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Welcher Plattenspieler zum Einstieg?

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    • #49535
      Rincewind

      Hallo!

      Vinyl lebt! Dieses Motto der 90er Jahre des vorherigen Jahrhunderts hat sich bewahrheitet. Heute (Juni/20202) werden Vinyl-Scheiben gepresst und die wenigen Presswerke kommen den Aufträgen kaum nach.

      Im privaten Umfeld bin ich mit der Frage konfrontiert worden ob das Gerät XYZ aus dem virtuellen Amazonien mit eingebauten Schallerzeugern und USB Anschluss was taugt. Ja, das Garät taugt für den Einsatz im Recyclinghof. Schade um die Ressourcen, die für die Herstellung diesen Plastikmülls verbraucht wurden. Genau so gut, ist es möglich für noch weniger Geld einen der billigst Plastik-Plattenspieler in üblichen Gebraucht-Portalen zu erwerben. Dennoch man sollte es nicht tun. Es gab und gibt viele Gründe für diese Billigst-Dosen: mangelndes Einkommen, ich will auch (8 Jähriges Kind) und natürlich die Gewinnspanne für den Massenhersteller.
      Angesicht der heutigen Streaming-Angebote machen diese Klangurnen zumindest hörtechnisch keinen Sinn.

      Dennoch Plattenspieler leben heute noch und können Abseits des Streamings viele Überzeugen. Nur wie kommt man als Einsteiger an einen halbwegs brauchberen Plattenspieler?
      Ich vertrete die Ansicht, dass gute Geräte aus dem Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre des vorherigen Jahrhunderts auch heute mit neuen Geräten bis etwa 2000 € Preisklasse locker mithalten können. Denn bis zur Mitte der 80er Jahre gab es eine kontinuierliche Entwicklung und die Ingenieure von damals lernten aus den Überlieferungen und Erfahrungen ihrer Vorgänger. Dieses weitergegebene Wissen ist zum Teil in den 90ern und frühen 2000er Jahren verloren gegangen. Es wurden schlicht keine Plattenspieler mehr konstruiert. Die heutige Vielfalt der Geräte beinhaltet dennoch kaum Neuerungen. Im HighEnd-Bereich wurden die Geräte: größer, schwerer und natürlich Teurer. Die Mittelklasse kommt langsam und zaghaft wieder, auferstanden aus dem Tod in den 90ern. Doch der Gerätschaft heute haftet eine wesentlich kürzer bemessene Nutzungsadauer als damals an. Ein Plattenspieler musste damals mehr Betriebsstunden verkraften als heutige Geräte. Ein weiterer Grund sind die modernen Werkstoffe im Plattenspieler: Gummi-Mischungen oder Kunststoffe, die Vibrationen absorbieren altern schnell und verlieren nach paar Jahren ihre Eigenschaften. Metallfedern altern langsamer 😉

        Doch was ist neu?

      • Direktantrieb? Gab es schon in den 70ern
      • Riemengetriebene Masselaufwerke? HighEnd der endenden 70er dekade
      • Subchasis-Konzept? 70er Jahre Technik
      • Schwebende Plattenteller? Ja, das ist wirklich neu!
      • Laser geführter Tangentialarm Jein, erste Versuche gab es ende der 80er, doch erst heute ist diese Technik (zumindest im HighEnd Bereich) gut

      Das Gros der Plattenspieler sind heute nach wie vor Riemen- oder Direktangetrieben. Diese gibt es Teilweise auch mit Subchassis. Vollautomaten sind in der Oberklasse und auf jeden Fall in der HighEnd Ecke verpönnt. Halbautomat-Option wird für viel Geld in der Oberklasse angeboten. Die Manuelle-Variante ist heute in der Oberklasse und HighEnd-Klasse Standard.

      Warum eigentlich?

      Manuell bedeutet null Komfort. Einschalten, warten bis der Teller soll Geschwindigkeit erreicht hat, den Tonarm behutsam zur Schallplatte bewegen und den Absenkhebel betätigen. Am Ende der Schallplatte zum Dreher hingehen, den Tonarm anheben und zurück in seine Ursprungs-Parkposition schieben.

      Halbautomat hat zumindest ein klein wenig mehr zu bieten. Hier Stoppt der Plattenspieler am Ende der Schallplatte und kann meistens den Tonarm anheben.

      Vollautomat heisst, dass der Anwender einen Starthebel / Startknopf betätigt und der Rest passiert automatisch: Tonarm fährt alleine zum Anfang der Schallplatte, senkt sich automatisch, am Ende hebt der Tonarm von alleine und fährt zurück in seine Park-Position. Der Plattenspieler schaltet sich ab. Für diese Funktion bedarf es ausgeklügete Mechanik, die zum einem das Gerät verteuert, zum anderen, bei fehlerhaften Design den Tonarm klanglich einschränken kann.

      Doch zurück zur Anfangsfrage

      Welcher Plattenspieler zum Einstieg?

      Gut erhaltene Massengeräte der Oberklasse und Spitzenklasse, aus dem oben beschriebenen Zeitraum, sind heute noch erhältlich. Viele der Geräte wurden sorgfältig behandelt und befinden sich oft optisch wie technisch in einen sehr guten Zustand. Wie gut das Gerät sein sollte, entscheidet der Geldbeutel. Eine Einschränkung gibt es jedoch: Die guten Rillenfräsen sind empfindliche Feinmechanik-Geräte und reagieren sehr Empfindlich auf die Tiefflug-Transportlinien wie DHL, Hermes, DPD, GLS usw. Deshalb lieber das Gerät vor Ort abholen und gleichzeitig sich von der versprochenen Funktion überzeugen lassen. Die Preise für diese Geräte liegen (je nach Modell und Marke) meistens zwischen ca. 80 – 200 Euro (Stand Juni 2020). Auf USB und eingebaute Lautsprecher muss man allerdings dabei verzichten. Dies ist in meien Ohren auch gut so! Denn damit habe ich die große Freiheit meinen Geschmack bei den Tonabnehmern zu finden.

      Der Tonabnehmer macht den Klang! Die alten Tonabnehmer können vielleicht am Anfang zeigen, dass Vinyl ein anderes Erlebnis bietet als Streaming. Dennoch der volle Genuss wird mit frischen Zutaten erreicht. Wenn es geht, ist eine neue, original Tonabnehmer-Nadel Pflicht! Falls es diese nicht gibt, bringen oft Nachbaueten eine Verbesserung. Dennoch auf die Dauer greift man zu neuen Tonabnehmern. Zum einen Verhärten die Gummis nach 30 oder mehr Jahren mit denen der Nadelträger befestigt ist. Dadurch sinkt die Dynamikumfang und meist auch der Deteilreichtum. Zum anderen ist stets die Nadel zu prüfen (sofern möglich). Eine Nadel ist ein Verschleißteil und muss nach X Betriebsstunden gewechselt werden. Dieses gilt auch für unfassbar teuere Tonabnehmer. Denn auch für die hochpreisigen Tonabnehmer gilt die gleiche Physik.
      Die Entwicklung bei den Tonabnehmern hat zumindest Ende der 80er und zum Anfang der 90er noch Fortschritte gemacht. Getrieben wurde die Weiterentwicklung durch die CD. Die Hersteller wollten zeigen, dass ein besserer und angenehmerer Klang mit dem Vinyl gegenüber der CD möglich ist. Auch heute passen sich die Tonabnehmer unseren Hörgewohnheiten an und bieten ein individuelles Klangerlebnis.

      Was kostet ein gutes, gebrauchtes Gerät zum Einstieg? Der Plattenspieler (meist mit Tonabnehmer) ca. 80 – 200 Euro, dann kommen noch Kosten für die Ersatznadel, ab ca. 30 € ist man dabei. Wer einen Verstärker (Stereo oder Multikanal “AVR”) mit einem Phono-Eingang hat, der muss keine weiteren Kosten im Blick haben. Ansonsten startet man mit einem einfachen Phono-Vorverstärker, ebenfalls Gebraucht, hier beginnt die Preisspanne ab ca. 30 – 40 € mit brauchbaren Geräten. Der umwelt- und geldschonende Einstieg in die Vinylwelt ist mit Old Fidelity Geräten eine wirkliche Alternative zu der heutigen Einsteigerklasse. Einer der Hauptargumente dabei ist: Der Wertverlust beim nicht Gefallen oder weil der Vinyl-Funke nicht überspringt, hält sich in Grenzen. Die gekauften Geräte lassen sich in der Regel zum ungefähren Einkaufspreis wieder verkaufen, was bei einem Neu-Gerät nun selten möglich ist.

      Danke für die Aufmerksamkeit. Vielleicht sollte ich zukünftig statt zu schreiben, Podcasts anbieten 😉

      Rincewind

    • #49538
      HortusNanum

      Hallo Rincewind,

      Eine sehr schöne Rede zur Lage der (Vinyl)-Nation. Vielleicht solltest Du wirklich Podcasts machen! 😉

      Mein Wiedereinstieg in die Vinyl-Welt ist jetzt ein paar Jahre her. Die wirklich guten Flohmarktjahre habe ich jedoch leider verpasst. Allerdings habe ich als Teenager noch die korrekte Bedienung und Behandlung dieser feinmechanischen Meisterwerke mitbekommen, ebenso den Niedergang der Branche in den späten 80er Jahren und die Ablösung des schwarzen durch das silberne Gold.

      Tatsächlich habe ich mich vor einigen Jahren auch vor der Frage gesehen: Good Old HiFi oder Neugerät? Die Auswahl an halbwegs vernünftigen Plattendrehern neuer Bauart war damals noch geringer als heute und orientierte sich vielfach noch am DJ, der mit seinen Fettfingern auf den Platten herumtapst und mit hektischen Bewegungen Platte, Nadel und Motor ruiniert. Daneben gab es dann auf polierte Brettchen montierte Riementriebler mit Modellbaumotoren und sonst ohne die selbstverständlichen Komfortmerkmale, die ich aus meiner Jugend gewohnt war. Damals waren manuelle Geräte nur was für HighEnd-Spinner mit zuviel Geld. Alles andere hatte zumindest eine Halbautomatik. Der Technics Tangentialvollautomat meines Bruders konnte damals sogar über einen optischen Sensor die Zwischenräume zwischen den Tracks erkennen und so ähnlich wie ein CD-Player die Songs direkt anspringen.

      Am Ende landete ich dann für kleines Geld bei einem Top-Modell eines bekannten Schwarzwälder Herstellers, von dem ich mir damals nur den kostenlosen Modellprospekt und den sehnsüchtigen Blick ins Schaufenster leisten konnte.
      Obgleich es sich damals um Großseriengeräte handelte, orientierte sich die Materialauswahl und die Verarbeitungsqualität nicht am kurzfristigen Shareholder-Value,  sondern an Langlebigkeit und musikalischer Qualität. Die daraus resultierende subjektive Qualitätsanmutung und Haptik bekommt man heute wenn überhaupt höchstens bei Geräten, auf deren Preisschild ein mittlerer vierstelliger Betrag vermerkt ist.
      Jedenfalls bekam ich so für ‘ne schmale Mark einen 40 jahre alten Veteranen, der wie neu aussieht und auch so spielt. Da bliebt noch ein guter Teil des geplanten Budgets für einen guten Tonabnehmer übrig.

      Warum sich zumindest ein simples Komfortfeature wie eine automatische Endabschaltung samt Tonarmlift im sogenannten High-End Bereich nie etablieren konnte, ist mir bis heute ein Rätsel. Da kauft man sich für den Gegenwert eines Kompaktwagens eine Bohrinsel, für deren Aufstellort ein statisches Gutachten eingeholt werden muss und dann knackt stundenlang alle zwei Sekunden die Nadel in der Auslaufrille weil ich bei der Kleinen Nachtmusik eingeschlafen bin? Ernsthaft?

      Auch die Verpönung der Anfang der 1980er hervorragend ausentwickelten Direktantriebe ist mir nicht ganz klar. Natürlich macht so ein Masselaufwerk mit poliertem Granitteller, viel Chrom und Messing und freilaufendem Gummiband optisch eine Menge Eindruck. Aber das Ding permanent am Laufen zu halten, damit die Lager auf gleichbleibender Temperatur bleiben und man vor allem bei spontaner Lust auf Musik nicht 20 Minuten warten muss, bis der schwachbrüstige Riemenjohann die 30kg Schwungmasse auf Solldrehzahl gebracht hat, erschien mir doch immer zu wenig praktikabel. Außerdem ist sowas nix wenn Kleinkinder im Haushalt wohnen.

      Und natürlich ist es schwierig, die Mechanik eines Vollautomaten in ein modulares System zu bauen, bei dem für Tonarm, Tonarmbasis, Motor, Motorregelung, Plattenteller, Plattentellerlager usw. jeweils getrennte Upgradepfade angeboten werden, um einmal gewonnene Kunden mit dem immer neuen Versprechen auf noch mehr besseren Klang mehrfach zu monetarisieren.
      Aber gut, vielleicht hatten sie recht. Immerhin gibt es Transrotor noch, während Dual pleite ging und heute u.a. als ruhmreicher Name für Hanpin-Dreher herhalten muss.

      Festzuhalten ist, dass meine Jugendliebe zum Vinyl nie ganz weg war. Zwar beschalle ich mich inzwischen auch oft digital per Streaming oder vom Fileserver, aber wenn ich Musik wirklich hören möchte, lege ich eine Platte auf. Allein die “Teezeremonie” die Platte vorsichtig aus der Hülle zu ziehen, sie am Rand zwischen den Handflächen balancierend auf den Teller zu legen, den nicht oder kaum vorhandenen Staub wegzubürsten, um dann mit geübter Handbewegung die Nadel aufzusetzen, versetzt mich immer schon in eine erwartungsfrohe Stimmung. Dann setze ich mich auf meinen Lieblingsplatz und höre die Musik. Manchmal lese ich die Songtexte mit und betrachte die Details des Covers, manchmal schließe ich einfach die Augen und lausche. Nach etwa 20 Minuten muss ich die Platte umdrehen und das Ganze beginnt von vorne.

      Allein dieser Rythmus der Schallplatte: 20 Minuten Musik, dann fordert das Medium erneut  Aufmerksamkeit und hindert mich so daran, mich von irgendetwas ablenken zu lassen wie es mir bei der CD oft passiert ist. Die CD lege ich ein, dann macht sie für eine gute Stunde Musik. Man lässt sich durch irgendwas ablenken und aus der Musik wird ein Hintergrundgeräusch. Streaming ist noch schlimmer: Das dudelt unbeachtet endlos weiter. 😉
      Ich möchte beidem nicht die Daseinsberechtigung absprechen, aber subjektiv beschäftige ich mich mehr mit der Musik wenn sie von der Platte kommt.

      Soweit mein Senf. Dank an alle, die bis hierher durchgehalten haben. Wenn es mehr als zwei waren sollte ich vielleicht auch Podcasts machen. 😉

      BTW: Gibt es eigentlich einen Vinylpodcast?

      Viele Grüße,
      Roland

    • #49547
      Matthias (DA)

      Vielen Dank fürs Schreiben Rincewind,

      Podcasts find ich immer anstrengend 😉

      Was bei den manuellen Geräten aicherlich noch hinzukommt ist das Momentum der Vorfreude und die Zeremonie des Platte auflegens. Nicht zu unterschätzen

       

      Liebe Grüße

      Matthias

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