Jul 13 2015

Doppel 7 – die nachgereichte Vorstellung

Immer wieder gibt es Bauvorschläge, die ich auf Wunsch zusammenstelle, weil einem Kunden genau eine für ihn relevante Lücke im Programm aufgefallen ist. Oftmals landen diese Konstruktionen dann in meiner Schublade, weil es zwar einen Markt dafür, aber dennoch wenig Nachfrage gibt. Manchmal ist auch nur der Zeitpunkt schlecht für eine offizielle Vorstellung und so bleibt der Bausatz erst einmal im Dunkeln, um dank Leserbericht gelegentlich dann doch ins offene Licht zu hüpfen.

So ging es auch der Doppel 7, deren besserer Name sicher Little Duetta oder Duettina gewesen wäre. Ihn im Nachhinein zu ändern, würde eher Verwirrung stiften, drum bleiben wir beim profanen Erwähnen der Chassismenge und -größe, die im Bass wirksam ist. Dass sie heute endlich auch offiziell in unser Bausatz-Programm aufgenommen werden kann, verdanken wir Günther, der mir den Auftrag gab, diese Box für ihn zu bauen. Und wenn dann schon die Gehäuse vorhanden sind, sollten auch Messungen möglich sein, wie sie nun einmal zu einer Veröffentlichung gehören.

Doch fangen wir vorne an, die Geschichte von Günther begann schon vor langer Zeit. Bei seinem ersten Besuch, der mittlerweile gute eineinhalb Jahrzehnte zurück liegt, begeisterte ihn meine 2u10TL, später als Scan Art im Intertechnik-Sortiment aufgenommen. Die Seas bestückte Vierwege-Transmissionline mit 25er Bass, 20er und 13er BMT und ferrofluidfreier Kalotte war genau der Lautsprecher, auf den sein kleines Häuschen mit großem Wohnzimmer und seine immer schon Musik begeisterten Ohren bereits sehr lange gewartet hatten. Mehrere Jahre waren alle miteinander glücklich, bis andere Lebensumstände samt Umzug in umgekehrte Wohnverhältnisse zur zwangsläufigen Trennung führten. Ein Paar Fertiglautsprecher aus dem recht gehobenen Preissegment, die der neuen Enge gerecht wurden, durften nun die Ohren verwöhnen, was sie auch recht lang recht gut taten. Erst eine weitere Veränderung der Wohnlage ließ dann auch diese keineswegs schlecht klingenden Schallwandler an ihre musikalischen Grenzen rütteln, ein 13er Bass kann halt nicht allzu viele Kubikmeter füllen. Das Ende ist bekannt, Duetta zu groß, die Top zu klein und so wurde es die Doppel 7.

Da die Gehäuse weiß lackiert werden sollten, habe ich sie auf Gehrung zugeschnitten. Das vermeidet stark saugende Schnittkanten, erfordert aber auch eine wirklich gute Tischkreissäge, die ich schon vor Jahren gekauft, für solche Arbeiten jedoch selten gebraucht habe. Weil aber der Auftrag wegen einer unverhofft günstigen Transportmöglichkeit innerhalb einer knappen Woche ausgeführt sein musste, konnte ich mir diese eher ungeliebte Zuschnittart nicht ersparen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es gar nicht so schlimm war und das leichtere Lackieren den Aufwand belohnte.

Gegenüber dem Originalplan stabilisierte ich die Gehäuse durch zwei Ringversteifungen, das machte das Kleben mit Hilfe von Zurrgurten zur einfachen Übung. Die folgenden Baubilder wird man auch ohne Worte verstehen, andernfalls können unter dem Bericht gern Fragen dazu gestellt werden.

Zwei Lagen weißer PU-Lack mit Zwischenschliff ergaben schon eine ansehbare Oberfläche, eine Lage Klarlack machte sie noch schöner. Hinter den Ausschnitt für den ER 4 musste nun noch ein Brett geklebt werden, damit die Bässe seine Folie nicht zu einer Passivmembran degradieren. Und so war das MDF, morgens erst gekauft, am Abend nicht mehr wiederzuerkennen.

Der nächste Schritt war einfach wie nie, denn die Weiche war längst fertig und erforderte keinen weiteren Aufwand. Der obere Teil der Duettina nutzt die gleiche Spule wie ihre Mutter, weggelassen wird jedoch der Hochpass- Kondensator im Signalweg. Der Saugkreis gegen die kleine Resonanzspitze um 4 kHz wurde leicht modifiziert, da hier auch der untere Bass Einfluss nahm. Der bekommt lediglich eine Spule vorgeschaltet, damit er bei grob 200 Hz sanft den Spielplatz verlässt. Dem Hochtöner spendierte ich zusätzlich einen kleinen Widerstand, der speziell gegen die manchmal verspürbare Kühle von modernen Verstärkern und Aufnahmen ankämpft. Röhrenhörer können ihn werglassen, sollten aber dafür die Impedanzkorrektur nutzen, die für unsere Bluesklasse-Bauvorschläge selbstverständlich angemessen werden.


Wenn es schon nicht viel über die Entwicklung zu berichten gibt, bleibt mir etwas Zeit, ein paar kleine Erklärungen zum Sinn der Zweieinhalbwegebox zu schreiben. Häufig wird vermutet, dass beide Bässe wie im Duetta Center (gleiche Bestückung) parallel gemeinsam bis zum Trennpunkt mit dem Hochtöner laufen. Durch die unterschiedlichen Abstände zum ER4 und die verschieden langen Laufwege zum Ohr ergeben sich dabei allerdings Verschiebungen der akustischen Phasen, die sich in durchaus heftigen Welligkeiten zwischen grob 800 und fast 3 kHz äußern. Daher wird der untere 7-Zöller nur als Bassergänzung für mehr Druck und gleichzeitig Hubentlastung für den Bruder genutzt. Bei 800 Hz ist er somit schon gut 18 dB leiser, pro Oktave kommen weitere 6 dB dazu. Sein Einfluss auf den oberen Gesamtfrequenzgang ist auf diese Weise gering, ganz vernachlässigen darf man ihn jedoch nicht. Das Diagramm zeigt den Frequenzgang mit parallelen Bässen.

Immer wieder wird gefragt, wie denn die Innereien in die Box kommen. Wo wir gerade so schön entspannt sind, ist auch dieses Thema ein paar Bilder wert.

Für das Terminal mit aufgeklebter Bassspule und angelöteten Kabeln haben wir ein schönes Loch mit bündiger Versenkung auf der Rückseite gefräst. Vor dem Anschrauben bohren wir mit einem 3 mm Bohrer vor.

An die Weiche für BMT und HT wird das Anschlusskabel angelötet, danach wird sie hinter dem oberen Bass auf die Rückwand geklebt oder geschraubt. Zwei Matten mit 80 x 40 cm von meiner Rollenware füllen die gesamte Box locker, der untere Bereich bleibt dabei frei.

Links unten wurde in der ER4-Kammer ein 6 mm Loch gebohrt, durch das wir die Kabel des Hochtöners ziehen. Die Stecker werden per Lüsterklemme mit dem Weichenkabel verbunden. Dabei war ich nicht etwa farbenblind, sondern habe ganz bewusst den blauen Stecker mit dem roten Kabel gepaart. Eine der unergründlichen Eigenheiten des ER4 war von Beginn an, dass der rote Stecker den Minuspol markiert. Das fiel mir erstmals auf, als ich vor 15 Jahren die Duetta konstruierte und dabei auch die Sprungantwort des Hochtöners ansah. Nun gut, es ist keine zwingende “Verabredung”, Plus mit rot zu benennen. Auf dem linken Bild sieht man die Zutaten, die sich die Kammer mit der AMT teilen. Es sind ein Stopfen aus Reparaturwachs und zwei 4 mm dicke Moosgummi-Matten. rechts befinden sie sich an Ort und Stelle.

Beim 7-360, der ausschließlich für uns weiterhin gefertigt wird, ist der Minuspol die schmale Fahne, an die das schwarze Kabel angelötet wird. Hierbei ist eine Lötstation mit Temperaturregelung hilfreich, die auf 360 Grad eingestellt werden sollte. Vor dem Anschrauben der Chassis wird wieder vorgebohrt.

Wenn wir schon etwas verspätet den Bericht zu einem längst gut beleumundeten Bauvorschlag zu Papier bringen, dürfen die Messungen natürlich nicht fehlen. Hier sind sie nun, wir hoffen, dass nun niemand seine Doppel 7 aus Schreck darüber ganz schnell verkauft.


Der letzte Teil der Projektvorstellung fand natürlich in meinem Hörraum statt, wo die kleine Duetta sich mit Mutter und Schwester messen durfte. Lange Reden will ich nicht schwingen zu Wohlklang, Feinzeichung, Dynamik, Ortbarkeit und Bühnenabbildung, darüber berichteten schon ein paar Nachbauer. Die Doppel 7 ist eine typische Eton-Box mit Eton-Sound, auf den Philipp Vavron mit Recht stolz ist. Nichts ist nachweislich falsch, was sie zu Gehör bringt, kleine Besetzungen oder große Orchester, Mann mit Frau oder Gitarre mit Klavier beherrscht sie in jeder Kombination. Sie lässt es krachen, wenn es dem Old School Rock gefällt und zaubert einfühlsam das große Lied der Liebe in den Raum, Anstrengung kennt sie nur am obersten Pegellimit, doch da trägt vielleicht das Ohr schon selbst die Schuld. Was der Top in größeren Räumen an Druck fehlt, macht sie durch den zweiten Siebenzöller wett. Duetta schaufelt dagegen noch mehr Luft im Raum um, kein Wunder bei ihrer sehr viel größeren Membranfläche. Tonal sind alle drei bis auf die genannten, physikalisch erwarteten Bassunterschiede nahezu identisch, kein Wunder bei gleicher Bestückung und ähnlichen Weichen. Für wen ist dieses Konstrukt also die passende Lösung? Nun, es steht schon oben, für Günther: Duetta zu groß, die Top zu klein.

Udo Wohlgemuth

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