Apr 29 2017

Vinylputze 6000 – Plattenwaschen mit Sparky

Jeder, der mit Schallplatten zu tun hat, kennt das: Ob Fertigungsrückstände auf neuen Schallplatten oder Fussel aus der Luft durch statische Aufladung: Ist Dreck auf der Schallplatte, wird das durch ein hörbares Knacksen im Lautsprecher quittiert. Hin und wieder ein Knackser ist nichts Dramatisches und macht das Vinyl auch irgendwie liebenswert, wer seine Aufnahme absolut „steril“ genießen will, greift besser zur CD.

Schlimm wird es nur, wenn man z.B. eine gebrauchte Schallplatte ergattert, die zuvor nass abgespielt oder generell recht unpfleglich gehandhabt wurde, dann entfaltet sich schnell wahre Kaminfeuerromantik, die den Musikgenuss dann doch stören kann.

Für diesen Fall kann man Schallplatten waschen, um den Dreck aus den Rillen zu entfernen. Manche Dienstleister bieten für einen nicht ganz unerheblichen Betrag die professionelle Reinigung an, wer selbst genug Platten hat, kauft sich eine eigene Plattenwaschmaschine. Günstige Modelle werden rein manuell betrieben, dort steckt man die Schallplatte auf eine Spindel, taucht sie in die Waschlösung und zieht sie durch Drehen durch weiche Bürsten, was den Dreck aus der Rille holt.

So ein Gerät bietet bereits eine gute Waschleistung und ist für den Hobbyhörer mit ein paar Platten im Schrank schon zu empfehlen, wenn mal der „Frühjahrsputz“ ansteht. Nur ist es recht lästig eine größere Menge Platten damit zu waschen und irgendwann ist die Waschplämpe auch so verdreckt, dass sie selbst wiederrum Dreck auf die Platten schwemmt. Dann muss man sie wechseln und wie bei Tintendruckern auch leben die Hersteller von den Nachfüllsets.

Nun kann man natürlich auch eine professionelle Plattenwaschmaschine kaufen, diese sind dann meist in einem tollen BlingBling-Gehäuse angeordnet und haben allerlei Zusatzfunktionen wie Absaugung und Filterung der Waschlösung, Trocknung der Platte etc. Doch auch die haben eines gemeinsam: Man kann nur eine Platte gleichzeitig damit reinigen und legt mindestens einen mittleren dreistelligen Betrag dafür auf den Tresen des Händlers.

So dachte ich mir: Das muss doch auch anders gehen und kam schnell auf das Brett, einen Ultraschallreiniger zu nutzen, um die Platten per Kavitation vom Dreck zu befreien. Erste Recherchen im Internet zeigten auf, dass die Idee schon Andere hatten und auch offenbar sehr gut funktioniert. Leider waren erschwingliche, käufliche Geräte eher ein Provisorium mit Marmeladenglasdeckeln als Distanzscheiben und Spießbratenmotoren als Antrieb. Bessere Modelle waren da nicht wesentlich professioneller aufgebaut, dafür dann aber preislich schon an einer „normalen“ Plattenwaschmaschine angesiedelt.

Also getreu dem Motto: Das muss man auch besser und günstiger selbst produzieren können, habe ich das folgende Projekt realisiert.

Die Plattenwaschmaschine sollte das Folgende bieten:

-beheizbares Reinigungsbecken
-mehrere Platten gleichzeitig reinigen
-vernünftige und dichte Distanzscheiben zum Schutz der Label
-selbstständiges Drehen der Platten in der Waschlösung

Schnell waren die entsprechenden Utensilien für knapp 180€ beschafft und los ging es mit dem Bau.

Da ein ordentlicher Elektriker auch Metallbearbeitung beherrscht, habe ich einen Klotz A7075 Aluminium zur Zerspanung besorgt. (Das kennen viele als „Flugzeugaluminium“ oder „Duralum“, es ist wesentlich härter als normales 0-8-15 Alu). Auf der guten alten Loewe-Drehbank habe ich mir dann im Betrieb die nötigen Distanzscheiben gedreht, wie auf den folgenden Bildern zu ersehen. Die eingeklebten O-Ringe dichten hinterher das Plattenlabel bei der Reinigung ab.

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Als nächstes war der Antrieb an der Reihe, hierzu habe ich einfach einen Langsamläufermotor mit 1 upm und 7mm Welle besorgt, welche ich durch eine 7mm V2A-Welle und Wellenkupplung verlängert habe. (Ein Schelm wer Böses dabei denkt, ist 7mm doch auch das Lochmaß einer Schallplatte). Das Gegenlager habe ich aus Rotguss gefertigt, es wird ungeschmiert für die Ewigkeit halten. Das ganze Geschwurbel dann an das Ultraschallbad gefrickelt und fertig ist die Laube.

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Zuletzt musste noch die passende Reinigungslösung her. Auch hier scheiden sich, wie bei so ziemlich allen Themen rund um die Schallplatte, die Geister und sicher gibt es auch audiophile Vinylpuristen, die unterschiedliche Spülmittel am Klang erkennen können 😛

Ich wollte es da einfacher haben und das folgende wurde zusammengebraut:

Der chinesische 6-Liter Ultraschallreiniger fasst 5 Liter Lösung ohne überzulaufen, diese setze ich aus ¾ destilliertem Wasser und ¼ Isopropylalkohol zusammen. Dazu dann noch 12 Milliliter Mirasol als Netzmittel und 10 mg Kaliumsorbat, um die Lösung zu puffern (man kann sie dann längere Zeit nach Benutzung lagern, ohne dass sie umkippt). Das Kaliumsorbat hinterlässt im Licht betrachtet einen hauchdünnen Film auf der Platte, dies hat tonal keine Auswirkung. Wen das dennoch stört, der kann es weglassen und muss dann ggf. die Lösung öfter wechseln. Reinigungsfetischisten wechseln ohnehin nach jeder Waschung das Wasser, allerdings halte ich davon selbst nichts, mir reicht es, auch bereits verwendete Waschlösung zu nutzen, so lange sie die Platte nicht erneut mit Schmutz bedeckt.

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Heraus kam ein Gerät, mit dem man 5 Schallplatten gleichzeitig reinigen kann. Die Lösung erwärme ich auf 45°C und lasse die Platten dann 5 Minuten darin kreisen. Beim Einschalten des Ultraschalls startet der Antrieb automatisch. Das Gerät arbeitet hervorragend und holt den Dreck porentief aus der Rille, selbst Härtefälle, wo eine manuelle Einsteigerwaschmaschine schon mal an die Grenzen kommt, kann man so wieder hinbekommen. Nicht versäumen sollte man, die Platten nach der Wäsche in eine neue Innenhülle zu stecken, die kostet auch nicht die Welt.

Einmal mehr zeigt sich also, was man im Selbstbau alles erreichen kann. Außerdem darf man sich dann passende Namen für seine Kreationen ausdenken, die nicht nach Sekt und Kaviar der Hochglanzmagazine klingen 😉

Gruß,
-Sparky

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15 Kommentare auf "Vinylputze 6000 – Plattenwaschen mit Sparky"

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Rincewind
Mitglied

Hallo!

Die Vinylputze 5000 (es passen “nur” 5 LPs 😉 rein) wurde am Sonntag getestet. Fazit: Ultraschall holt mehr Dreck aus der Rille raus als eine herkömmliche Plattenwaschmaschine mit Staubsauger, die Yoga zum Vergleich mitgebracht hat.

Vergleich erfolgte optisch mit einem USB-Mikroskop und auf dem Plattenteller (knistern).

Der Vorteil der herkömmlichen Plattenwaschmaschine ist: Das Vinyl wird auch abgetrocknet.
Daher wird Sparky an einem “Trocken-Modus” noch was tüfteln dürfen 😀

Grüße
Rincewind

Thomas Goebel
Gast

Wow, Hut ab, Chapeau…
Das nenne ich mal ein interessantes Projekt!
Und Udo’s Idee, das nicht in den Tiefen des Forums versinken zu lassen…einfach genial!

Baerchen.aus.HL
Mitglied

Schönes Ding……. könnte man sicher ein nettes Geschäft draus machen…..

Sparky
Mitglied

@ Baerchen:
… dann müsste man die Hürden des EEG überwinden, das Gerät CE-zertifizieren (die China CE erlischt durch den Eingriff in die Elektronik) und sich mit Kunden herum ärgern, die fragen, ob es die Waschlösung auch in den Duftrichtungen Lavendel, Alpenfrische oder Frühstücksspeck gibt 😛

Es gibt bereits kleine Vertriebe, die ähnliche Geräte anbieten, denen will ich keine Konkurrenz machen. Selbst gebaut habe ich es nur, weil man von der Preisdifferenz zum Kaufgerät 2-3 mal gut mit den Kumpels Essen gehen kann 😉

Gruß,
-Sparky

Baerchen.aus.HL
Mitglied

Na, wenn das so ist……

Michael
Mitglied

Respekt, ein tolles Projekt sauber ausgearbeitet. Gefällt mir richtig gut.

Fehlt nur noch der Wahlschalter für die Drehhzahl. 33 und 45 U/min.
Single´s müssen doch bestimmt auch bei der Reinigung etwas schnell drehen.. 😉

Daumen hoch.

Gruß Michael

Henning
Mitglied

Aber sowas von cool! Ich werde mir dann wohl wie geplant eine kaufen müssen. Komme ja noch nicht mal zum fertigstellen aller DIY-Kabel. Wo nehmt ihr bloß all die Zeit her? 🙂

Matthias (DA)
Mitglied

Ach scheee,
Die Drehbank hat mir immer am Meisten Spaß gemacht, toll durchdacht und feines Ergebnis, da muss ich doch glatt mal Isolde mit ihrer Sammlung vorbeischicken 😉

Glückwunsch, nettes Ding das – und der Name grandios

Matthias

Jo
Mitglied

Ich hab den Text bisher nur überflogen, finde das Projekt aber total irre! Selbstdrehend, selbstgemacht, beheizbar, und wunderschön das Alu zerspant.
Daran sieht man wieder, wieviel Kreativität, Freude und Perfektion in dem Hobby schlummern kann. Hut ab, Sparky!

Elvis3000
Mitglied

Respekt , da springt schnell der Funke über. Sagst du uns noch ca. was du finanziell aufwenden mußtest.
Die Ultra aus China für nen Hunderter Plus Motor ?….

Ciao udo

Sparky
Mitglied

Mahlzeit, die Gesamtkosten belaufen sich auf rund 189€, wobei der Reiniger mit 114 Euro das Teuerste ist. Am Zweitteuersten schlägt das Rohaluminium mit 49 Euro zu Buche, wer also welches da hat oder einen anderen geeigneten (nicht rostenden) Werkstoff hat, kann den Posten sparen. Der Motor kann für 6 Euro, die VA-Welle für 3 Euro bezogen werden.

Alle teile findet man in einem bekannten Onlineauktionshaus

Gruß,
-Sparky

waterdrinkingman
Mitglied

Supercooles Teil.
Statt Alu wären auch PE oder PP denkbar, die könnte man ggf. sogar selbst mit Oberfräse bearbeiten.

Rincewind
Mitglied

Hallo WDM!

Statt mit Peile und/oder Oberfräse zu hantieren, warum nicht Drucken? Nylon-Scheiben wäre doch mal was, braucht vielleicht auch kein O-Ring.

Grüße
Rincewind

Justus
Mitglied

Das geht doch nicht. Wo bleibt denn da der High-End-Gedanke? Nein, es muss mindestens 7075er Aluminium sein – besser noch Titan. Das ist edler und nochmal leichter.
Oder ist das geringe Gewicht wegen des Bergerschen Massengesetzes wieder kontraproduktiv…..?
😉

Sparky
Mitglied

…alles was nicht rostet ist genehm. Als Maschinenbauer nehme ich Metall und da lag Alu auf der Hand. Mit dem Duralum hab ich mir selbst das Leben leicht gemacht – wer schon mal normales Alu zerspant hat, weiß warum 😉

@ Justus: Titan möchte ich nicht zerspanen wollen. Für Alu geht Schnellarbeitsstahl und Maschineneinrichtung Pi mal Daumen, bei der Herangehensweise würde einem bei Titan irgend was um die Ohren fliegen. Vorzugsweise der Drehmeißel…

Rincewinds Idee mit dem Drucken finde ich sehr gut. 3D-Druck hatte ich gar nicht auf dem Schirm und auch kein solches Gerät zur Verfügung, aber wer einen 3D-Drucker hat, sollte das mal probieren.

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