1. Oktober 2023

Nimm`s leicht – nimm Rockkit BB

Autor: Udo Wohlgemuth

“Ich habe mal im Magazin nach Breitbändern gesucht. Gefunden habe ich nur ein paar Drei- bis Vierkäsehoch, die du als Soundbar oder für den PC anpreist. Wünschen würde ich mir da auch mal was mit Wirkungsgrad und Membranfläche, vielleicht untermauert mit einem dazu passenden Subwoofer. Toll wär es, wenn das Ganze aktiv laufen würde und keine Tiefkühlschrankmaße hätte. Dann könnte ich das Zeugs auch mal in den Garten tragen und dort beim Grillen rockende Musik an der frischen Luft genießen. Mach doch mal!”

So stand es in der Mail von Jürgen und eigentlich hatte er Recht. Stereo und Heimkino, Soundbar und PC haben wir in großer Menge und jeder Preisklasse parat. Große Breitbänder und Subwoofer suche ich schon recht lange, fand aber nichts Überzeugendes. Nick Baur hat ein paar schöne 20er von Tangband im Shop, doch die lassen sich preislich nicht in solch einem Projekt unterbringen. Dicke Subwoofer-Chassis habe ich von SB und Monacor, das allein-in-den-Garten-Tragen ist jedoch schon keine leichte Herausforderung. Naja, und die Garten-Saison ist eh schon vorbei, selbst wenn sich der warme September jenseits jeder jahreszeilichen Regel zum goldenen Oktober ausdehnen sollte.

Dann stöberte ich mal wieder in den “Neuheiten” von SBAcoustics. Ein 20er BB, genauer SB 20 FRPC30-8,  wurde dort vorgestellt, der alle gewünschten Eigenschaften hatte. Seine Pappmembran mit Flirrkonus und Phase Plug steckte im bekannten Plastikkorb der U_Do-Reihe, Parameter, Wirkungsgrad und Frequenzschrieb waren wie für meinen Einsatz geplant.

Spaßeshalber – oder etwas ehrlicher – aus Neugier habe ich dann auch den Klirr gemessen, den das Chassis bei 90 dB und 100 dB erzeugt. Mit derart geringen Werten hatte ich nicht gerechnet.

Als mir dann ein paar Zeilen unter dem Fullranger auch noch ein neuer Subbass namens SW 26 SFC38-4 ins Auge sprang, glaubte ich augenblicklich an die Kraft der Gedankenübertragung zwischen meinen dänischen und indonesischen (Geschäfts)freunden und mir. Große Membran, hoher Wirkungsgrad, Gewicht unter einem Kilo und das alles ohne Magnet.

Ohne Magnet? Passivmembran mit Stromanschluss? Was soll das sein? Nun, es dauerte ein paar Tage, bis der umgehend georderte Bass bei mir war und sein Geheimnis lüftete.

Natürlich ist ein starker Neodym-Magnet vorhanden. Er liegt innerhalb des Schwingspulenträgers, der direkt unter der großen Staubschutz-Kalotte sitzt. Sichtbar wird er, wenn eine Taschenlampe durch eines der Belüftungslöcher in der Membran leuchtet und das Auge durch ein weiteres ins Innere schaut. Na dann, machen wir uns an die Gehäuse-Konstruktion.

Die Simulation verlangte für den Bass knapp 45 Liter, einen Reflexschlitz mit 60 cm² Fläche und knapp 30 cm Kanaltiefe. In der Freecad-Datei RockkitSub gab ich 50 cm Fronthöhe und 34 cm -breite bei 19 mm Materialstärke vor, den Rest bis auf die Bemaßung erledigte die Software selbst.

Stapelbar sollte die Sub-Sat-Kombi sein, damit war auch die Satelliten-Konstruktion schon durch. Liegend ist die Bassbox 50 cm breit, ergibt pro Top 25 cm quadratisch und praktisch. Für mehr oder weniger willkürliche 10 Liter Netto kam eine Innentiefe von 22,2 cm heraus und Freecad hatte alle Angaben, um meine Datei RockkitSat aufgesetzt zu malen.

Nun war “leicht” an der Reihe, also schnitt ich die Bretter für das Rockkit aus OSB. Wie sie verklebt wurden, habe ich nicht fotografiert. Für die Abteilung “aktiv” nahm ich wieder meinen Arylic Plate Amp 2.1 her, der sich schon in der Ary BB 3_5 bewährt hat. In die Fronten und Rückwände fräste ich ein paar Löcher, schnell waren sie mit den Komponenten gefüllt.

Vollaktiv braucht keine Weiche, die formt der von der Workbench gesteuerte DSP. Natürlich wurden zuerst alle Chassis in ihren Gehäusen ohne Filterung gemessen. Aus den Diagrammen, die Clio auf den Bildschirm legte, ergaben sich die Korrekturen aus Hoch- und Tiefpässen, Boosts, Cuts und Shelves. Dass dabei kein gerader Strich herauskam, liegt in der Natur eines großen Breitbänders, der die hohen Töne aus einer entsprechenden Anzahl an Aufbrüchen generiert. Selbstverständlich linearer ist der Frequenzgang eines Tweeters, der zudem noch viel weniger bündelt. Dafür kann er keine Mitten und erst recht keinen zerstörungsfreien Bass. Die Verschmelzung dreier Schallwandler zu einer homogene Einheit zeigen die folgenden Diagramme.

Kommen wir noch einmal zum “leicht”. Mit 22 kg samt selbstgebasteltem Rollbrett sind die Rockkit BB – immerhin eine komplette Stereoanlage samt diverser Zuspieler – nicht nur leicht, sondern auch leicht zu tranprotieren. Ein Zurrgurt hält alles fest zusammen.

Fertig waren meine Rockkit BB rechtzeitig zum letzten Tag der Top 1000 des SWR1, um mir Platz 13 zu präsentieren. “Hotel California“, die Live-Version, war ein idealer Testsong für mein Power-Set. Leise geht das natürlich nicht, also ließ ich es ordentlich krachen. Vadders Test mit dem Teelicht bestand der Subwoofer mit Bravour, als die Congas ihr berühmtes “Bumm –  Bumm, Bumm” machten. Angestrengt klang das nicht. Es war wirklich laut, aber nicht der geringste Ansatz von kreischendem Geschrei störte die Show, als die Gitarren losfetzten. “Stairway to Heaven“, die schönste Rock-Ballade aller Zeiten, erreichte zwar nur Platz 3, ging aber unter die Haut. Robert Plant`s Stimme stand so sauber mitten auf der Bühne, die beiden Flöten rechts. Großartig das Gitarren-Solo von Jimmy Page, körperlich spürbar unterstützt von Bass und Drums.

Dass auch Cover Songs beeindrucken können, bewies Platz 2: “The Sound of Silence“. Wie Disturbed den “Klang der Stille” interpretiert, ist grandios, Rockkit BB ist ganz in seinem Element. “Bohemian Rhapsody” stand zu Recht wieder ganz oben, das war zu erwarten.

Nun sind nicht alle potentiellen Nutzer des Rockkit BB alt genug, um die wilden 70er Jahre, aus denen die melodischen Sieger stammen, live erlebt zu haben. Unter den Boxenbauern gibt es auch jüngere Semester, die mit anderer Musik aufwachsen und für die der Sound meiner jungen Jahre nicht die wichtigste Musikrichtung darstellt. Ich will nun niemandem mit Charts rauf und runter auf den Nerv gehen, doch Dance Music gehört heute sicher zum gehobenen Lebensgefühl. Auf Youtube wird viel aus diesem Genre geboten, ob meine schnelle Auswahl passt, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall konnte ich nicht über Bassmangel oder Pegel klagen. Kleine Parties mit Freunden können die Rockkit BB ausreichend beschallen, wenn sie aus der Werkstatt für Möbel oder Körper an die frische Luft getragen werden. Wer dafür ein 24 Volt Akkupack statt Netzteil nutzt, braucht nicht einmal eine Steckdose in der Nähe.

Udo Wohlgemuth

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Super, das nenne ich mal Vorfreude… bis morgen in NDH dann!

Guten Abend,

da ist ja das Gerät von dem wir letztens sprachen.
In der Tat viel Membranfläche (ca.785cm²) zu den vergleichsweisen üblichen Büchsen.
Werde es beim Event anhören, bin gespannt.

Trotz der vielfachen Membranfläche der PA Anlage, keine Angst, den Main-Levelregler kann man sehr gut von Standgas bis Vollgas dosieren.

Gruß Schülzken

Hallo Udo,

das Set gefällt mir sehr gut:
Viel MembranflächeHoher WirkungsgradREIN Aktiv! (also keine passiven Bauteile!)Kompakte Abmessungen!!! Wie Niklas schrieb, hätte ich bei dem Breitbänder erwartet, dass es auch ohne Subwoofer gehen könnte. Ein Blick in das Datenblatt, sagt: Man kann beim Breitbänder-Kompromis nicht alles haben. Dieser Breitbänder tut sich mit Tiefbass extrem schwer.

Bringst Du das Set nach Nordhausen mit?

Viele Grüße
Rincewind

Wow, jetzt brauchen wir in der Musikschule schon einen separaten, erdbebensicheren PA Raum 😉
Wird schön wieder zusammenzukommen und Martin, Du hast Deinen Kahn auf Herz und Nieren geprüft?

Hallo Jo,

hab einige Testdurchläufe gemacht, ob kleines oder großes Setup, die Hardware läuft bisher ohne Probleme. Der Klark Teknik Bluetooth Dongle überrascht mich mit seinen Qualitäten Mit den Playlisten hadere ich noch.
Zur angekündigten U54 bringe ich eventuell eine weitere Stereo Überraschung mit.

Gruß Schülzken

Moin moin,
ich bin auch über die gestolpert, aber aktuell ist Projektestop und habe nicht gefragt.
Steht auch eine Version ohne Sub im Raum? Geben die BBs attraktive Bässe wieder?

Gruß
Niklas

Das sehe ich ein, aber 35hz brauche ich in der Küche nicht. Aber die Überschneidung mit der 3_5 BB ist vermutlich zu hoch, um da eine Lücke schließen zu können. Und die kann ja tief.

Ich finde das Set sehr attraktiv, würde mir dennoch eine Breitband-ACL wünschen, also wenn ich einen Wunsch frei hätte 🙂
Ist da was Passives in der Richtung, gerne mit weniger Tiefgang geplant?

Spannend, mal wieder was breitbandiges! Bin immer wieder fasziniert von dem Konzept – immerhin hat meine erste Breitband CT Brüllbox von Udo mich so begeistert, dass seitdem Fertiglautsprecher für mich nicht mehr in Frage kommen –
mit DSP sicherlich noch mal etwas feiner!

Ich frage mich bei diesem Set noch bzgl der Gruppentauglichkeit- wie breit ist der sweet Spot / bzw wie wir darf man sich aus der Mitte weg bewegen?
Lieben Gruß, immer wieder schön etwas neues zu entdecken 🙂

Last edited 8 Monate her by Matthias (da->MZ)
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