Ceram 52 ACL – Gelegenheit macht Liebe

Über Arbeit will ich mich nicht beklagen. Zum einen ist es schön, genug davon zu haben, zum anderen geht die meine relativ leicht von der Hand. Ganz besonders erfreulich ist es dann aber doch, wenn ich wie im Fall der Ceram 52 ACL selbst kaum etwas dafür machen muss. Eigentlich war sie auch noch gar nicht dran, aber Andre hatte mir seine SB 30 ACL vorübergehend in den Laden gestellt. LSPCad, gefüttert mit den Parametern des SB 15 CAC-8, sprach von knapp 34 Litern für ACL – Gleichstand. Was lag da näher, als auch einmal testweise die Keramik-Chassis einzuschrauben, deren Abmessungen mit den Originalen identisch sind? Ebenfalls Gleichstand. Also veranstalten wir ein kleines Zwischenspiel, damit die Cerams angesichts der vielen, neuen Namen der vergangenen Wochen nicht unverdient in Vergessenheit geraten.

In Freecad kramte ich die Datei „ACL DAppo Rohr aufgesetzt“ aus dem großen Stapel heraus, weil sie schon weitestgehend der Box von Andre entsprach. Nach ein paar kleinen Änderungen in der Tabellenkalkulation war die Zeichnung für die Ceram52ACL aufgesetzt fertig.

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte des Acoustic Chamber Line vor vielen Jahren mit dem SB 12, für den ich testhalber ein Gehäuse in Doppelkammer-Reflex aufbaute. Naja, dass es solche Konstrukte nur selten gibt, konnte ich nach dem Hörtest verstehen.

Die kompakte Box mit gerade einmal 6,6 Litern Gesamtvolumen habe ich dann einfach mal um einige Liter vergrößert und das vorgeschlagene Reflexrohr zwischen den Kammern gegen einen Durchlass kleiner als die Membranfläche ersetzt. Die daraus resultierende hohe, schlanke Bauform gefiel mir ausnehmend gut, das klangliche Ergebnis ließ noch Verbesserungen zu.

Also experimentierte ich mit einem Mehrkammersystem, aus dem sich am Ende eine auch auf andere Chassis anwendbare Praxis ergab. In der oberen Kammer stecken die Chassis, darunter folgen drei weitere, die durch Trennbretter mit einem Durchlass mit 80 % der Membranfläche verbunden sind. Diese drei Abteile gleicher Größe nehmen im Optimum zusammen zwei Drittel des Volumens ein, im letzten steckt ein Reflexrohr. Als Resultat erhielt ich mehr Basstiefe aus einem kleinen Chassis, dem naturgemäß in einer herkömmlichen Reflexkiste untenrum recht schnell die Puste ausgeht. So entstand aus einer etwas speeligen Idee ein Konstrukt mit hohem WAF, das nebenher auch noch den männlichen Basswunsch erfüllt. Natürlich setzt auch hier die Physik Grenzen, der Maximalpegel ist früher erreicht als bei einer viel kleineren Reflexbox. Partylautstärken oder Tiefstbass-Orgien sind mit ACL nicht drin, Genuss mit ordentlicher Dynamik aber schon. Auf diese Weise eroberte die Bauform in kurzer Zeit den ersten Platz in der Gunst der Nachbauer, die im familiären Wohnzimmer nicht nur gesellig mit einem schönen Boxenpaar beisammen sitzen wollen.

Doch zurück zur Ceram 52 ACL. in wenigen Minuten waren Andres Boxen von den Chassis befreit, Kabel durch das Reflexrohr nach oben gezogen und die weißen Treiber angelötet. Das mittig gefaltete Dämmmaterial im Format 20 x 80 cm füllt weiterhin die obere Kammer und lässt den Durchgang nach unten frei.

Schön ist auf dem Foto zu erkennen, dass es bei Andres Box keine offene Schnittkanten gibt, gegen die auch der aufgerollte Warnexlack machtlos gewesen wäre. Er hat die Kiste aus Spanplatte gebaut, nur für die Front wurde MDF verwendet. Auch soviel sei verraten: Die Platten sind nicht auf Gehrung gesägt.

Es ist ein eher einfacher Trick, den Andre anwandte. Auf den Span klebte er nach dem Zusammenbau 3 mm dünne HDF-Platten, die er an den Schnitten leicht anrundete. So erhielt er nur einen schmalen Stoß, den der Lack völlig unsichtbar abdeckt.

Nach dem schnellen Umbau zog die nun zur Ceram 52 ACL mutierte Box in den Messraum um. Nicht gepasst hätte die Originalweiche, also musste eine neue her. Für ihre Topologie orientierte ich mich an der Ceram 85, die mit einfachen Filtern 2. Ordnung ohne jeden weiteren Zusatz zufrieden war.

Auffällig im Frequenzschrieb ist der Einschnitt um 3 kHz. Ich hätte ihn mit einer kleineren Spule für den BMT zu einer glatten Linie auffüllen können, doch dagegen sprach der Winkelschrieb des Hochtöners, den ich zuvor in der Box gemessen hatte.

Die Senke ist nur in der Messung auf Achse (blau) zu finden und resultiert aus der fehlenden Reflexionsfläche der schmalen Front. Unter 30 Grad, meinem Hörwinkel bei parallel zu den Wänden ausgerichteten Lautsprechern, ist sie nahezu komplett verschwunden. Den kleinen Peak um 5 kHz hatte ich schon bei der Ceram 85 testweise durch einen Saugkreis geglättet. Weil es zu matt klang, musste er wieder weichen. Hier ging es ihm nicht anders.

Da die Ceram-Reihe bisher mit seitlich eingesetzter Front aufgebaut war, habe ich auch die Zeichnung Ceram52ACL Gehr Rohr seitlich eingesetzt darauf angepasst. Um die Bässe nicht auf die Schnittkanten der Seitenplatten setzen zu müssen, machen wir die Box um 2 cm breiter. Bei gleichem Volumen und Höhe wird die Tiefe von selbst um 3 cm reduziert. Umgerechnet werden selbstverständlich die Teiler, damit die Durchlässe weiterhin 80 % der Membranfläche ausmachen. Mit der richtigen Freecad-Datei geht das so leicht und nach zwei Minuten ist auch schon die garantiert korrekte Zuschnittsliste für den Baumarkt druckfertig. Schade nur, dass es keine automatische Bemaßung gibt.

Nach dem Messen folgt der Hörtest. Also ab in den Laden, wo wieder die zu praktischen Monoblöcken umfunktionierten Hypex FA 251 warteten. Legen wir die Latte gleich weit nach oben und beginnen mit dem grandiosen „Jean Pierre„, den Marcus Miller 2011 in Rotterdam mit seiner Band zelebrierte. Dass man auf einem viersaitigen E-Bass  kurze Solos spielen kann, haben schon vor ihm einige andere Künstler bewiesen. Doch die Art von Marcus Miller ist wohl einzigartig in der Musikgeschichte. Mit den Cerams war ich live dabei und verpasste nicht einen einzigen, kleinen Ton, der sich so nebenher aus dem Instrument schlich, wenn die Finger über die Saiten glitten. Dass da eigentlich nur schmale Holzkästen mit zwei Fünfzöllern ihr Bestes bis in den tiefen Bass gaben, erstaunte mich nicht wirklich. Dafür habe ich die ACL’s entworfen und sie halten allemal, was ich so vollmundig verspreche. Gegenüber den einschmeichelnden SB 15 NRX2C differenzierten sie etwas genauer in allen Tonlagen, Schärfe war ihnen unbekannt.

Keinerlei Schwäche gab es auch bei Saxophon und gedämpfter Trompete, die wunderbar ihre Klangeigenheiten ausspielen durften. Kurz und trocken gab die Bassdrum ihr „Dupp“ dazu, die hölzernen Sticks machten ihr sattes „Klack“ und der Groove riss mit.

Ganz ruhig und emotional wurde es mit Beethovens „Mondscheinsonate„, dargeboten von Jürg Hanselmann. Jeder Anschlag passt in Pegel und Tempo, der Flügel füllt den Raum mit ausklingenden Tönen.  Die 52 ACL zeigt genau, wieviele feine Unterschiede es in der Lautstärke selbst bei piano gibt.

Doch auch fortissimo will bei der Hörprobe repräsentiert sein. „Whole Lotta Rosie“ besang ACDC 2009 mit der gleichen Kraft wie beim Debut 44 Jahre zuvor. Dass es im Laden nicht leise blieb, kann sich jeder wohl vorstellen. Nein, zum Beschallen der Straße reichte es nicht, dafür aber zum ausgiebigen Head Banging. Und ja, ich mag es, wenn ich Musik auch spüre.

„Kann ich die Ceram 52 denn auch ohne ACL als Center zur 85 verwenden?“ höre ich schon leise durch den Raum schweben. Nun, ich habe es nicht getestet, doch wage ich trotzdem die Antwort „Ja“ aus der entsprechenden Erfahrung mit allen anderen ACL’s. Such dir aus den Freecad-Dateivorlagen die passenden Variante in geschlossen oder Reflex aus und gib als Volumen 12 bzw. 18 Liter für die beiden Bässe ein.  Alles Weitere erklärt dir die Anleitung zum Gebrauch der Dateien.

Udo Wohlgemuth

Zur Ceram 52 ACL im Online-Shop

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Moin Udo
Wieder mal ein schöner Bausatz, kurz auf FreeCad Du hättest gerne eine automatische Bemassung, das wäre mit einem Makro möglich das man selber aufzeichen kann. Das muss aber für jede Zeichnung separat gemacht werden.

Gruß Jörg

Hallo Udo,

wenn ich nicht schon ein komplettes Set mit Chorussen in der guten Stube stehen hätte….

Vom Treffen in Nordhausen habe ich den transparenten Klang der Ceram-Chassis noch gut im Ohr. Und auch wie erstaunlich ähnlich sie im Vergleich zu meiner Chorus waren, obwohl ein ganz anderes Material verwendet wurde! Da wäre diese ACL-Box genau richtig für mich.

Ich hoffe, sie findet viele Nachbauer!

Gruß
Uwe

Moin.
Eine Frau die ihren Mann versteht, weil sie selber gerne gut hört und Rollen, die wie ich hier erfuhr, genau für unsere Problem erfunden wurden, lassen einen Problemlosaustausch durchaus auch schnell zu. Und wie ich neulich beim ACL- Vergleich bei Yoga lernen konnte, darf’s auch gerne ein Paar mehr sein.
Bis demnächst
Roger

Last edited 1 Monat her by rodscher

Moin Udo,

hach ja, SB12 ACL, mein Erstlingswerk…..
Hab und nutze ich immer noch, sowas gibt man ja nicht weg.
Über Schülzken, Dich und diese Box habe ich seinerzeit zum Lautsprecherbau und guter Musik (zurück)gefunden.

Was mir an der neuen Serie auffällt:
Die Frequenzweichen sind ja derart einfach und elegant, dass ich
damit einem Lehrling erklären könnte, wie ein Hochpass und ein Tiefpass funktioniert. Ich weiß, Du bist eh kein Freund einer „Bügelorgie“ und möchtest die Chassis „machen lassen“, so dass man ihren Charakter hören kann. Aber die Cerams scheinen da sehr gnädig zu sein, in den Weichen ist ja wie im Bilderbuch nur das drin, was muss.

Gruß,
-Sparky

Last edited 1 Monat her by Sparky
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