Apr 16 2017

U_Do 11 und U_Do 12

Erfolgreich eine komplett neue Einsteiger-Klasse zu entwickeln, macht schon eine Menge Spaß, das umso mehr, weil es sich auch in den Shop-Bestellungen zeigt. Die U_Do-Serie (es sei noch einmal in Erinnerung gerufen, dass mir der Name auf amerikanischem Boden vor die Füße fiel und daher “ju du” ausgesprochen wird) erfreut mittlerweile viele junge bis alte Menschen, die sie für preiswertes Stereo oder kleines Heimkino nutzen. Dabei machen sie einen guten Job, allerdings taugen sie nicht dazu, nie dagewesene Superlative mit Leben zu erfüllen. Rechtschaffen tun sie die Arbeit, für die sie erfunden wurden.

Mit ihrem eigenwilligen Korb haben wir längst Freundschaft geschlossen, obwohl wir seinetwegen anfangs ein wenig Bauchschmerzen hatten. Selbstverständlich wär uns ein runder Korb lieb gewesen, doch was sollen wir mit den Gegebenheiten hadern. Wer die SB’s bündig versenken möchte, es sich selbst jedoch nicht zutraut, kann die Fronten bei uns in seinen Wunschmaßen ordern. Klanglich ist es aber auch kein Nachteil, wenn sie einfach auf das Holz geschraubt werden.

Nachdem fast alle Chassis der SB… PFC-Reihe in unsere Bauvorschläge eingebracht sind, dürfen auch die 16er in der 8 Ohm-Version beweisen, dass wir sie nicht als Ladenhüter eingekauft haben. Unter den eher nichtssagenden Namen U_Do 11 und U_Do 12 bereichern sie fortan unser Sortiment.

SB 16 PFC-8

Traditionell beginnen wir den Bericht mit dem Chassis, das für den Leser bislang unbekannt war. Eigenhändige Messungen mehrerer Exemplare auf der Normwand und daraus abgeleitete Parameter, nicht die Katalogangaben des Herstellers sind das Mittel der Wahl. Immerhin wollen wir wissen, wen wir vor uns haben, bevor wir ihm einen passenden Wohnraum entwerfen.

Ausstattung:

 

Membran: Faserverstärkte Pappe Polplattendicke 5 mm
Sicke Gummi Wickelhöhe 14 mm
Korb Kunststoff Magnetdurchmesser 85 mm
Polkernbohrung nein Befestigungsbohrungen 4 mm
Zentrierung Flachspinne, hinterlüftet Außendurchmesser 161 mm
Magnet Ferritmagnet Einbaudurchmesser 145 mm
Schwingspule 25,4 mm Einbautiefe 81 mm
Träger Aluminium Frästiefe 5 mm


Parameter:

Fs 39 Hz Mms 15,1 Gramm
Diameter 130 mm BL 6,57Tm
ZMax 38,2 Ohm VAS 26,6 Liter
Re 5,6 Ohm dBSPL 87,0 dB/2,83V
Rms 1,23 kg/s L1kHz 0,58 mH
Qms 3,03 L10kHz 0,25mH
Qes 0,48 SD 133 cm²
Qts 0,41 MMD 14,4 Gramm
Cms 1,08 mm/N Zmin 6,1 Ohm


Messdiagramme:

Fester Begleiter der wechselnden Partner in der U_Do-Reihe ist der SB 19 ST-C4, ein heute recht ungewöhnlicher Hochtöner, dem der Hersteller aus Prinzip kein Ferrofluid in den Luftspalt gekippt hat. Gern erinnere ich mich an das Gesicht, das Ulrik Schmidt, Chassisentwickler bei SB-Acoustics, bei der Erwähnung des öligen Bremsmittels zog.

U_Do 11

Einfach hatten wir es mit dem Gehäusebau für die U_Do 11, denn der SB 16 PFC-8 passt genau in die Verpackung seines Vierohm-Bruders U_Do 3. Schraub raus – schraub rein war innerhalb von drei Minuten erledigt und schon war der Bausatz messbereit. Da nicht jeder potentielle Nachbauer die erste Variante bereits griffbereit im Zimmer stehen hat, stellen wir den Bauplan auch hier zum Download ein.

 

Im Gehäuse verblieb das ungekürzte HP 50, das Innere füllten weiterhin zwei Streifen Diolon in 20 x 80 cm Größe. Der Bereich um das HP 50 blieb dabei frei. Die Frequenzweiche entfernten wir zuvor von ihrem Stammplatz auf der Rückwand hinter dem Bass. An die Chassis löteten wir lange Kabel, die wir durch das Reflexrohr in die Welt ragen ließen. Dort wurden die neu ermessenen Bauteile angeschlossen, viele waren es nicht. Der Bass gab sich mit einer Kernspule und einem rauen Elko zufrieden, der Hochtöner ließ sich mit einem MKP und einer kleinen Luftspule zu angepasstem Mitspiel überreden, verlangte aber auch noch einen Widerstand zur Pegelabsenkung.

 

Messdiagramme:

Aus der Messkammer ging es in den Hörraum, wo sich bereits mein Luxman L 215, vor drei oder vier Jahren noch für 30 Euro ersteigert, auf den Einsatz freute. Nicht so alt wie der Verstärker war die Musik, die ich mir für den kleinen Hörtest bereit gelegt hatte. Das Zielpublikum für die U_Do-Reihe gehört eher zur Gruppe der U30, die verlangten Töne aufnahmemäßig moderner zugeschnitten. Jennifer Lopez – Hold You Down ft. Fat Joe spielte mir Youtube zu. Die Basstöne waren kräftig, die Stimme hatte eine glaubwürdige Größe, stand ordentlich in der Mitte und war gut verständlich, der Rapper hatte seinen Platz neben der Sängerin. Auch Muse – Dead Inside konnte ich mir gut anhören, das ging auch etwas lauter ohne Ohrenbluten. “Funktionsprobe bestanden” kann ich an die U_Do 11 schreiben, kommen wir nun zur

U_Do 12

Als ich vor vielen Jahrzehnten mit dem Boxenbau begann, gehörten Transmissionlines zu den gängigen Bauarten, um saubere, tiefe Bässe aus relativ kleinen Basschassis zu gewinnen. Vornehmlich englische “Garagenbastler” bereicherten die Klangwelt mit gut durchdachten Schallleitungen, die aufwendig bedämpft wurden, um die gefürchtete Welligkeit, die bis in die unteren Mitten reichte, halbwegs im Griff zu halten. Heinz Schmitt und ich experimentierten vor gut 15 Jahren mit diesem Bauprinzip etwas herum und fanden heraus, dass sich die Platzierung der Bässe auf einem Fünftel und einem Drittel der Lauflänge positiv auswirkt (mehr zum Thema TL gibt es in den Grundlagen zu lesen). Diese Erkenntnis soll nun wieder einmal genutzt werden, um zwei SB 16 PFC-8 ein Zuhause zu geben.

Ideal abgestimmt wird eine TL auf die Resonanzfrequenz der Bässe, in unserem Fall etwa 40 Hz. Die Linelänge beträgt ein Viertel der Wellenlänge von fres, großzügig ziehen wir noch 10 % davon für die Füllung ab. Maßgeblich für der Öffnungsquerschnitt der Line ist die hineinwirkende Membranfläche, in unserem Fall grob 260 cm². Hier geben wir grob 5 % zu, diesen Wert haben wir nicht simuliert, sondern in unserem Erfahrungsschatz gefunden. Da wir in der Schallleitung keine Versteifungen für die langen Bretter einbringen konnten, wählten wir 22 mm Grobspan für unser Bauwerk. Schon war der Bauplan für die U_Do 12 festgelegt und die Zeichnung konnte leicht mit Sketchup erstellt werden.

Ein paar Fotos vom Bau haben wir auch gemacht.

In Bild 6 wurde die Lage der Innenbretter mit Hilfe des unteren Brettes eingezeichnet. Das machte ihre Platzierung leicht.

Nach dem Trocknen wurde eine Box mit Dämmstoff gefüllt, ein paar Kabel gezogen und die Chassis eingeschraubt. Zügig ging es nun an die Weichenentwicklung. Gegenüber der U_Do 11 gab es natürlich andere Bauteilwerte für die Bässe, in der Parallelschaltung haben sie 4 Ohm. Erhalten blieb das Filter 2. Ordnung, beim Hochtöner konnten wir sogar noch den Widerstand einsparen.

Den eher unkomplizierten Einbau der Innereien haben wir fotografisch festgehalten.

In das TL-Brett wird ein 6 mm Loch zur Kabeldurchführung gebohrt. Sobald die Drähte in durchgezogen sind, wird es mit Heißkleber wieder verschlossen.

Der richtige Platz für die Weiche ist unterhalb des unteren 16ers.

Ein Streifen Diolonwatte (30 x 160 cm) wird in die hintere Line gezogen, ein weiterer mit gleichem Maß in die vordere. Die Kabel zum Hochtöner sind deutlich länger. Das vereinfacht die Unterscheidung.

Die häufige Frage, ob Gummipuffer oder Spikes unter die Boxen gehören, beantworten wir seit einiger Zeit mit “Möbelrollen”. Die schonen den Rücken beim Rücken. Schöne Alufüße mit Gummieinlage bieten wir neuerdings aber auch im Online-Shop an.

Messdiagramme:

[Abschweif:

Einfach ist es, die große Öffnung der TL hinter einem Rahmen aus 10 mm MDF zu verstecken. Die Bilder und ein Teil des Textes stammen aus einem uralten Artikel, den ich für die erste Ausgabe meines ersten Internet-Magazins vor ungefähr 11 Jahren geschrieben habe. Hier zeigt sich mal wieder, dass man nichts wegwerfen soll, was man später noch brauchen kann.

Von der Platte, die rundum einen Millimeter kleiner als das Loch zugeschnitten wird, bleibt nur ein 1 cm breiter Rand stehen. Der blickdichte Stoff, der für Basswellen kein Hindernis darstellt, wird darunter gelegt und mit der Schere um einige Zentimeter zu groß zugeschnitten. Mit einem einfachen Tacker wird den Stoff mittels 6 mm Klammern ans Holz genagelt. Wir beginnen an einer Seite und spannen dann den Stoff ein wenig, wenn wir die gegenüber liegende bearbeiten. Knitterfrei gezogen wird der Stoff beim Antackern der beiden letzten Seiten. Bei der ganzen Aktion werden die Ecken ausgelassen.


Der Stoff wird an den Ecken recht fest zusammen gerafft und straff über die Kante gezogen. Dabei darauf achten, dass seitlich keine Falten entstehen. Zwei bis drei Klammern geben dem Lappen Halt. Den Rest erledigt die Schere.


Sollte der Rahmen zu locker im TL-Loch sitzen, kann er mit einer oder zwei seitlich eingeschossenen Klammern “verbreitert” werden.]

Im Hörraum stand immer noch der Luxman anschlussfertig bereit, also schnell die Kabel an die U_Do 12 angeschlossen. Rock aus alten Tagen rauf oder runter war für den Hörtest sicher nicht zeitgemäß, also gab ich “Charts” bei Youtube ein und fand Ed Sheeran – Shape of You, das ich auch schon häufiger im Radio gehört habe. Über die Wiedergabe kann ich nicht schimpfen, der Bass trocken, tief und kraftvoll. Die Mitten waren differenziert und der Hochton detailliert, nie vorlaut, kratzig oder gar lästig. Bei Katy Perry – Chained To The Rhythm zeigten die U_Dos genau das, was man guten Boxen nachsagt: Sie entlarvten die Aufnahme als grottenschlecht in allen Tonlagen. Untenrum nur verwaschen, Dynamik im Bereich von weniger als 5 dB, die Mitten verschluckten sich ständig, ich war keineswegs an den Rhytmus gekettet. Gut nur, dass Clean Bandit mit Rockabye die Welt der Aufnahmetechnik wieder halbwegs gerade rückte. Hier fühlte sich auch der Lautsprecher wohl, denn er musste nicht mehr so tun, als sei er defekt. Eindrucksvoll zum Tragen kamen die Vorteile der Transmissionline bei den tiefen Tönen zu Beginn von The Weeknd – Starboy, die man den kleinen 16ern nicht wirklich zutraut. Um musikalisch auf neuem Stand zu bleiben, gab ich mir noch ein wenig Electro Swing. Er hat mir gefallen, auch wenn vermutlich alle Instrumente aus einem Computer generiert wurden und ich die meisten Titel in anderer Interpretation kenne.

Aber keine Angst, zum einen werde ich meinen Musikgeschmack nach diesem kleinen Ausflug in die Gegenwart nicht abrubt ändern. Zum anderen sind die U_Do 12 auch durchaus in der Lage, Rock, Jazz oder Klassik ansprechend wiederzugeben.

Udo Wohlgemuth

 

U_Do 11 und U_Do 12 können im Online-Shop bestellt werden.

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17 Kommentare auf "U_Do 11 und U_Do 12"

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Paul
Mitglied

Oh je Udo,

du machst es mir echt nicht leicht. Ich kann doch nicht schon wieder bestellen. ..
Ich hab doch noch soviel Spaß mit der U_Do_1
Aber ich bin ja selber Schuld, denn ich hab dir gegenüber erwähnt, als nächstes eine TL bauen zu wollen…. Und du hast zugehört. Dein Gedächtnis scheint noch taufrisch zu sein 😆

Gruß Paul

MartinK
Mitglied

Hallo Udo/Jonas.
Die 12er bringt meine ganzen Pläne durcheinander.
Toll, was mit der Reihe alles machbar ist.
Ich freue mich drauf!
Gruß Martin
PS:
Im Shop ist bei der 12er der Zusatz:”Nachfolger der FT15″
ein Versehen?

DanVet
Mitglied

Mensch, eine TransmissionLine, freu ;-), da werd ich doch glatt wieder schwach…. mal sehen, wie ich das der Family verkaufen kann.

Michael
Mitglied

Und wieder was neues. Und wie immer mit einem tollen Bericht. Ich finde es einfach klasse, das es für jeden Geldbeutel einen ordentlich durchdachten Lautsprecher gibt.

Viele Grüße
Michael

Max
Mitglied

Da ist sie ja wieder, die Linie.
Hätte mich auch gewundert, wenn da keine mehr gekommen wäre.
Fehlen nur noch die Bandpässe 🙂

Viele Grüße,

Max

Köter
Mitglied

Hi Max,
Bandpässe gibt´s ja bereits mit dem 8 Zöller, aber du meinst sicher Lautsprecher in Richtung FT 10 oder FT12 mit “Bass im Bauch”… 😉
Da wäre ich tatsächlich auch daran interessiert, an einer sehr kleinen Bandpass Box, die man für Soundbar / Ghettoblaster Projekte nutzen könnte.

@Udo: Schöne Erweiterung deiner U_do Linie!

Makarenko
Mitglied

Mach mal langsam, man traut sich ja nicht mehr was bei Dir zu bestellen wenn ständig neue boxen kommen. Aber eine Frage habe ich: Was ist denn der Unterschied zwischen U_do 3 und 11 außer der Ohm-Zahl?

Elvis3000
Mitglied

“Erfolgreich eine komplett neue Einsteiger-Klasse zu entwickeln, macht schon eine Menge Spaß”
das hättest du dir sparen können, ist ja nicht zu überlesen und mit sicherheit auch nicht zu überhören. Hoffe meine Kinder kommen bald ins Alter in denen sie ihre Brüllwürfel hinterfragen….;-)

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