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22. November 2025 um 21:42 Uhr #81950Rundmacher
Hallo,
beim diesjährigen Jahrestreffen der ADW-Community hier in Nordhausen waren wie immer einige hiesige Besucher vor Ort, welche durch Mundpropaganda jedweder Art auf dieses Treffen aufmerksam geworden waren. Nicht alle Fragen konnten ausreichend beantwortet werden, die Leute kannten sich teilweise untereinander und Kontakt mit mir aufzunehmen ist auch nicht schwer. Man kann im Nachgang immer weiterhelfen.
Ein Anruf positiver Art fiel dann doch ein wenig aus dem alltäglichen Rahmen: „Kannst du evtl. einmal eine Stunde zu uns kommen?“
Ein Physiklehrer aus einem örtlichen Gymnasium, 9. Klasse, Thema „Induktion“, Unterthema „Lautsprecher“.Wow, warum nicht. Unser Nachwuchs!
Nein, das Thema „Lautsprecher“ gehört nicht zum direkten Unterrichtsstoff, es tangiert ihn aber.
Wenn man schon einmal das Glück hat einen progressiven Gymnasiallehrer unterstützen zu dürfen…ich sagte sofort zu.Natürlich brauchte ich Feedback vom Lehrer, wie ist der Wissenstand, wie weit darf ich vorgreifen, sind Handys erlaubt, wo steige ich ein.
Ein wenig Vorbereitung, Wissensstand Low-Level, keine Formeln, Verzicht auf die digitalen Tafeln, Whiteboard reicht mir.Ich brauchte dringend etwas Haptisches. Ein Anruf in Bochum genügte, am nächsten Nachmittag brachte der Postbote ein Paket. Darin enthalten mehrere ausgesonderte Chassis welche nicht mehr verwertbar waren. Zusätzlich eine offene MiniACL Box, ein Testexemplar, fehlende Seitenwand, der Schallweg somit ersichtlich. Super.
Zu Beginn der Unterrichtstunde war ich mit dem Lehrer vor Ort, die Chassis und die MiniACL lagen etwas abseits. Eine kurze Vorstellung meiner Person, große Augen, Unruhe und es ging los. Die Situation konnte ich gleich entkrampfen, es kommen keine Formeln, der heutige Stoff ist kein Bestandteil einer Leistungskontrolle, es braucht nicht mitgeschrieben zu werden. Ich bringe sehr viel Stoff und greife auch vor, ich nehme die Damen und Herren (etwa 15 Jahre alt) mit auf eine kleine Reise und sie können sich entspannt zurücklehnen.
Es wurde ruhiger.
Im Telegrammstil. Das Jahr 1831, Ende August, Michael Farady wickelt den ersten Transformator. Wenn es die Induktion mit einmal nicht mehr gäbe, ein Gedankenexperiment, was wäre dann?
Die Handys würden ausgehen, TikTok wäre nicht mehr vorhanden.Es wurde leise, alle Augenpaare waren auf mich gerichtet. Ich hatte sie.
Die nächste Anwendung, das Moped, wir brauchen etwa 20000V für den Zündfunken. Die Zündspule, aus 200V beim Zusammenbrechen des Magnetfeldes, sie transformiert um das Einhundertfache hoch, Moped läuft.
Ein paar der jungen Männer nickten, das kannten sie natürlich.Zehn Minuten waren um, es sollte zum Thema Lautsprecher gehen, aber eine junge Dame meldete sich: „Wenn sie aus der Industrie kommen kennen sie nicht ein interessantes Beispiel welches hier niemand kennt, auch der Lehrer nicht?“
Natürlich, die Lautsprecher mussten daher noch fünf Minuten warten.
Beispiel Eschede, das fürchterliche Eisenbahnunglück, der entgleiste ICE. Die Ursache war ein gebrochener Radreifen, damals auf die Räder aufgezogen, heute sind es wieder Monoblöcke. Ein Materialfehler, ein Riss im Radreifen.Es folgte die kurze Darstellung eines typischen Risses, etwa 1mm tief, 0,1mm breit.
Die Frage an die Klasse -sie hörten ausnahmslos zu- wie kann man das feststellen? Mit dem Fingernagel kratzen, geht nicht.
Mikroskop? Wie lange soll das dauern?
Endlich ein Feedback: „Mit Wasser?“
Ich bin Richtung Stimme herumgefahren „Habe ich Wasser gehört, Wasser?! Hat da jemand Wasser gesagt? WER WAR DAS?“
Ganz schüchtern hat sich eine junge Dame gemeldet, mit sehr leiser, zögernder Stimme: “Ich war das.“Mein Blick ging zum Lehrer, und mit deutlicher Stimme habe ich bei ihm eine Sofort-Eins für die junge Dame beantragt. Das war genial, solche Gedanken, egal wie abwegig sie sind müssen belohnt werden. Die Klasse stand Kopf.
Natürlich habe ich das Ganze aufgelöst, die Magnetpulverprüfung. Trägermaterial z.B. Wasser, mit UV-aktiver Farbe beschichtete Eisenkügelchen welche im aufmagnetisiertem Riss haften bleiben und der Riss für das menschliche Auge sichtbar wird.
Da blieben noch 28 Minuten für die Lautsprecher.
Es stimmt, keiner wusste wie das Ding funktioniert.
Der Lehrer hatte eine Querschnittsskizze eines Chassis auf dem Bildschirm, keiner hat hingeschaut.Da wurde dann sofort ein ADW-Tieftöner auf den Tisch gelegt, beide Zuleitungslitzen durchtrennt und zwei Schüler hatte ich nach vorn gebeten, zur Handreichung. Die Herren zierten sich und zwei Damen haben ihnen gezeigt wo es lang geht.
Zunächst wurde die Gummisicke mit dem Cutter durchtrennt, die beiden Damen haben die Membran nach oben gezogen so dass ich die Zentrierspinne radial durchschneiden konnte.Das Chassis ging durch die Reihen, es war wesentlich interessanter als die Grafik an der Tafel.
Dann kamen die Fragen.
Air Pods, die klingen auch gut.
Natürlich, was bei den Boxen nur durch Größe machbar ist, dies Probleme gibt es bei Kopfhören kaum.
Der akustische Kurzschluss für die tiefen Frequenzen, bei den Chassis ist er nur durch eine sehr große Schallwand zu mindern. Dann wurde die Schallwand nach hinten hin abgewinkelt und schließlich geschlossen. Das wusste selbst der Lehrer nicht.Wenn man die Air Pods selbst nur ein sehr kleines Stück aus dem Ohr zieht bricht sofort der Klang zusammen, sie durften es ausprobieren.
Die MiniACL, der gefaltete Schallweg. Großes Staunen.
Noch ein Hinweis von mir, es gibt kein ideales Chassis, es sind immer Kompromisse vorhanden. Daher gibt es auch nicht nur „eine“ Box, jeder Hersteller versucht sich dem Ideal anzunähern ohne es jemals zu erreichen.
Zweiwege- und Dreiwegeboxen, das war dann doch zu viel. Vor versammelter Mannschaft hatte ich dann noch die Anregung gegeben das die vorhandenen, funktionsfähigen Chassis ruhig als Leihgabe an interessierte Schüler ausgegeben werden können, sie verbleiben in der Lehrmittelkammer des Gymnasiums.
Beifall.
„Wo schließe ich das an?“ war die sofortige Frage, aber die Zeit war leider um.
Anfangs hatte ich noch gesagt, dass kein Commerz erfolgt, aber mir sei eine Ausnahme gestattet, googelt mal nach den drei Worten -Udo Bochum Lautsprecher- und ihr werdet fündig.Zum Abschluss gab es großen Beifall, der Lehrer war sprachlos.
Ich denke so etwas sollte es bei der frühen Bildung unseres Nachwuchses öfter geben, dass Leute aus der Praxis mit einer gewissen beruflichen Erfahrung -gleich aus welchem Fachbereich- immer mal wieder eine erweitere Sicht auf diese Dinge geben.
Mir hat es Spaß gemacht.VG Rundmacher
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23. November 2025 um 15:13 Uhr #81951Udo WohlgemuthAdministrator
Hallo Peter,
das zeigt es wieder: Holt die jungen Leute an der richtigen Stelle ab! So uninteressiert sind sie gar nicht, wie die Unsocial Media sie gern hätten 😉
Gruß Udo
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23. November 2025 um 18:37 Uhr #81952Sparky
Guten Abend,
wunderbares Thema.
Ich hatte das Glück, damals im Wahlpflichtfach Technik meinen Biologie- Mathe- und Sportlehrer Herrn Recke zu haben,
ein vielsitig interessierter Mensch, der nicht stumpf Dienst nach Vorschrift gemacht hat und wenn dieser merkte, dass jemand
Interesse hat, verteilte er auch immer freiwillige Zusatzaufgaben, die auf Wunsch benotet wurden.So habe ich z.B. mal auf Reißzwecken eine Diodenmatrix aufgelötet um eine selbstgebaute 7-Segment-Anzeige zu realisieren.
Als ich schon Geselle war und mal in der Nähe meiner alten Schule, hab ich mal spontan vorbei geschaut wen man noch so erkennt.
Da landete ich auch bei Herrn Recke und seiner damaligen Technikklasse, er meinte auch nur, wenn du schon mal da bist,
ändern wir für heute den Unterrichtsplan und erzähl den Jungs und Mädels doch mal was aus der Industrie.Hab ich natürlich gemacht dann.
Ich finde es gut und richtig, solche Interessen zu wecken und zu fördern.
Wer weis, ob das nicht die Ingenieure der Zukunft werden, die dann eine bahnbrechende Entdeckung machen?Gruß,
-Sparky
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