „kann“ denn jetzt eine GranDuetta? Geht man da jetzt vom kleinsten Wert aus oder wie oder was…?! Betrachten wir dazu einmal: Was ist Leistung? Fragt man dies seinen Vorgesetzten, er wird antworten „Leistung ist Arbeit pro Zeit“ und so verhält es sich auch mechanisch und elektrisch. Betrachtet man nun den Lautsprecher bei der Arbeit, wird auffallen, dass hier, abhängig von der Musik, der Basstreiber die meiste Arbeit pro Zeit zu erledigen hat, er muss viel „Hub“ machen und setzt somit die meiste Leistung an seiner Schwingspule um. Aha… ich kann also 150 Watt in eine GranDuetta stecken? Jain, es kommt ja auch noch auf den Wirkungsgrad an.

Und jetzt, geehrter Leser, kommen wir zum Kern des Ganzen: Unser Beispiellautsprecher GranDuetta hat im Schnitt 90 dB Wirkungsgrad, also er erzeugt in einem Meter Abstand bei einem Watt elektrischer Leistung 90 Dezibel Kennschalldruck. Wir erhöhen jetzt die zugeführte Leistung: bei 2W erhalten wir 93dB, bei 4/96, bei 8/99 und bei 16 Watt 102 dB. In den Arbeitsschutzrichtlinien ist am Arbeitsplatz ab einem Lärmpegel von 85dB im Übrigen zur Vermeidung von Hörschäden ein Gehörschutz zwingend vorgeschrieben….

Möglicherweise fällt nun auf, wie schwachsinnig die Frage nach der Belastbarkeit ist, die Frage muss eher lauten: Wie hoch ist der Wirkungsgrad? Wer einen 90dB Lautsprecher besitzt und diesen aus der Nähe hört, wird meist unter einem Watt hören, wenn er sich noch unterhalten möchte.

Wie soeben erfahren, braucht es nur läppische 16 Watt, um in einem Meter den ohrenbetäubenden Lärm von 102dB zu erzeugen. Bei einem 80dB Lautsprecher wären bereits 160 Watt von Nöten, was dann schon eher eine Ansage wäre.

Wir halten also fest: Die Frage nach der Belastbarkeit eines Lautsprechers ist Tinnef, wenn überhaupt von Belang, ist der Wirkungsgrad ausschlaggebend für die Fähigkeit zur Pegelorgie.
Ja – dann brauche ich doch gar nicht meinen dicken 1000 Watt Verstärker, es täte doch auch ein viel kleinerer? Vorsicht – hier muss differenziert werden. Es ist rein physikalisch inkorrekt, wenn man öfters von „echten“ Watt liest oder wie auch immer bezeichnet. Leistung bleibt Leistung. Nur kann man sie unterschiedlich angeben: Es gibt die kontinuierliche Dauerleistung in RMS und die Spitzenleistung in PMO – den Verstärkerherstellern ist klar, dass Musik nicht aus einem dauerhaften Sinuston, sondern aus dynamischen Impulsen besteht, oftmals wird also die Spitzenleistung PMO auf das Typenschild gedruckt, die der Verstärker für einen winzigen Zeitraum zu liefern vermag. Es kommt also nicht überall 1000 Watt raus, wo es draufsteht, die Dauerleistung beträgt oftmals nur einen Bruchteil der Spitzenleistung. Und da kann der Hase im Pfeffer liegen – unter normalen Hörbedingungen ist alles gut, hier kommen die meisten Geräte damit zurecht, die Hörgelüste des Betreibers zu befriedigen.

Nun steht aber eine Feier ins Haus, es wird getrunken und „aufgedreht“ – der Verstärker kann die benötigte Grundleistung im Spitzenbereich nicht mehr liefern. Was passiert nun? Im Falle einer Röhre geht meist der Übertrager in die magnetische Sättigung und der Verstärker verzerrt die Musik mit einem bunten Potpourri an Oberwellen. Für die Lautsprecher ist das erst mal nicht weiter schlimm, es klingt aber, als stünden sie in einem Kanalrohr. Dramatischer wird es bei Halbleitern, ein klassischer Transistorverstärker geht in „Clipping“, auch ein moderner ClassD Verstärker tut dieses, begleitet von Schwingen. Auch dieser Effekt ist mehr oder weniger deutlich zu hören und wird normalerweise durch leiser drehen quittiert.

Ist die Gesellschaft aber einigermaßen von Sinnen und in Feierlaune, geht dieses tonale Warnsignal unter und der Verstärker liefert munter Gleichspannung am Ausgang, die in Weiche und Schwingspulen verheizt wird. Zudem werden die Membranen durch den Gleichstrom vorgespannt, sie können den zur Kühlung der Schwingspulen benötigten vollen Hub nicht mehr ausführen. So führt Eines zum Anderen und als schwächstes Glied in der Kette sind dann meist als erste die Hochtöner hinüber, sie schmoren einfach durch. Es „sterben“ im HiFi-Bereich mehr Lautsprecher durch solche Effekte, als durch Überlastung im „normalen“ Arbeitsbereich des Verstärkers – ein „zu schwacher“ Verstärker kann somit paradoxer Weise die Lautsprecher potentiell eher beschädigen als ein „zu starker“. Fazit: Leistung ist immer dann schlecht, wenn man sie im entscheidenden Moment nicht hat.



Eine tatsächliche Überlastung führt eher dazu, dass das Chassis einen Hub über seine Nennweite hinaus machen möchte – man spricht dann davon, dass „die Pappe“ anschlägt. Auch hier bleibt durch beherztes „Leiserdrehen“ ein Schaden meist aus, es bräuchte schon Dynamiksprünge jenseits von Gut und Böse, um Extremfälle, wie eine gerissene Sicke, zu provozieren. Diese treten eigentlich nur durch ernste Schäden wie einen durchgebrannten Verstärker auf, da der Hörer im normalen Betrieb zuvor am Rande eines Hörsturzes gestanden hätte. Ein Sonderfall stellt Großraum- oder Freiluft- PA dar, gerade in der Außenbeschallung bei lauten Konzerten, wenn der Tontechniker evtl. nicht unmittelbar am Geschehen sitzt. Es ist in der Freifeldbeschallung eher im Rahmen des Möglichen, den Boxen mehr Leistung zuzuführen, als diese verkraften können. Daher werden dort so genannte „Limiter“ eingesetzt, welche die Maximalleistung der Verstärkeranlage auf das Maximum der Lautsprecher begrenzen.

OK – Verstanden. Und wie linear ist mein Lautsprecher?

Eine Frage, die abschließend oft gestellt wird, ist die nach der Linearität. Dieser ominöse Begriff hat sich in vielen Köpfen als Qualitätsmerkmal festgesetzt, so werden Frequenzschriebe kritisch beäugt, jeder Buckel und jede Senke hinterfragt und manchmal ganze Bauteilfeuerwerke in den Frequenzweichen gezündet, damit der Frequenzschrieb möglichst glatt daherkommt, „linear“ halt. Natürlich, optisch betrachtet sehen viele etwas Ästhetisches in der Geraden. Nur gibt es dabei ein verbleibendes Problem: Unser Gehör ist es nicht, somit würde ein linear wiedergegebener Tonanstieg von 20-20.000Hz bei gleichem Schalldruck als unterschiedlich laut wahrgenommen. Bereits Hundertwasser sagte schon, die Natur kennt keine gerade Linie. Doch was heißt das jetzt? Die „Lautstärke“ ist keine physikalische, sondern eine psychoakustische Größe. Sie wird, je nach geistigem und körperlichem Zustand, von jedem anders empfunden. Die Lautstärke hat die Einheit Phon und wie so oft bei derartigen Größen, hat man mit etlichen Testpersonen versucht, sie zu quantifizieren. Nachfolgend ist der entstandene Graph abgebildet, der das durchschnittliche Lautstärkeempfinden einer Lautstärke von 40 Phon eines durchschnittlichen Menschen darstellt.



Wer den Graph studiert, erkennt, dass ein 20 Hertzton beispielsweise bei 100 Dezibel abgespielt werden müsste, ein 5000 Hertzton nur bei etwa 30 Dezibel, um gleich laut empfunden zu werden. Würde man einen absolut linearen Lautsprecher also mit einem absolut linearen Signal bespielen, würde es als alles andere als linear empfunden. Glücklicherweise ist dies bereits in der Musik selbst kompensiert, ein als „Bass“ empfundener Impuls ist in der musikalischen Information bereits mit einer hohen Leistung verzeichnet, um als solcher wahrgenommen zu werden.

Doch wie genau folgt die Musik diesen „Regeln“? Wie hat der Musiker diese gehört, wie der Tontechniker, wie „linear“ waren die Boxen im Tonstudio usw.? Bis die Musik zu Hause in den Lautsprechern erklingt, gibt es so viele Zwischenschritte, dass eine absolut lineare Heim-Anlage noch lange kein Garant für ebensolche Musikwiedergabe ist. Zudem muss beim Lesen eines Frequenzschriebs auch immer der Winkel berücksichtigt werden. Bei der Messung einer Schallquelle geht man von einem Kugelstrahler aus, also einer Quelle, die in jede Richtung gleichmäßig viel Schalleistung abgibt. Dies ist aber bei einem Lautsprecher nicht der Fall, ein Hochtöner zum Beispiel hat ein höheres Bündelungsverhalten und strahlt daher den Schall eher nach vorn ab, in seinen so genannten „Sweetspot“. Daher misst man einen Lautsprecher auf Achse und im Winkel, da sich im Winkel durch das unterschiedliche Bündelungsverhalten der Frequenzschrieb ändert. Jeder, der bei laufender Musik im Raum umhergeht, merkt selbst, dass sich der Klang verändert, worauf der Raum selbst auch nochmals erheblichen Einfluss nimmt. Ein sinnvoll konstruierter Lautsprecher deckt seinen vorderen Bereich relativ gleichmäßig ab, so dass man auch mal ein wenig nach links oder rechts rutschen kann auf dem Sofa.

Natürlich gibt es „den“ Hörplatz, wo es einfach perfekt passt, aber Hund / Katze / Lebenspartner/-in sollen ja auch nicht zu kurz kommen. Man hört seinen Lautsprecher nicht von der Seite oder hinten, setzt sich darauf oder legt sich darunter…. Wenn wir uns unterhalten, sehen wir dem Gegenüber ja auch ins Gesicht und drehen ihm nicht den Rücken zu. Die reale Aufstellung sollte also bei der Erstellung so eines Schriebs berücksichtigt werden. Und real trifft es auf den Kopf: Frequenzschriebe werden unter Laborbedingungen, optimal in einem schalltoten Raum angefertigt. Nun hat man den genauen Frequenzgang des Lautsprechers ermittelt, stellt den erfreut zu Hause auf und – klingt anders. Jeder Raum hat mehr oder weniger viele Moden, welche eine Anhebung oder Auslöschung einer bestimmten Frequenz zur Folge haben, sollte der Frequenzschrieb gar in einem solch nicht-schalltoten Raum gefertigt sein, kann eine eingefangene Mode sogar den Schrieb verfälscht haben.

Was sagt denn jetzt also so ein Frequenzschrieb über den Klang aus?

Absolut. Gar. Nichts. Er ist ein Richtwert und Hilfsmittel zur ungefähren Bestimmung der Leistungsfähigkeit und Frequenzverhalten des Lautsprechers, nicht jedoch ein Atlas, auf dem man genau ablesen kann, ob der Bass vielleicht zu dick aufträgt, wenn man den Lautsprecher im Wohnzimmer auf das linke Regal neben die Juckapalme und die Sammeltassenvitrine stellt. Zum Erfahren des Klanges hilft nur Probehören, zum Übertragen des Gehörten in die eigenen vier Wände nur das Probieren und Herumrücken, oder, wer es gern mit modernem Hightech probieren will, ein DSP. Aber egal, was bei alle diesen Maßnahmen heraus kommt – am Ende sitzt ein zufriedener Hörer vor seinen Boxen, mit den ursprünglichen Schrieben hat das nicht mehr viel zu tun.
Wer es bis hier geschafft hat: Glückwunsch. Das Lesen einer größeren Menge an Text ist ja nicht mehr jedermanns Sache, ich habe versucht, das Ganze so informell wie möglich, mit einer Prise Unterhaltung, zu gestalten. In der Hoffnung, es möge einigen bei ihrer Suche helfen und Vorurteile abbauen.

Gruß,
-Sparky

Für den ambitionierteren Leser hat Emigrant mit seinem Kommentar ein paar zum leichteren Verständnis vereinfacht dargestellte Zusammenhänge genauer erklärt:

Dank an Sparky für den gut geschrieben Artikel. Er enthält sehr viele Informationen. Wissende überlesen die kleinen Unzulänglichkeiten, weil sie erkennen, was gemeint ist. Da es ein Grundlagenartikel sein soll, halte ich ein paar Korrekturen für angemessen.

Die Angabe dB ist keine Einheit, sondern ein dimensionsloses Maß. Es bedeutet, dass der Wert (Pegel) logarithmisch ermittelt wurde.

Bei Spannungen gilt: Verstärkungsmaß Vu [dB] = 20 x log (u2 / u1)
Bei Strömen gilt: Verstärkungsmaß Vi [dB] = 20 x log (i2 / i1)
Bei Leistungen gilt: Verstärkungsmaß Vp [dB] = 10 x log (p2 / p1)
Darum gehört hinter das dB immer ein Bezugswert wie z.B. :
dBSPL Bezug: (Referenz-) Schallpegel
dBv Bezug: 1V
dBu Bezug: 0,775V (benötigte Spannung für 1mW Leistung an 600 Ohm)
dBr Bezug: relativ zum Eingangspegel

Da bei Musikwiedergabe (glücklicherweise) selten konstante Pegel anliegen, gibt es bei Verstärkern keinen festen Bezugspegel, sondern nur das Verhältnis von Ausgangswert zu Eingangswert (meistens auf die Spannung bezogen).

89dbSPL (Schallleistung) sind keineswegs 89dB Wirkungsgrad!

Der Wirkungsgrad wird in % oder als dimensionslose Zahl (meistens kleiner als 1) angegeben, da er das Verhältnis von zugeführter zu abgegebener Leistung in der gewünschten Form ist. Würde man einen Wirkungsgrad in dB angeben, wären alle Werte größer gleich 0 ein Perpetuum mobile. Es käme mehr Leistung heraus, als hineingeschickt wird.

Die Leistungsangaben bei Lautsprechern beziehen sich niemals auf die reine elektrische Leistung, sondern immer auf den Anteil aus einem normierten Signal (rosa Rauschen), der Ihnen hinter der Frequenzweiche aus dem Gesamtsignal zugewiesen wird. In diesem Rauschsignal sind in die verschiedenen Frequenzen mit einer Amplitude enthalten, wie sie in einem normalen Musikstück vorkommen.

Einfaches grobes Beispiel: normiertes Rauschsignal von 100Wrms: ca. 70 – 85% entfallen auf den Tieftöner, ca. 10 – 30% bekommt der Mitteltöner und ca. 1 – 10% bekommt der Hochtöner. Die Anteile sind überschlagen und hängen stark von der Frequenzweiche und evtl. vorhandenen Spannungsteilern zur Pegelkompensierung ab. Alle diese Lautsprecher werden dann mit Belastbarkeit von 100W angegeben, obwohl der Hochtöner bereits bei 10Weff das Handtuch wirft und Rauchzeichen gibt.

Wer das nicht glaubt, kann gern mit seinem ER4 zur Nachmessung bei mir auftreten und sich an einem 398€ Feuerwerk erfreuen. Ich verbrenne den Ungläubigen auch gern einen 26HD3, der ja „nur“ 140€ kostet. Bedingung: Gehörschutz mitbringen und irgendwas zur Kompensation des seelischen Schmerzes.

Die Hochtöner brennen durch, weil sie durch das Auftreten von nicht harmonischen Oberschwingungen, die – wie der Name schon sagt – immer im oberen Frequenzbereich auftreten, erheblich mehr Leistung zugeführt bekommen, als ihnen ursprünglich zugedacht war.

Nicht “die Pappe“ schlägt an, sondern der Schwingspulenträger oder die Schwingspule selbst, je nach Konstruktion. Meist verformt sich die Schwingspule dabei und scheuert dann an den Polplatten des Magneten.

Der Frequenzgang (Amplitude und Phase) sagt enorm viel über den Klang aus. Und er sollte schon sehr linear sein. Allerdings sollte man sich nicht mit Schwankungen von einem dBr hier oder dort aus der Ruhe bringen lassen. Der akustische Frequenzgang des Wohnraums hat noch viel mehr Dellen und Beulen, die im unteren und mittleren Frequenzbereich bei 20dBr oder höher liegen können.

Davon abgesehen ist jeder Hörer mit einem eigenen DSP ausgestattet, der im Normalfall zwischen den Ohren angeordnet ist und auf sehr viele Akustikverhältnisse angelernt werden kann. Der hat allerdings den Nachteil, dass die Anpassung an neue Umgebungen nur sehr langsam erfolgt.

Das eigentliche Ziel von high fidelity sollte die höchst naturgetreue Wiedergabe sein. Die meisten Hörer waren jedoch bei den Originalaufnahmen nicht anwesend und wissen darum auch nicht, wie sich das Musikwerk wirklich anhören muss. Das führt dann meistens zu einer dem persönlichen Geschmack angepassten Abstimmung der Wiedergabekette.

Emigrant

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