10. September 2023

Uwes Little Ladies

Autor: uel

Einführung
Ich heiße Uwe, bin 60 Jahre alt und wohne im Rhein-Main-Gebiet. Musik hören und die dazu nötige Technik haben mich mein ganzes Leben interessiert und begleitet. Meine Anlage ist allerdings in die Jahre gekommen: Sie besteht aus einem Harman Kardon Receiver 3270 und einem Thorens TD146 Plattenspieler aus den 90ern und wurde vor einigen Jahren noch um einen Yamaha MusicCast Streamer erweitert. Als Lautsprecher dienen seit 1999 zwei selbst gebaute CT175, einfache Zweiweger, gebaut als kleine Standboxen mit getrenntem Weichenfach. Die Anlage stand zuletzt in einem winzigen, 9qm „großen“ Raum, da unser Wohnraum wegen Grundriss und Schallhärte zum Musikhören eher suboptimal ist.

Nachdem unsere beiden Söhne mittlerweile ausgezogen sind, sprach mich meine Frau (die Beste von allen) darauf an, dass ich die Anlage doch in eins der freigewordenen Zimmer stellen könne. Ein Bett müsse als Gästebett drin stehen bleiben, aber sonst wäre ich frei. Große Freude bei mir, der Raum ist mit 3 * 6 m doppelt so groß wie der alte. Damit sollte sich was anfangen lassen – also auf in die Planungsphase.

Planung
Auf jeden Fall müssen die Lautsprecher meiner Anlage ersetzt werden. Diese waren schon neu nicht High-End und genügen mittlerweile deutlich nicht mehr meinen Anforderungen. Mein Lastenheft für die neuen Lautsprecher war folgendes: Bessere Bühne, detailliertere Höhen und mehr Druck im Bassbereich zur Verbesserung der von mir ausgemachten Schwachpunkte meiner bisherigen Anlage. Das Zimmer ist nicht riesig, deshalb Standfläche der Lautsprecher wie bisher ca DIN-A4. Höhe egal, halt so, dass der HT in Ohrhöhe sitzt. Schließlich wollte ich eine Box mit D’Appolito Anordung der Chassis. Zum einen wegen der immer wieder genannten guten, räumlichen Abbildung und zum anderen gefällt mir diese Anordnung auch optisch sehr gut.

Selbstbau sollte es sein und ein Bausatz von Udo, dessen Seite ich seit einiger Zeit interessiert verfolge und dessen pragmatischen Entwicklungsansatz und dessen trockene Kommentare ich beim Lesen sehr schätzen gelernt habe. Zudem mag ich die Kompetenz und den entspannten Umgangston im zugehörigen Forum (also hier) sehr. An dieser Stelle seid alle bedankt, gefühlt habe ich alle Forumsbeiträge mindestens einmal gelesen, viel gelernt und freue mich wie vermutlich die meisten hier jeden Sonntag auf die neue Lektüre.

Die BelAirs gab es in der Planungsphase noch nicht, deshalb kamen mit den oben genannten Anforderungen die SB 30 ACL, SB 36 Center als Standbox, Chorus 52 ACL und Chorus 73 auf die Shortlist. 20cm oder gar 25cm Bässe erschienen mir für 18 qm überdimensioniert und die Etons mit AMT waren mir zu teuer. Udo meinte, die ACLs wären mehr auf Tiefe als auf Druck ausgelegt, meine Frau meinte mit dem Hinweis auf die Lebensdauer der Vorgänger, ich solle dann eher nicht so auf den Preis schauen. Also Chorus 73 – Leider aktuell nicht lieferbar, ihr erinnert Euch an das Drama…. Hier mal zur Erinerung die schönste Version dieses legendären Bauvorschlags:

Und dann erschien nach einigem Warten und Überlegen die BelAir 71 als Beginn der neuen Reihe. Udo kontaktiert, ob auch eine BelAir 72 BR geplant ist. Antwort „selbstverständlich, aber noch nicht gleich. Ob ich noch ein bisschen warten könne oder ob er seine geplante Entwicklungsreihenfolge anpassen sollte?“ Huch, einen solchen Service habe ich noch nicht erlebt. Aber nein, Vorfreude ist die schönste Freude, Udo, mach weiter wie geplant.

Als Udo die Bel Air 72 Center vorgestellt hat, habe ich dann gleich angefragt, mittlerweile doch ungeduldig geworden, ob die auch in 45l BR geht. Die Antwort „ja“ kam prompt und dann habe ich sofort bestellt, noch bevor die BelAir72 BR im Magazin erschienen war.

Vorbereitung und Bau
Die Lieferung von Udo kam umgehend. Leider konnte ich nicht sofort anfangen, berufliche und andere private Themen hatten Vorrang. Zumindest konnte ich mich schon einmal an den Teilen freuen und in Gedanken den Bau vorplanen. Ich habe keine Werkstatt, deshalb sollte das Gehäuse nicht zu aufwändig werden. Also rechteckiger Kasten aus MDF mit Furnier und Hartwachs-Öl Finish.

Als Werkstattersatz diente eine Ecke im Keller, wo ich mit einem 1,5 m langen Reststück einer Arbeitsplatte und zwei einfachen Holzböcken eine provisorische Werkbank baute.

Die Fronten hatte ich bei Udo bestellt, die restlichen Bretter habe ich im örtlichen Baumarkt zuschneiden lassen. Dem Mann an der Säge habe ich freundlich erklärt, dass jeweils alle gleichen Maße mit der selben Sägeeinstellung gemacht haben will. Wie denn sonst? fragte er nur verwundert und hat dann einen perfekten Zuschnitt geliefert. – geht (manchmal) doch!

Der Aufbau des Gehäuses verlief unspektakulär. Ich habe 3 Ringversteifungen eingeplant und habe zur Verbindung ein paar Holzdübel eingesetzt, damit mir die Bretter beim Einspannen nicht verrutschen. Angefangen habe ich mit Seiten, Deckel, Boden und den Ringversteifungen und habe danach Rück- und Frontseite aufgesetzt.

Bevor ich die Front aufgeleimt habe, wurden die Weichen gelötet und an die Rückwand hinter den oberen TMT geleimt. Auch das Dämpfungsmaterial wurde eingelegt.

Da der Lötkolben schon mal heiß war, habe ich auch gleich ein paar schöne Kabel gebastelt, damit auch die Zuleitung standesgemäß aussieht.

Abschließend habe ich noch einen Deckel aus 3mm MDF auf die Boxen geleimt, damit sich über die Jahre keine Stoßkanten durch das Furnier drücken. 110cm spannende Klemmen habe ich nicht, also einfach eine volle Wasserkiste auf die Box gestellt – und nach dem Trocknen festgestellt, dass der Druck nicht ausgereicht hat, die Platte an allen Ecken bündig anzudrücken. Egal, noch ein bisschen Leim in die Fuge und beischleifen ergab hinreichend plane Flächen, später verschwindet der Deckel sowieso unter dem Furnier.

Ursprünglich wollte ich die Boxen mit der Hand schleifen. Das geht, aber nach 10 min habe ich beim großen Fluss eine Kantenfräse und Schleifgitter für meinen Schwingschleifer bestellt. Damit waren diese Arbeitsschritte im Nu und ohne Muskelkater im Oberarm erledigt.

Danach wurden die Boxen furniert. Ich habe mich für SaRaiFo Santos Palisander (Fake) Furnier entschieden und das mit einer erstaunlich großen Menge Weißleim aufgebügelt. Die überstehenden Teile des Furniers habe ich nach einem erfolglosen Versuch mit der Dreiecksfeile mit einem Schleifklotz und 120er Schleifpapier durchgeschliffen. Immer zunächst in die Kanten in Faserrichtung und erst danach die Kanten senkrecht zur Faserrichtung. Das ging deutlich einfacher als erwartet und die Boxen sahen langsam ansehnlicher aus.

Da die Holzstruktur des Furniers noch deutlich zu spüren war, wurden die Boxen ausgiebig geschliffen. Das erzeugte bei mir ein bisschen Puls, denn das ganze Furnier ist inklusive des auf der Rückseite aufgebrachten Fließes 0,5mm „dick“ und ich wollte nirgends durchschleifen. – Ging aber ebenfalls ohne Probleme.

Das Freilegen der Öffnungen mit einem scharfen Skalpell und Schleifpapier erforderte Geduld, brachte aber ein sehr ordentliches Ergebnis. Dreimal Behandlung mit Hartwachs-Öl mit 240er bzw 320er Zwischenschliff ergab eine seidige Oberfläche mit schön angefeuerter Maserung – ein bisschen mehr Glanz hätte ich mir erwartet, aber Farbe und Maserung machten das mehr als Wett.

Doch, F…ck, nach der Trocknung waren da kleine, weiße Punkte auf dem Furnier die sich nicht wegwischen ließen.

Die extra gekauften, fusselfreien Baumwolltücher zum Öl-Aufsaugen waren doch nicht 100%ig fusselfrei gewesen – also noch einmal mit 240 und dann mit 320er Papier schleifen, neuer Pinsel, neues Wachs, einen weiteren, sparsamen Auftrag vorgenommen und bereits nach 10 min mit einem alten, gefühlt 100 mal gewaschenem, weißen T-Shirt abgewischt – jetzt hat es gepasst und der Glanz wurde auch noch ein Stück besser.

An dieser Stelle ein kurzer Vorgriff: Nachdem ich die Boxen im Zimmer aufgestellt habe, habe ich noch einige Stellen bemerkt, an denen die letzte Wachsschicht nicht ausreichend aufgetragen war. Kein Beinbruch, einmal das T-Shirt mit ein wenig Öl befeuchtet, über die Stellen gegangen und nach ein paar Minuten nachgewischt hat das Problem behoben. Wäre aber bei besserer Beleuchtung im Keller erst gar nicht entstanden.

Danach endlich Einbau der Chassis und Soundcheck – Erleichterung, alle Chassis funktionierten wie sie sollten.

An dieser Stelle muss ich eine GAS-Beichte ablegen: In der Zwischenzeit habe ich einen Magnat MA900 gebraucht und einen Bluesound Node neu gekauft und den Thorens mit einem Ortofon 520 MKII aufgewertet. Jetzt ist die Anlage so ausgebaut, wie ich es mir vorstelle und der nächste GAS-Anfall lässt hoffentlich auf sich warten. Einzig die weiße Kommode passt jetzt nur noch so halb zu den Lautsprechern, dazu muss ich mir noch eine Lösung ausdenken.

Honey Moon Review
Gestartet bin ich mit dem Blues: Troubadour Live von Eric Bibb und Staffan Astner. Stimme, akustische Gitarre, Telecaster und Publikum. Sehr schön aufgenommen, schöne Dynamik, schöne Stimmung, das nimmt mich gleich mit. Mit größerer Instrumentierung und viel mehr Noten pro Minute zeigt Still Frame Replay von Hendrik Freischlader und Joe Bonamassa sehr schön die klanglichen Unterschiede zwischen Stratocaster und Les Paul auf. Self Made Man von Larkin Poe kommt intensiv, herrlich rau und kantig rüber.

Genre Wechsel zu den Eagles mit Hotel California, Live on MTV Version. Klasse, hier rummst die tiefe Conga am Anfang mit bisher ungehörtem Tiefgang. Aber besonders haben mich die räumliche Darstellung der drei Gitarren wie auch der Publikumsreaktionen beeindruckt.

Nächstes Live Album, Bird on the Wire von Leonard Cohen, live in London. Das zeigt neben seiner einzigartigen Stimme und Chor eine Hammond-Orgel mit Leslie (Gänsehaut!), sehr schöne Gitarrenarbeit – fast clean gespielt und einem ganz kleinem bisschen Schmutz, wenn der Solist heftig in die Saiten langt. Das Saxophon quäkt und die Mandoline zittert vor sich hin – genau so muss das!

In Sunson von Nils Fram entdeckte ich viele Details die ich bisher noch nie gehört habe. Auch Elektro-Musik profitiert von sehr guten Lautsprechern, hätte ich in diesem Ausmaß nicht vermutet. Weiter mit Funk, Direct Flyte von Cory Wong mit 6-köpfiger Bläsergruppe ist super gut durchhörbar und die Hochgeschwindigkeits-Slaps und -Pops vom fantastischen Victor Wooten kommen staubtrocken, obwohl die Pappen ordentlich Tiefen liefern müssen. Lautstärke? – ja! Zuerst geben meine Ohren auf und nicht die Lautsprecher. Sehr schön.

Noch ein bisschen Bass mit Alex Clare – Get Real.  Kommt gut und den Downsweep bei 2:25 habe ich vorher so noch nie wahrgenommen. Zum Abschluss Randy Crawford mit Cajun Moon. Durch die sülzigen Anfangsstreicher muss man durch, dann wird man mit einem leider etwas schlank abgemischten Bass aber vor allem mit Randys Stimme und diesen unglaublichen metallischen Schwebungen des Vibraphons mehr als entschädigt. Pure Gänsehaut bei mir.

Zusammenfassung: Bühne ist da, super angenehme Höhen, keine für mich wahrnehmbaren Verfärbungen und der Bassbereich ist gegenüber meinen alten Lautsprechern deutlich erweitert. Das Lastenheft ist zu 100% erfüllt und Klangsteigerung mit den Little Ladies ist um ein Vielfaches höher als ich mir im Vorfeld erwartet habe. Ich bin begeistert und damit lautet die Bewertung für meine Little Ladies: alle Daumen hoch!

Letzte Worte
Tausend Dank an Udo für diesen Bausatz und für seinen Support! Ebenfalls tausend Dank an alle, die dieses Forum mit entspanntem und kompetenten Leben füllen. Nur, was mache ich jetzt nach Fertigstellung meiner Little Ladies, nur noch Musik hören? Macht Spaß und war ja Ziel des Projekts, aber Bauen macht auch Spaß. Vielleicht stelle ich doch noch eine kleine, feine Anlage ins Wohnzimmer, natürlich dann auch mit selbstgebauten Boxen von Udo – mal sehn.

Uwe

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Hallo Uwe,

sehr schöner Bericht! Das du nach fast einem viertel Jahrhundert wieder einen weiteren Selbstbau angegangen bist hat mich doch zu einem verständnisvollen Schmunzeln bewogen, so etwas kennt man. 😉

Dann noch die sehr korrekte Aussage der Hausherrin das monetäre Zwänge zweitrangig sind, hauptsache es wird was. Toll. Kenne ich auch. Ganz toll.

Man sieht, sehr gut bebildert, wie mit einer extrem minimalistischen Werkstatt solch ein Projekt gelingt. Eine Mitteilung an die Let’s Bastel Generation, so wird’s gemacht, fangt an.
Die kleinen Missgeschicke, haben wir alle, das bekommt man alles weg. Ideale Lösung bei dir, was soll die unförmige Klebefuge, das Furnier übertüncht das.
Ich denke auch an ein Detail, innen scheinst du alle Klebefugen mit einer weiteren ‘Dichtungs-Sicherheitsnaht’ des Fugenklebers gezogen zu haben. Mache ich auch immer! Super.

Die ausführlich angegebenen Musiktitel in der Klangbeschreibung, sie sind heute in meiner Linksammlung abgespeichert, ich höre sie mir in den nächsten Tagen in aller Ruhe an, danke dafür.

Es grüßt freundlich
Rundmacher

Hallo Uwe,

uiii, was ist das denn? Ein Bild von meinen Boxen in einem neuen Bericht? Kurz dachte ich, Udo hätte auf einen alten Ordner zugegriffen… vielen Dank, dass sie hier nochmal auftauchen, obwohl es den Bausatz gar nicht mehr gibt.

Wenn ich heute neu bauen würde, wären Deine Boxen auch meine! Die Größe reicht aus meiner Sicht völlig, um die Scheiben zum Wackeln zubringen und der Klang eines dappos ist mir auch der liebste.

Ich wünsche Dir lange entspannte Stunden mit den beiden. Selten so schöne Boxen aus einer so kleinen Werkstatt gesehen. Respekt!

Liebe Grüße
Uwe

Hallo Uwe²,

es gab zu viel Text ohne Unterbrechung am Anfang des Berichts. Deshalb habe ich das im Kontext passende Bild eingefügt. Zugleich ist es natürlich auch eine gerechte Würdigung eurer tollen Arbeit.

Gruß Udo

Hallo Uwe,

sehr kurzweiliger und interessanter Bericht. Schön zu lesen.
Der Bericht erinnert an die eigenen Projekte mit allen Hoch und Tiefs.
Mit den BelAir 72 hast du genau meinen Geschmack getroffen, eine dappo.
Ich wünsche Dir viele schöne und entspannte Stunden vor den beiden grazilen Damen.

LG
Yoga

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