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Rincewind

Hallo!

Ein sehr interessanter Ansatz: Bitte den Klang von Damals in einen technisch aktuellen Gerät von Heute…

Eins Vorweg, eine Empfehlung für ein Gerät wird in diesem Beitrag nicht zu finden sein.

Grundsätzlich war und ist der “Hausklang” bei HiFi Geräten ein Marketinginstrument. Daher geben sich die Hersteller die Mühe ihre Musik-Wiedergabe-Geräte (zumindest in höherpreisigen Segment) deutlich von Mitbewerbern auch über den Klang abzusetzen. Dabei müssen die Hersteller den aktuellen Bedarf des angestrebten Marktsegments beachten und ebenfalls die aktuellen Vorgaben aus den “Fachblättern”. Somit hat sich der Hausklang über die Jahrzehnte auch bei gleichen Hersteller stets den aktuellen Strömungen angepasst. Marken wie Yamaha oder Marantz sind hierfür sehr extreme Beispiele. Bei Marantz spielte zusätzlich der Inhaberwechsel eine wichtige Rolle. Ein heute noch sehr angesagter Marantz Receiver 2270 aus den 70ern klingt ganz anders als ein PM-80SE.

Ich habe heute mir 30 Minuten Suche im Internet gegönnt, um für mich die Frage zu klären ob es Literatur gibt, in der der Bau von Musikverstärkern auch im Bezug auf den Klang erklärt wird. Nun ich wurde leider nicht fündig. Ja, es gibt Bücher, die sich mit dem Bau von Verstärkern beschäftigen, jedoch geht es dort um die Berechnung der Arbeitspunkte der Transistoren in der jeweiligen Schaltung, Temperaturstabalisierung des Arbeitspunktes und die Dimensionierung der Schaltung. Für PWM (Pulsweiten-Modulation) Verstärker (im allgemeinen Sprachgebrauch Class D genannt) findet man Informationen in den White Papers der Chiphersteller. Dennoch sagen diese White Papers nicht wie der Klang beeinflusst werden kann.

Ist also das Klangtuning eine Geheimwissenschaft? Kann ich mir leider kaum vorstellen. Meine Annahme ist, dass vieles in diesem Bereich aus Erfahrung erwächst. Dieses Wissen wird sicherlich innerhalb einer Entwicklungsabteilung weiter gegeben. Ändern sich die Schaltungen oder die verwendeten Bauteile, müssen die bisherigen Erfahrungen auf das Neue übertragen werden um damit den “Hausklang” wieder in die neuen Geräte zu bringen. Zumindest soweit es technisch Umsetzbar ist.

Wenn die Erfahrung im Verstärkerbau nicht öffentlich Dokumentiert ist, sondern über die Weitergabe zum Nachfolger fließt, dann ist das Wissen aus den 60ern bzw. 70ern mittlerweile aus biologischen Gründen ausgestorben. Spätestens Ende der 90er wurde die Weitergabe-Kette der Wissenden innerhalb der großen Hersteller unterbrochen, denn ab dieser Zeit die Entwicklungsabteilungen teilweise dicht gemacht wurden oder “gesundgeschrumpft” bis auf absolutes Minimum. Bei solchen Vorgängen gehen die Guten freiwillig zu erst.

Wer waren die Guten in der Verstärker-Entwicklung? Es waren Personen, die nicht nur das theoretische und praktische Wissen der Elektrotechnik hatten sondern auch über musikalisches Interesse oder musikalisches Wissen verfügten. Dieses wird Heute in den Zeiten der Simultionsprogramme für Schaltungen kaum noch vorzufinden sein.
Die Entwicklung einer Schaltung findet in unserer Zeit in der Regel am PC statt – Erst wenn die Simulation “grünes Licht” gibt, wird ein Vorserienexemplar der Platine physisch gebaut. Bei diesem wird gemessen wie Weit die physische Umsetzung mit der Simulation übereinstimmt. Dann finden manchmal Anpassungen statt um das Ergebnis der Simulation zu erreichen. (Der Entwickler muss gegenüber dem Management nachweisen, dass er das vorhergesagte Ergebnis erreicht hat.)

Dieses hat es mit der Entwicklung in den bis Mitte/Ende der 80er Jahre nichts zu tun. Damals wurde auf Papier grob berechnet und anschließend ging man “zielgerichtet basteln”. Das Ergebnis erfreut heute noch die Good-Old-HiFi Fans.

Es gibt also eine weitere Hürde, warum das Erfahrungswissen um den Klang selten geworden ist, nämlich die Arbeitsweise und die Abläufe in der Industrie von heute. Die Platinen werden von Automaten bestückt und gelötet, daher ist das “zielgerichtete Basteln” sehr kostspielig geworden und wird vermieden (siehe Oben: Simulation).

Wenn heute jemand den Klang von “damals” oder die “Musikalität” im Verstärker sucht, kommt um ausprobieren nicht herum. Vielleicht sind hier die kleinen “HiFi-Manufakturen” aus Europa oder USA bzw. Japan besser als die Mainstream-Marken. Vielleicht ist ein China-Produkt (wo HiFi zum Prestige gehört) doch gut?

Ein Besuch beim netten, kleinen HiFi Händler vor Ort kann gegebenenfalls eine Orientierungshilfe sein. Doch auch da ist zu beachten, dass die Auswahl der Geräte in den Regalen kaufmännischen Überlegungen geschuldet ist (übersetzt: Vorzufinden ist, was der Händler gut verkaufen kann -> Mainstream).

Das Wort zum Freitag schrieb
Rincewind

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