Guido´s Chorus 85 – Rust never sleeps

Guido ist der Cousin meiner Frau. Über die gegenseitigen Besuche und Freundschaft blieb es ihm nicht verborgen, dass ich mich gerne mit Musik und Boxenbau beschäftige. Er selbst ist bekennender Rock- und Metal-Fan, und als solcher war er schon seit Anfangszeiten in Wacken.

Nun kam es, dass ich ihm vor gut zwei Jahren seinen Technics-Verstärker (SU-8022) aus den 80ern auf Vordermann brachte. Gut. An meinem Geburtstag Anfang September, nachdem kurz die Duetta vorgeführt worden war, bemerkte er eher beiläufig: „Eigentlich macht der Verstärker ohne Boxen ja keinen Sinn, da müsste man doch was Passendes dazu bauen“ (sinngemäß).


(Quelle: Technics-Katalog)

Ende Oktober war ich noch der Meinung, ich such ihm was aus, so im finanziellen Rahmen unterhalb von 500 Euro. Ich berate ihn, sein Schreinerkumpel ums Eck baut’s, verheiraten können sie den Bausatz beide als gelernte Handwerker und Techniker selbst. Sind ja auch nur gute 800 km von mir in Altomünster bei München nach Husum, die mal nicht soeben gehen.

Dann lese ich im Email-Hinundher folgendes: „Wenn´s nicht über 3000 Euro geht, ist in Ordnung. Ich will was Gutes, Once in a Lifetime Qualität. Ich vertrau Dir, mach“.

Ahhh, das war starke Medizin für den chronisch Lautsprecherbau-Erkrankten.

Also in die Vollen und neue Parameter setzen. Ab sofort ist Bluesklasse im Visier. Wir haben als Zuspieler einen Vintage-Amp der Mittelklasse. Rock und Metal gehen auch gut über andere Hochtöner als den ER 4 oder Keramik-HT. Raumgröße ca. 25qm², normalhohe Mansarde, L-förmig.

So, es soll rocken: also mindestens ein sehr guter 17er, besser 2, oder ein 8 Zöller. SB-Serie SB 36, 23/3, Rest zu groß. Mit der fabelhaften Chorus 52 ACL vom Fiend in guter Erinnerung: Kaffekränzchen Shootout: Little Prinzess, SB 36, C 52 ACL, SB 23/3, war es klar. (Satori mangels Hörerfahrung schied aus). Die Chorus-Reihe wird’s richten. So, ich gebe es zu: Ich wollte halt auch mal was mit den Chorussen bauen. Hüstel. Es stimmt immer noch: Gelegenheit macht Diebe.

Zwei 17er versus 20er, mmh, es geht auch um Autorität, optisch muss auch die Wucht der Musik sichtbar sein, bzw. da, wo sie rauskommt. The Winner is: Chorus 85.

Die auch gezeigten Bilder von Fiend´s Rost C52 ACL führten zu: Rostoptik haben wollen. Metal, Rost, Stahl, es sollte und durfte rauh und massiv werden.

Filigran war out. Wenn ein Eisenquader hochkant stehen soll, dann bestimmt nicht auf Röllchen oder Füßchen, der braucht ein Fundament. Der Sockel sollte wie aus Roheisen oder vom Dampfschmiedehammer geformt daherkommen.

Nachdem die Orginal-Rostfarbe von Jäger im Set schon teuer ist, probierte ich hierfür zusätzlich was anderes aus. Nach Recherchen im Internet habe ich selber Rostfarbe gemischt. Der Sockel war eh aus Spanplattenresten (Jugendzimmerschrank), wenn es nichts wird, ab in die Tonne.

Ich habe Acrylbinder gekauft und Eisenpulver. Das wird vermischt, bei der Konsistenz „dicke Farbe“ habe ich es belassen.

Aufpinseln hat sie sich nicht lassen, das Eisenpulver blieb in den Borsten hängen. Macht nix, spachteln und draufpatschen geht auch, soll ja möglichst grob werden und keine glatte Fläche.

Nach ordentlicher Trocknung der Test, hält der Putz? Ja, er hält. Die LS waren auch bereits nach Grundierung (sehr empfehlenswert, das zu tun, die offenen MDF-Kanten sind nicht mehr zu sehen, es hätte sie auch in grau gegeben) mehrfach mit Jäger Rostfarbe gestrichen.

Interessant war auch, dass sich an einigen Stellen Flugrost bildete.

Vorsichtig den Aktivator drauf. Yeah, schon kommt Hallenbad-Feeling auf, das leichte Beißen von Chlor in der Nase. Warten, gucken, mit dem Auftrag spielen, das war richtig spannend, ich wusste ja nicht, wie das werden wird.

Vor allem sehr unterschiedlich, heller wo ein Farbauftrag weniger war (an den Hinterseiten), an dem Sockel mal garnix (!?) zwischendrin.

Das sah aus, als wären tatsächlich Eisenquader mal soeben ein paar Wochen in Nordfriesland im Garten gestanden. Sehr lebhaft und von den Farbtönen her total harmonisch.

Kurze Aufregung verursachte die Bauaufsicht, die beim Versiegeln ihr ganzes Gewicht in den Ring warf und zum fälligen Bauchpinseln fast die Böcke samt Box umwarf.

Nach längerem Gekraule und Kneten ging Ida wieder auf Rundgang.

Mir war es fast zu dunkel geworden. Laut Beschreibung würde die Versiegelung es noch ein bisschen dunkler machen. Vielleicht doch keine? Der Gedanke an (Selbstlob an) fingernde und tastende Bewunderer (Selbstlob aus) mit eventuellen Hinterlassenschaften in Form von Fingerabdrücken, sowie die Schwierigkeit Staub zu wischen, führte zum ja.

War auch besser, denn die Boxen färben seitdem nicht mehr ab.

So sehen sie nach der Trocknungsphase aus:

Wie ich es für das Unikat als Auftragswerk auch wichtig fand: die dezente Signatur, die mit einem Nagel in den frischen Farbauftrag bei beiden Lautsprecher gezogen wurde.
C 85 G.D. die Initialen des Besitzers, besser gesagt des Mäzens.

Klangbeschreibung:
Am alten SU8022 mit DCD 520AE: Bass druckvoll, Drums mit Wucht, sehr gute Räumlichkeit. Warriors of the World: Bah, die Basssaiten sind aus armdicken Stahlseilen. Auch um 5 Ecken, 10 m weiter in der Küche noch sehr guter Klang (bei moderater Lautstärke). Das was soll: Leise auch schon klasse, kein Brei.

Da passt alles, hätte mein Vogel nicht fliegen müssen, um sich die Duetta zu holen. Mit der Chorus 85 hätte ich auch schon alles gekriegt, was ich zum Zufriedensein bräuchte. Dreiweg, 20er, 13er und wirklich schöne Chassis. Selbstverständlich braucht es keine Nummer größer in 25qm. Rein logisch gesehen, und somit der Vernunft zugeneigt. Unaufdringliche Höhen und Mitten. Also schon sehr entspannt und lässig in der Reproduktion. Aber dennoch ein Biest, wenn es abgehen soll. An der o.g. Kette nicht allzu sezierend, was allemal dem Ziel-Genre entgegenkommt und auch nicht so gut produzierte CD´s noch hörenswert lässt.

An der Duetta-Kette erwartungsgemäß um einiges besser in der Auflösung, jedoch unerwartet im Bass deutlich weniger druckvoll und in den Höhen dezenter. Komisch! Warum so eine auffällige Klangänderung?

Ich glaube, dass der damaligen Qualität von Mainstream-Plattenspielern, Kassetten-Decks und Lautsprechern diese Betonung an den Enden der Übertragungsbereiche sehr entgegen gekommen ist und auch so gewollt war. Bei Gelegenheit habe ich den kleinen Technics an die Duetta geklemmt. Ergebnis: die selbe Überbetonung. Aber der Amp hätte ja Klangregler.

Im April wird Guido die Boxen holen, bis dahin bin ich in der Luxussituation, wie´s mir grad gefällt, Chorus 85 oder Duetta in meinem Musikzimmer zu hören, das ich während der Bauphase fertig renovierte.

Bevor ich es vergesse: Keine einzige Farbnase, kein ungleicher Farbauftrag ein Problem, nix muss glatt sein und glänzen. Ahh, Staub in frischer Farbe!! Wurscht, fällt nicht auf. Das war mal eine ganz andere Erfahrung.

Peter

Zur Chorus 85 im Online-Shop

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Hallo Peter,
sehr coole Optik. Vielleicht ne blöde Frage: Wie fühlt sich denn die Oberfläche an? Wie lackiert oder eher rau wie Rost?
Viele Grüße aus dem fast benachbarten Schwabhausen! 🙂

Harald

Respekt. Mein. Lieber. Herr. Gesangsverein.

Sehr coole Nummer, und der Lautsprecher ist ne Wucht, zumindest aus der Erinnerung von Udos Couch heraus.

Ich wünsche dem Besitzer viel Spaß damit. Und wer weiß, vielleicht ist er ja jetzt „infiziert“, aber mit dem guten Virus.

Grüße Enrico

Haaa, eine Freude dem Schwiegercousin was archaisch robustes in die Bude zu stellen!
Coole Experimente mit dem Finish, danke fürs Teilen.
Ich finde Chorus weiterhin das ideale Preis-Leistungsverhältnis.
Ich hoffe du hattest während der Zeit wo du beide hattest auch Gelegenheit Mal die C85 als rears einzusetzen und heimkino zu donnern 😅

Hallo Peter
Vielen Dank für deinen Baubericht.
Die C85 sehen toll aus. Und dazu gleich meine Frage. Kannst du bitte genauer ausführen welche Materialien du für die Farbe verwendet hast. Oder wo du das im Internet gefunden hast? Da wäre ich dankbar dafür.
Gruss Adi

Servus Peter,
ist schön geworden! Und danke für die genauere Ausführung hier, im Bericht las sich das ein wenig so als hättest Du eine eigene „Jäger-Rost“ Farbe zusammengemixt. Ist aber echt klasse geworden!
Georg

Hallo Peter
Auch ich habe deinen Text missverstanden. Und gemeint, du hättest alles mit der DIY Farbe gestrichen.
Danke für die erläuterung.
Gruss Adi

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