Jul 01 2017

Needle – aufgewärmt

Seit heute weiß ich es ganz genau, wie schnell ein Rentnerjahr vergeht und wie gut die daraus resultierende Ruhe tut. Nun gut, es stimmt nicht so ganz, es war sogar recht turbulent in den vergangenen zwölf Monaten. Ich hab mich keine Minute davon dem Sitzen im Park hingegeben, wo man leidenschaftlich stundenlang anderen Rentnern beim Schachspielen zusieht. Langeweile konnte nicht entstehen, ein paar Bausätze steckten noch in meinem Kopf. Fast das gesamte Programm wurde erneuert, nur wenig Altes überstand den Wechsel zu diesem Magazin. Bei ein paar Highlights tat es mir leid und so suchte ich nach alternativen Quellen, aus denen ich die dafür nötigen Chassis schöpfen konnte. Eins der wichtigsten war der Dayton RS 100-4, mit dem ich die nicht nur bei Einsteigern beliebten Needle, Klangriesen und RS 100 PC entworfen hatte. Er ist wieder da, zur Feier des Tages kram ich daher die leicht überarbeiteten, alten Bauberichte wieder aus. Sie sind wieder aktuell und mancher Leser hat sie hier durchaus vermisst. Den Anfang macht die Needle, die den großen Erfolg des kleinen Breitbänders vor fast zehn Jahren einleitete.


Man kann es gar nicht laut genug sagen: Da hat Berndt, genannt “Cyburgs”, sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Seine Kreationen mit Namen “Needle” sind in der Selbstbauwelt längst Synonym für das Kunststück geworden, aus kleinen Breitbändern Großes herauszuholen. Da die Box nicht für ein bestimmtes Chassis mit eng vorgegebenen Parametern entwickelt wurde, kam sie mir sofort in den Sinn, als ich im Chassistest die kleinen Breitbänder von Dayton gemessen hatte. Ob denn auch sie darin wohl hinreichend gut funktionieren? 

Bestückung

Größtes Manko vieler Breitbänder der 4-Zoll-Klasse ist die recht hohe Resonanzfrequenz von meist weitaus mehr als 100 Hz, das galt auch für die beiden in Bernds Needle erprobten Chassis. Das verspricht trotz großen Gehäuses und einigem Gehirnschmalz bei dessen Erstellung keine ausreichenden Fertigkeiten im Bassbereich. Unterhalb von Fres wird nunmal kein nennenswerter Schall abgestrahlt. Wie erfreut ich war, als meine Impedanzmessungen der beiden RS 100-Varianten ihre Spitzen bei 79 und 74 Hz zeigten, kann man sich sicher denken. Das liegt um immerhin fast 40 Hz tiefer als bei den Produkten, mit denen die Needle schon ihre berechtigte Berühmtheit erlangt hat.

Stabiler Druckgusskorb mit sechs Schraublöchern und schmalen Stegen, Hinterlüftungen und Phase Plug aus dem Vollen gedreht sind das gemeinsam Merkmal des achtohmigen RS 100 S-8 und seines vierohmigen Pendants RS 100-4 ohne Schirm. Die Alumembran ist gegen auffällige Resonanzpeaks in der oberen Frequenzetage mit einer glänzenden, schwarzen Beschichtung versehen, die Gummisicke lässt einen großen Hub zu. Von den beiden RS 100 wählte ich die 4-Ohm-Ausgabe, da sie bei gleicher Verstärkerleistung den um drei dB höheren Wirkungsgrad hat.

Datenblatt

RS 100-4

BB2BB3

RS100_4ZeichRS100_4_01

Ausstattung:

Membran: Aluminium, beschichtet Luftspalthöhe: 4 mm
Sicke: Gummi Linearer Hub: 4 mm
Korb: Druckguss Magnetdurchmesser: 70 mm
Polkernbohrung: ja Befestigungsbohrungen: 6
Zentrierung: hochgelegte Topfspinne Außendurchmesser: 98 mm
magnetische Schirmung: nein Einbauöffnung: 78 mm
Schwingspule: 26 mm
Frästiefe: 3 mm
Träger: Aluminium Einbautiefe: 51 mm

Parameter:

Fs 74,3 Hz Mms 3,9 Gramm
Diameter 70 mm BL 2,94 Tm
ZMax 13,1 Ohm VAS 2,43 Liter
Re 3 Ohm dBSPL 84 dB/1w/1m
Rms 0,85 kg/s L1kHz 0,08 mH
Qms 2,14   L10kHz 0,06 mH
Qes 0,63   SD 38 cm²
Qts 0,49   MMD 3,76 Gramm
Cms 1,18 mm/N Zmin 3,3 Ohm
RS100_4_Amplitude RS100_4_Imp RS100_4_Winkel
RS100_4_Klirr_mit_90_dB RS100_4_Sprung RS100_4_Wasserfall


Gehäuse

Wer sich einfach am geistigen Eigentum anderer im Netz vergreift, kann sich sehr schnell eine berechtigte Klage des Rechteinhabers einhandeln. Obwohl ich mir sicher sein konnte, dass mir von Berndt eine solche nicht ins Haus flattern würde, fragte ich selbstverständlich bei ihm an, ob ich seinen Needle-Bauplan für mein Dayton-Projekt nutzen darf. “Sehr gern” war seine Antwort. Wir kennen uns seit Jahren, so war ich nicht wirklich überrascht.

Seine Bauanleitung steht im Hifi-Forum als rudimentäre Zeichnung zur Verfügung und dort bediente ich mich auch.

Cyburgs-Needleplan

Aus wettbewerbsrechtlichen Gründen habe ich die Hinweise auf Fremdprodukte aus dem Text entfernt.

Wie es nun einmal ist, wenn man alles besser weiß, musste ich natürlich auch noch ein wenig im Plan herumpfuschen und baute die Seiten, Deckel und Boden aus 25 mm MDF auf, was der Box mehr Gewicht und Standfestigkeit verleiht. Innen änderte ich außer der Breite und der Anordnung des Dämmmaterials. Ich schnitt von meiner 1,6 m hohen Polsterwatte-Rolle einen 10 cm breiten Streifen für jede Box ab und stopfte ihn quasi ungefaltet in die Line. Die Fotos stammen noch von der Ausführung mit Sonofil.

Bau12Bau13
Bau14
bau15

Die Gehäuseart nennt sich TQWT, was ausgeschrieben Tapered Quarter Wave Tube heißt. Eine gewisse Ähnlichkeit des Aufbaus mit Transmissionlines ist nicht zu leugnen, in ihre Berechnung fließen nahezu die gleichen Faktoren ein, wenn auch in anderer Weise. Generell ist die TQWT eine sich öffnende Schallführung, deren geschlossenes Ende einen Querschnitt nahe der Membranfläche aufweist. Zum offenen Ende vergrößert sich der Querschnitt um den Faktor zwei bis drei. Die Kanallänge entspricht einem Viertel der Wellenlänge der gewünschten Resonanzfrequenz der TQWT. Anders als bei TL’s endet der Kanal in einem Auslass, der etwa die halbe Fläche der Membran hat. Die Laufleitung kann als hohe Säule oder mit Abknick in der Mitte aufgebaut werden. Das Chassis sitzt zwischen einem Drittel und der Hälfte der Linelänge vom geschlossenen Ende entfernt. Die Konstruktion der TQWT geht auf ein Design des Lowther-Erfinders Paul Voigt aus dem Jahre 1934 zurück, das als Voigt-Pipe in die Geschichte des Lautsprecherbaus einging.

Bauplan

Needle als Sketchup-Datei

Weiche

Weiche klein

Über die Weiche eines Breitbänders zu berichten, ist keine abendfüllende Veranstaltung, Sie besteht in der Regel aus drei Bauteilen, die parallel geschaltet in den Signalweg gelegt werden. Ihre Funktion beschränkt sich darauf, den Pegelanstieg durch Reflexionen auf der Schallwand mittels kontrollierter Erhöhung des Widerstandes zu begradigen. Auch der RS 100-4 bedurfte einer solchen Korrektur, da sein Frequenzgang ab 400 bis 5000 Hz eine langgetreckte Beule zeigt. Hier galt es moderat einzugreifen und besonders den Bereich um 3 kHz in die Absenkung mit einzubeziehen. In dieser Region ist das Ohr empfindlich gegen jede Überhöhung, die es als nervig und lästig wahrnimmt. Die Spitze bei 18 kHz hätte ich auch noch bearbeiten können, da sie aber nicht einmal im Klirrschrieb Niederschlag findet und unter kleinem Winkel verschwunden ist, sparte ich mir die Bauteile.


Klang

NeddleText3Wer andere hinters Licht führt, gehört normalerweise nicht zu den beliebtesten Zeitgenossen, das kann ich nur unterschreiben. Doch da es hier in einer guten Absicht geschah, will ich mir in diesem Falle selbst die Absolution erteilen. Ich hatte gerade die Needles zum Hörtest frei im Laden aufgestellt, als gleichzeitig das Telefon schellte und Michael den Laden betrat. Beim Telefonieren schaltete ich meinen KT 88 ein, legte “Acoustic Live” von Nils Lofgren in den CD-Player und ließ kommentarlos “Keith don’t go” laufen. Als ich mich dann zu meinem Besucher setzen konnte, meinte er im Konjunktiv: “Wenn es die damals schon gegeben hätte, als ich meine Duetta gebaut habe, wär die auch für mich in Frage gekommen.” Nun muss man dazu wissen, dass eher zufällig neben den Needle meine neu beweichte Minuetta stand, die Michael für die Schuldige am Klangvergnügen hielt. Sein ungläubiges Gesicht hatte etwas von dem leicht verschämten Ausdruck, den es immer trägt, wenn man auf dem falschen Fuß erwischt wird, als ich ihm zeigte, wo die Kabel angeschlossen waren. “Naja, mit Gitarrenmusik hast du mich ganz nett herein gelegt, aber wenn auch nur ein Quäntchen Bass dabei gewesen wäre, hätte die kleine Kiste schön versagt.” Der Anfang von Patricia Barber’s “Use me” mit gezupftem Kontrabass und schnarrenden Saiten, die sehr vernehmlich auf Holz trafen, verschlug ihm glatt die Sprache. Einen Tag später erhielt ich eine Mail von ihm: “… nach meiner Rückkehr hab’ ich sofort einen Hörtest mit der Duetta eingeleitet und höre da: Da war doch noch viel mehr zu hören. Klare luftige Höhen und ein richtiger, sauberer Bass (gezupfte Bässe kann die Dicke aber richtig). Ich hab’ die Duetta doch richtig ausgewählt!! NeddleText2Es war so, wie Du mal gesagt hast: Nicht das, was fehlt, stört, sondern das, was zu viel ist, nervt. (Zumindest, wenn nicht zu viel fehlt.). Trotzdem ein super Klang für ganz wenig Geld …”

Auf den Geschmack gekommen, machte ich gleich weiter mit der Versuchung meiner Kunden. Dabei nahm ich bewusst und mit voller Absicht nicht den Vorteil in Anspruch, dass man kleinen Boxen nicht viel zutraut und dann vom Ergebnis geblendet ist. Meine Besucher waren überzeugt, große Boxen zu hören und waren keineswegs geneigt, irgendeinen Bassmangel zu bemängeln. Natürlich hielt ich dabei den Pegel soweit im Zaum, dass der kleine Breitbänder nicht anschlug, doch mit vier Millimeter Hub ist schon eine ordentlich mehr als gehobene Zimmerlautstärke möglich. Stimmen, Raum und Ortbarkeit, die Darstellung leiser Töne selbst bei großem Orchestereinsatz faszinierten alle Zuhörer gleichermaßen. Am Ende hat dann Charly, ohne vorher seinen Vater zu fragen, gesagt: “Unverschämt, wie groß das Ding aufspielt!”

Dieses große Kompliment kann ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen, von mir kam nur der geringste Teil des Erfolgs der Boxen. Berndt “Cyburgs” hat ein grandioses Gehäuse ausgerechnet, ohne das die gute Entwicklungsarbeit der Chassis-Entwickler von Dayton nur zu einem Regallautsprecher herkömmlicher Art gereicht hätte. Verkümmert wäre er in einer kleinen Kiste, die wieder einmal als das Ende der Brüllwürfel gefeiert worden wäre. Zusammen ergab das Aufeinandertreffen glücklicher Umstände eine schier unglaubliche Box für kleines Geld. Sicher darf sie als “Dosenöffner” für größere Projekte auch gern im Wohnzimmer heimisch werden, frag doch mal deine Frau.

Udo Wohlgemuth

Zur Needle im Online-Shop

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15 Kommentare auf "Needle – aufgewärmt"

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Thomas Bajus
Mitglied

Hallo Udo,

auch ich habe immer noch grosse Freude an der Needle. Habe mittlerweile auch Fertiglautsprecher und Aktiv Monitore hier stehen aber die Needle verteidigt ihren Platz hier tapfer. Habe auch schon verschiedene Verstärker daran gehabt, mit dem
Dynavox esa 18 gefallen sie mir am besten.

Gruß Tom

Gipsohr
Mitglied

Hallo Udo,
was, schon wieder ein Jahr rum!? Nochmals Respekt vor deiner Leistung im letzten Jahr!!! Viele neue Bausätze, Internetseite, Monacor hinzugenommen, …

Grüße Achim

eyedol
Mitglied

Supi, dann kann ich ja endlich bald wieder ein Paar RS100PC über dich beziehen 🙂

Yoga
Mitglied

Guten Abend Udo,
was lesen meine von Dir verwöhnten Augen?????????
Eine Minuetta!!!
Schön, dass es diesen außerordentlich guten Lautsprecher bald wieder gibt.
Eine gute Entscheidung.
In baldiger Erwartung den Bericht bald lesen zu können

Yoga

S t e v e
Mitglied

Udo, freudscher verschreiber/verkopierer ? 🙂

MartinK
Mitglied

Hallo Udo.
Angeregt durch diesen Bericht hab’ ich gerade die Needles im Schlafzimmer angeschmissen.
Die Klangbeschreibung kann ich nur bestätigen.
Schön dass der Klassiker wieder kommt. Im Büro höre ich die Bluestone Twins.
Betrachtet man den Größenunterschied, sind sie genau so gut.
Gruß Martin

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