SB 23/ 3

Ohne jede Übertreibung kann ich sagen, dass der Job eines Bausatzentwicklers zu den abwechslungsreichsten Tätigkeiten des täglichen Arbeitseinerlei gehört. Seit nun schon mehr als 25 Jahren beschäftige ich mich damit, die Welt ständig mit neuen Kreationen zu überschwemmen, weder sie noch ich haben offenbar bislang genug davon. Es gibt noch so viel Neues zu erproben, vor allem modisch ausgetretene Wege zu verlassen, selbst wenn die Idee dazu schon alt und bärtig ist.

Auch einmal weg zu gehen vom modernen Schlankheitswahn, stand mir schon lang im Sinn. Als ehrlicher Mensch fällt es mir nicht schwer, zuzugeben, die Idee für die Breitbox nicht selbst ausgebrütet zu haben. Früher, als alles noch viel besser war, wurden die Schallwandler gern wandnah, liebend gern auch noch durch Gardinen verdeckt, statt mitten ins Wohnzimmer gestellt. Aus dieser Zeit stammend fand eine defekte Braun-Kompakt zu mir und verlangte nach neuen Chassis. Dass daraus nichts Vernünftiges werden konnte, verriet ich dem Besitzer und schlug ihm einen Neubau vor, der gleich auch eine passende Weiche beinhalte. “Geht das denn auch im Format der alten”, war die Frage, die mir die Augen öffnete. “Klassik, Jazz und schönen Klang will ich auch noch haben!” Achso, auch noch anspruchsvoll der Herr! Da half nur noch SBAcoustics und ein neuer Bauvorschlag. Zwei oder drei Wege mit mehr breit als tief, SB 23/ 3 nannte ich das füllige Kind, geboren aus alt und neu, aber nicht nur als Ersatz für Vergangenes gedacht.

Bestückung

Grundstein und zugleich Namensgeber für die neuen Boxen ist der SB23NRXS45-8 , ein 22 cm Bass, dessen Messungen auch sehr gute Mittelton-Qualitäten versprechen. Massiger Korb, Pappmembran und riesige Polkern-Bohrung sind die sofort sichtbaren, äußerenMerkmale, die für gute Haptik sorgen. Mit hochgelegter Flachzentrierung und vielen Lüftungsöffnungen kann sich die fast 46 mm Schwingspule über fehlende Kühlung nicht beklagen. Mit 24,5 Gramm gehört die beschichtete Membran zu den Leichtgewichten in ihrer Klasse. Trotzdem liegt die Resonanzfrequenz bei praxistauglichen 32 Hz. Der Qts von 0,4 lässt den SB 23 für fast jede Boxenbauart geeignet erscheinen. Für knapp 94 Euro bekommt man einen beachtlichen Gegenwert, auch wenn dem Anschein zum Trotz die Anschlussfahnen nicht aus echtem Gold sind. Selbst sein Dichtband bringt der SB 23 gleich aus Indonesien mit, wo das in Dänemark entworfene Chassis gefertigt wird.

Einen willigen Mitkämpfer um die Gunst des 1Zuhörers fand der Bass in der Hochton-Kalotte SB26STC-C000-4, die sich wie alle Chassis von SBAcoustics auch mit einem langen Bandwurmnamen ohne wirkliche Wiedererkennungseignung schmücken darf. Nicht ganz unähnlich ist sie ihrer ursprünglich verwendeten Schwester, die ein zusätzliches “A” aufweist, das steht für “Aluminium”, aus dem die Frontplatte hergestellt wurde. Die konstruktiven Eigenschaften der beiden unterscheiden sich dagegen nicht von einander. Tiefe Resonanzfrequenz, verkupferter Polkern mit angekoppeltem Volumen und Resonanzschutz, luftdicht beschichtete Textilkalotte in kurzer Schallführung und breiter Sicke, sowie kein Ferrofluid im Luftspalt sind beiden gemein. Zum Anschluss an die Weiche dienen ein schmales und ein breites Fähnchen, das mit einem roten Farbklecks als Pluspol gekennzeichnet ist. Mit 30 Euro pro Stück ist der Hochtöner in jeder Hinsicht seinen Preis wert. Nun hatte ich ein schönes Gespann mit recht viel versprechenden Messwerten zusammen. Ein passendes 1Gehäuse mit breiter Schallwand bastelte ich mir schnell aus Spanplatten, denn es gilt nach wie vor die alte Entwicklerweisheit: “Glaub nichts, was du nicht nach dem Fertigstellen beweisen kannst.” So konnte ich mittels Messtechnik wunderschöne Zweigkurven erstellen, eine Trennfrequenz um 2 kHz war ganz in meinem Sinne. Nicht gefallen konnte mir dann aber die resultierende Summenkurve, die ohne übertriebenen Aufwand zu keiner brauchbaren Addition führte. Nur das Beste daraus zu machen 1und mir das Ergebnis am Ende irgendwie schön zu hören ist nicht mein Ding, also verschwand die Spankiste nach dem Ausbauen der Chassis in meinem Keller.

Dass es weise Voraussicht war, aus der heraus ich im Chassistest auch noch den SB12NRX25-4 vorgestellt habe, kann ich ruhigen Gewissens nicht behaupten. Doch selbstverständlich hat jeder Lautsprecher-Bastler einen Mitteltöner im Kopf, wenn er einen 22er und einen Hochtöner in der Hand hält. Klassischer wäre zwar ein 10er Chassis, doch durch die großen Körbe haben sich nur die Außenmaße bei fast gleicher Membranfläche verschoben. Die Beschreibung der Äußerlichkeiten wäre eine Wiederholung des für den Bass gesagten, die inneren Werte haben es aber wörtlich in sich. Die 25,4 mm Schwingspule hat eine Impedanz von nur 4 Ohm, sitzt auf einem Kaptonträger und ist so hoch gewickelt, dass bei 5 mm Polplattendicke glatt 10 mm linearer Hub erreicht werden. Angesichts von 72 Hz Resonanzfrequenz ist die Bezeichnung Mitteltöner trotzdem angemessen, es sei denn, man will kleine Satelliten oder gar PC-Lautsprecher aus den SB 12 bauen. Sein Schalldruck von 85,5 dB/ 1W/ 1m erscheint auf den ersten Blick zu gering für den Rest der Mannschaft, doch wegen der 4 Ohm bekommen wir die 3 dB dazu, die uns scheinbar fehlten.

Gehäuse

Weit ab vom modernen Schönheitsidol, das nur schlank gelten lässt, gestaltete ich die Schallwand gemäß alter Tradition 40 cm breit und 60 cm hoch. Die vom Bass verlangten 45 Liter ergaben sich durch die Tiefe von 22,4 cm, es war auch noch ein wenig Luft für den Mitteltöner übrig. Mit 18 mm Multiplex wählte ich einen Werkstoff, der zwar gut doppelt so teuer wie MDF ist, dafür aber schon eine ansehnliche Oberfläche mitbringt. Zwei Reflexrohre HP 50 BR mit voller Länge setzte ich links und rechts unten in die Ecken, die Kanten hätte ich fasen oder runden können, das hätte sich aber nur optisch und zeitlich ausgewirkt. Wie schön ich Holz verleimen kann, habe ich zwar schon oft gezeigt, aber ein Bauartikel ohne Handwerk passt nicht zu einem Selbstbau-Magazin. Deshalb folgen ein paar kleine Bilder, die sich durch einen linken Mausklick in leichter erkennbare Dimensionen verwandeln.

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Fugenleim gehört heute zur Standardausrüstung des Boxenbauers, denn kein anderer Kleber ist so einfach anzuwenden und dabei auch noch sparsam wie ein Schwabe. Als Hilfsmittel zum bündigen Ausrichten der Bretter benötigt der geübte Boxenbauer zusätzlich ein wenig Fingerspitzengefühl, dann ist der Aufbau eine Sache von Minuten. Manchmal muss ein gewisses Maß an Zwang dabei helfen, die falsche Lagerung des Baumarktes zu korrigieren. Leicht verzogene Bretter sind anders nicht in die passende Form zu bringen. Schlecht beraten ist derjenige, der seine Baustelle zu früh verlässt, denn nicht genau rechtwinklig aufgestellte Schraubzwingen neigen dazu, die Bretter zu verschieben, wenn gerade einmal niemand zusieht.

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Nach dem Schleifen und Fräsen der Gehäuse ging es daran, dem Mitteltöner ein Abteil zu schaffen, das ihn vor dem Bassdruck schützt. Immerhin ist es nicht seine Aufgabe, als völlig überforderte Passivmembran missbraucht zu werden. Dazu habe ich mir ein handelsübliches KG-Rohr aus dem Baumarkt auf 22,4 cm gekürzt und unter das Loch für den Mitteltöner geschoben. Aus alten Zeiten hatte ich noch Montage-Kleber in der Werkstatt liegen, mit dem ich das Rohr oben und unten rundum abdichtete. Mit dem Finger wurde ein hübscher Kragen geformt, der nach dem Durchtrocknen Rohr und Box zu einer festen Einheit verschmolz. Um später das Kabel zum SB 12 ziehen zu können, habe ich noch ein Loch in das graue Rundhaus gebohrt. Deutlich zu sehen ist auf den Fotos, dass es nun so langsam an der Zeit ist, meine mittlerweile zu stumpfen Fräsköpfe gegen neue zu tauschen. Mit Freude stellte ich bei meiner Internet-Suche fest, dass in Deutschland endlich wieder die guten von CMT bei dbh-beschlaege käuflich zu erwerben sind. Ein 20er und zwei 10er HM-Fräser sind schon bestellt.

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Mit Schellack habe ich die Oberfläche aufgehübscht. Zwei Aufträge mit Zwischenschliff ergeben einen sich je nach Lichteinfall wunderschön färbenden Glanz. Sinnvoll waren auch noch ein paar Füße, damit der Hochtöner in Ohrhöhe kommt, falls die Boxen nicht an die Wand gehängt werden. Die hier verwendeten mit 40 cm Höhe konnte ich im Bauhaus gegen Geld tauschen, mit entsprechendem Zubehör sind sie außerdem sogar noch in der Höhe verstelllbar.

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Den Bauplan der SB 23/ 2 gibt es hier als Sketchup-Datei zum Herunterladen.

Weiche

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Nicht viele Erklärungen gibt es zu den Diagrammen der Weichenentwicklung, denn wirkliche Besonderheiten gibt es bei der Schaltung nicht zu vermelden.. Die rote Linie stellt jeweils das Chassis ohne Bauteile in der Box dar, die blaue ergab sich nach der Filterung. Bis auf den Hochpass des Mitteltöners (6 dB) wurden überall 12dB-Weichen verwendet, der Hochtöner wurde zusätzlich durch einen Widerstand mit übergelegtem Kondensator im Pegel reduziert. Die perfekte Addition der Zweige erforderte die Verpolung des Basses gegenüber dem Mittelhochton-Teil. Der kleine Buckel um 2 kHz mit anschließender Senke zeigt die Frontbreite und verschiebt sich bei zunehmendem Winkel nach unten. Wegen der angedachten Wandnähe habe ich den Mittel- und Hochton etwas lauter als den Bass gelassen. Auch der leichte Abfall unter 90 Hz nimmt darauf Rücksicht. Eine Impedanzkorrektur für Röhrenverstärker ist nicht notwendig.

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Ein paar kleine Bilder zum Einbau habe ich auch noch parat, dann ergeben sich dazu später keine Fragen.

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Die Weiche habe ich mit Heißkleber hinten auf den Boden zwischen die Reflexrohre geklebt, den nutzte ich auch zum Abdichten der Kabeldurchführung zum Mitteltöner. Eine Matte Sonofil füllt das Rohr, fünf Matten das Bassgehäuse. Als Terminal verwendete ich das T 105 MS/ AU, das in der Rückwand verschraubt wurde, bevor ich die Chassis anlötete.

Klang

Nachdem meine SAC-Monos nunmehr von der Reparatur zurück waren, durften sie wieder einmal die Signalsteuerung übernehmen. Zwar konnte ich keine Wand in den Rücken der SB 23/ 3 mauern, aber 45klaglos verrichteten sie ihr Werk auch ohne sie. Mit guter Musik wurden sie von meinem TD 320 mit Benz-System und einem Haufen kürzlich günstig erworbener Schallplatten versorgt, von denen mir besonders die sicher gänzlich unbekannte, grandiose Scheibe “Mas Hysteria” der amerikanischen Rock-Gitarristin Carolyn Mas ins Ohr ging. Die viel zu kurzen zehn oder zwölf Minuten “Sittin’ in The dark”, live und absolut nicht perfekt aufgenommen in einer kleinen, lokalen Radiostation musste ich mir gleich dreimal geben. Eindrucksvolle Stimme, fünf tolle Soli der hervorragenden Musiker, unkomprimierte Rockmusik mit Feinzeichnung und Lebendigkeit, heute leider nicht einmal mehr die Ausnahme, rundum zum Mitzappeln zwingende Stimmung im Publikum machen die gut 30 Jahre alte, aber völlig knisterfreie Scheibe zu einem Juwel meiner Sammlung. Warum schreibe ich über die Platte, es geht doch um die Boxen. Nun, sie machten die schwarze Rille einfach zum Genuss, die Boxen selbst standen dabei eher wie zufällig vor der tiefen und breiten Bühne und machten nichts falsch.

Als sich der Ex-Braun-Boxen-Besitzer am nächsten Tag zu mir gesellte, lauschten wir seinen mitgebrachten Klassik-, Jazz- und Blues-CD’s ein paar Minuten lang in aller Ruhe und Ausführlichkeit, wobei sein Gesichtsausdruck deutlich von Skepsis vor den ersten Tönen schnell zu wohliger Zufriedenheit wechselte. “Ich wäre auch mit weniger glücklich gewesen” war sein Kommentar. Trotzdem bereute ich nicht die Zeit, die ich zusätzlich aufwenden musste, als ich aus der anfänglichen Zweiwege-Box die SB 23/ 3 machte. Bluesklasse ist halt mehr als nur die korrekte Wiedergabe von Tönen.

Udo Wohlgemuth

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LianenSchwinger

Hallo,

der Bericht ist zwar schon älteren Datums aber beim Lesen stellt sich mir doch eine Frage.
Handelt es sich bei dem SB23NRXS45-8 um eine 8Ohm LS und den anderen Beiden um jeweils 4Ohm LS?
Wie verhält sich der LS für den Verstärker? Ist es jetzt ein 4 oder 8Ohm LS?

Danke und Gruß
Jörg

Rincewind

Hallo Jörg!

Der Impedanzschrieb sagt 4 Ohm Lautsprecher und zwar ein ganz unkritischer. Denn die minimale Impedanz bis 500 Hz liegt bei ca. 5 Ohm. Damit sollten auch kleine Verstärker gut zurechtkommen.

Grüße
Rincewind