CT 193 – die (fast) vergessene Legende

Als ich neulich mal wieder auf der Suche nach neuen Projekten durch den Monacor-Webshop spatzierte, traf ich völlig unerwartet einen steinalten Bekannten wieder, den ich schon sehr lange nicht gesehen hatte. Geboren wurde er zeitgleich mit der altvertrauten Duetta, zierte zusammen mit ihr das Titelblatt der K+T 1/ 2002. Bekannt wurde er als Cheap Trick 193, dessen Antriebskraft kommt aus einem 13 cm kleinen Breitbänder mit dem Allerweltsnamen SPH-60 X. Sieh an, du lebst ja immer noch, schoss es mir durch den Kopf, dabei wohl bemerkend, dass sein Korb im Lauf der Jahre von schwarz auf graumeliert mutiert war.

Als ich meine Freude mit Björn Westphal, Monacors Mann für die Pressebetreuung, teilte, schickte er mir umgehend ein Paar der alten Einzelkämpfer des guten Klangs zur Ansicht und zum Messen nach Bochum.


Datenblatt SPH-60 X

Ausstattung:

Membran Pappe Polplattendicke 8 mm
Sicke imprägniertes Leinen Wickelhöhe 11 mm
Korb gestanztes Blech Magnetdurchmesser 100 mm
Polkernbohrung ja Befestigungsbohrungen 6 mm
Zentrierung Flachspinne Außendurchmesser 130 x 130 mm
Magnet Ferritmagnet Einbaudurchmesser 122 mm
Schwingspule 25,5 mm Einbautiefe 70 mm
Träger Aluminium Frästiefe 0 mm


Parameter:

Fs 60 Hz Mms 5,5 Gramm
Diameter 96 mm BL 4,4 Tm
ZMax 31 Ohm VAS 9,3 Liter
Re 6,5 Ohm dBSPL 87 dB/2,83V
Rms 0,80 kg/s L1kHz 0,41 mH
Qms 2,62 L10kHz 0,20 mH
Qes 0,69 SD 73 cm²
Qts 0,54 MMD 5,2 Gramm
Cms 1,27 mm/N Zmin 7,0 Ohm


Messungen:

Nun ja, die Parameter waren nicht mehr identisch, aber dennoch versprach LspCAD im gleichen Aufbau nahezu identisches Bassverhalten. Schnell kramte ich die alte Zeichnung heraus, schnitt mir die erforderlichen Bretter aus meinem Holzvorrat zu und setzte mit etwas Fugenleim das zweidimensionale Holzpuzzle in drei Dimensionen um. Auf einen Sketchup-Plan zum Herunterladen habe ich diesmal verzichtet.

Weil zufällig auch meine Kamera im gleichen Raum rumstand, durfte sie bei der Arbeit etwas helfen, indem sie für ein paar Trockenpausen sorgte. Das Ergebnis wollen wir nicht vorenthalten, auch wenn das Verleimen von Holz in diesem Magazin auch nichts wirklich Neues beinhaltet.

Am Ende wurden die Kisten noch mit weißer Wandfarbe übergerollt und mit Steineffekt-Lack eingesprüht. So erhielten sie den zum Korb stilgerechten Look. Zwei Streifen Polsterwatte von der Rolle (30 x 40) füllen die Box, der Reflexkanal bleibt frei.

Als Sammler alter Kostbarkeiten wie ausgedienter Gehäuse oder Schallplatten fand ich auch noch meinen vor knapp 16 Jahren geschriebenen Text auf meinem Rechner, der selbst wiederum neueren Datums ist. Ich hatte die alten Dateien halt immer wieder auf den nächsten PC übertragen, wer weiß, vielleicht kann man sie irgendwann noch einmal brauchen. Der Zeitpunkt ist nun gekommen, hier ist der wesentliche Teil meines alten Textes mit leichten Anpassungen, aber neuen Diagrammen und Bildern.

 

Gehäuse

Für das Gehäuse gaben wir eine Innenbreite von 14 cm vor. Nun steht nirgenwo geschrieben, dass Reflexkanäle von hinten bis vorne gleich groß sein müssen. Unterstützt von AJ-Horn fanden wir eine vielversprechende Lösung mit 14 cm² Anfangs- und 140 cm² Endfläche bei 30 cm Länge. Damit hatten wir doch eine Art Horn konstruiert mit 1,0 cm Ein- und 10 cm Auslass über die Boxenbreite. Bei geradem Verlauf des Kanals mit 14 cm² Fläche ( Rohrdurchmesser D = 4 cm) ergibt sich fast der gleiche Schalldruckverlauf bei einer Länge von 10 cm, jedoch mit deutlichen Luftgeräuschen bei leicht gehobener Lautstärke. Für die gleiche Luftfeder im Kanal brauchen wir eine Fläche von 77 cm² (D = 10 cm). Nun muss jedoch das Rohr für die identische Abstimmung 60 cm lang sein.

 

Sperrkreis

Im Gehäuse zeigte der SPH-60X eine für Breitbänder erstaunlich glatte Amplitude mit gleichmäßigem 5 dB-Buckel bei 1500 Hz ohne zu stark ausgeprägte Welligkeit von 60 Hz bis 17 kHz. Lediglich eine schmale, 9 dB tiefe Kerbe bei 400 Hz und zwei weitere bei 5 und 12 kHz waren auffällig.

Den Buckel glätteten wir mit einem Sperrkreis aus Stiftkernspule, rauem Elko und einem 5 Watt Mox-Widerstand, die parallel geschaltet im Signalweg an der richtigen Stelle die Impedanz erhöhten. Die alten Werte passten nicht mehr, sie hätten eine leichte “Badewannen-Abstimmung” mit recht zurückhaltenden Mitten bewirkt.

Bei der Suche nach der Ursache für die Kerbe gab uns der Vergleich der Impedanzkurven des SPH-60X im Reflex- und geschlossenen Gehäuse keinen Aufschluss. Die akustische Phase offenbarte sofort den Grund: das Ende der gleichphasigen Abstrahlung aus Membran und Reflexkanal wirkt sich hier durch die zur Membranfläche fast doppelt so große Öffnung und die Kanallänge von 30 cm wesentlich mehr aus als bei “normalen” Rohren. Doch das nehmen wir angesichts des Schalldruckgewinns im Bassbereich gern in Kauf – Lautsprecherbau ist immer auch ein Suchen nach dem vernünftigen Kompromiss.

 

Messwerte

Der Amplitudenschrieb unter Null Grad zeigt ab 4 kHz die bereits angesprochene Welligkeit sowie eine Anhebung um 3 bis 4 dB. Unter 15 Grad (gelbe Kurve) bricht der obere Hochton geradezu ab, die Messung unter 30 Grad (rot) ist dort ausgeglichener und oberhalb von 10 kHz lauter. Die Erklärung hierfür liefert der Öffnungswinkel des Flirrkonus, der wie ein Horn den von der Dustcap abgestrahlten Schall bündelt, unter 15 Grad zur Auslöschung führt und bei 30 Grad entsprechende Schallanteile von der Membran zum Zuhörer reflektiert. Im Wasserfall sehen wir verzögertes Ausschwingen bei 400 Hz, das die Kerbe im Frequenzgang hervorruft, sowie ab 6 kHz durch den Flirrkonus, der nur an der Unterseite festen Halt hat. Auch den Anstieg von K3 zwischen 3 und 5 kHz ist ihm anzulasten, doch ohne ihn wäre der SPH-60X nur ein Bassmitteltöner. So ist das eben mit dem Kompromiss.

Klang

Nun ja, was kann man schon erwarten von einem Lautsprecher für weniger als 40 Euro? Das jedenfalls nicht! Natürlich behinderte die Weiche die Ankopplung des SPH-60X an den Verstärker weniger als eine aufwändige Drei-Wege-Schaltung. So verwundert die saubere Darstellung von Klavier- und Drumanschlägen nicht wirklich. Für einen Breitbänder ungewohnt verfärbungsarm gelang die Wiedergabe von Stimmen mit guter räumlicher Staffelung und Ortbarkeit, wenn der Zuhörer das seltene Glück hatte, auch einmal in der Mitte sitzen zu dürfen. Das ist für einen Fullranger nun einmal der einzige Platz, der den vollen Genuss der Obertöne garantiert. Tiefbass war nicht vorhanden, doch was da bei Metallicas “Nothing else matters” an Druck in den Laden gespült wurde, ließ uns doch nach einem vergessenen Subwoofer suchen. Auflösung und Loslösung von den Boxen, die Tiefenstaffelung und die unangestrengte Wiedergabe bis in durchaus mehr als Zimmerpegel hatte ich so nicht mehr in meiner Erinnerung gespeichert. Bei Frau mit Klavier, Mann mit Gitarre, aber auch umgekehrt hatten die CT 193 Reload keine Mühe, bei großem Musikeraufkommen war es nicht immer möglich, ein kleines Gedränge zu vermeiden. Besonders hat es mich gefreut, die beiden bekanntesten Lautsprecher aus meiner K+T-Zeit wieder unter einem Dach zu versammeln. Dass diesmal der Cheap Trick vor Duetta stand, sei ihm einfach mal gegönnt.

 

Udo Wohlgemuth

 

Zum CT 193 Reload im Online-Shop

Verwandte Beiträge

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://www.acoustic-design-magazin.de/2017/10/14/ct-193-die-fast-vergessene-legende/

39
Hinterlasse einen Kommentar

Please Login to comment
13 Comment threads
26 Thread replies
1 Followers
 
Most reacted comment
Hottest comment thread
16 Comment authors
neuste älteste
HBt.

Lieber Udo,
das Gehäuse wartet darauf verleimt zu werden – doch leider ist meine Vorfreude getrübt. Folgende TSP habe ich mit Clio ermittelt …

MANUFACTURER Monacor MODEL SPH-60 X DATE 01.05.2018

Fs 72.1647

Fs Added Mass 37.9947
Fs Known Vol 0.0000
Added Mass 11.3100
Known Vol 0.0000
Diameter 95.7500
ZMax 29.2496
ZMax Added Mass 22.2937
ZMax Known Vol 0.0000
Z F1F2 13.6070

Re 6.3300
Rms 0.7709
Qms 2.5513
Qes 0.7046
Qts 0.5521
Cms 1.1214
Mms 4.3375
BL 4.2034
VAS 8.1186
dBSPL 88.3877

L 1kHz 0.0000
L 10kHz 0.1969
CAS 5.814096E-0008
RAS 14867.8800
MAS 83.6582
RAT 68701.4600
SD 0.0072
LCES 19.8125
CMES 245.5002
RES 22.9196
MMD 3.9917
RMT 3.5621
eta 0.4157
Z Min 6.9012
Z AVG 10.4721

Ist dieser Treiber jetzt noch passend zum Gehäuse und der resultierenden Abstimmung. Seine TSP weichen doch erheblich von den ursprünglichen des CT ab.

Ich hoffe, die erstandenen Treiber sind trotzdem einsetzbar?.

Viele Grüße,
HBt.

PS Habe ich bei der Messung etwas falsch gemacht?

Tom

Ich hab mal eine vielleicht blöde Frage zur CT 193. Für was braucht man bei einem Breitbänder eine Frequenzweiche?

Makarenko

Hallo Tom,
lies mal im Baubericht den Abschnitt “Sperrkreis”
Grüße Jürgen

volker

Hallo wie sind die neuen Werte für den Sperrkreis . Die Bausätze werden noch mit den alten Werten verkauft

MartinK

Hallo community.
Kauft und genießt diesen Bausatz!!!!!
Udo hat wieder mal ein bisschen untertrieben bei der Klangbeschreibung.
Aus dem Stand klingt alles rund.
Ich lasse jetzt mal dudeln und fahre zu Ikea um ein Schränken für die Schätzchen zu besorgen.
Begeisterter Gruß.
Martin

Kai3891

Hallo Udo, ich sehe, es geht in die richtige Richtung. Mich persönlich würde allerdings eine noch erwachsenere CT 193 reizen. Vielleicht ist ja noch was in Planung.

Gruß Kai

MartinK

Die Bausätze sind vorhin eingetroffen, der Zuschnitt liegt parat. Werde irgendwann morgen wohl die ersten Töne hören können . Ich werde berichten.
Gruß Martin

Michael M.

Tag Udo,
Kann man die Kiste auch so bauen das die Öffnung nach Oben zeigt und die Lautsprecher auf der Breitseite der Kiste sitzen? Grund dafür, ich suche eine PC Box für meinen Dad, die in das am Schreibtisch stehende Regal hinter dem Laptop passt. Die CT193 würde sich hier wegen ihres Volumens gut anbiete, nur eben nicht in der original Bauform. mfg Michael

Shumway

Hallo miteinander,
lustige Teile sind das. Müsste ich mir mal anhören …
Was ich bisher am Hornreflex-Prinzip nicht verstehe, und finde auch nicht viel dazu: Vermeidet man so nur die Strömungsgeräusche im BR-Kanal bei höheren Pegeln, oder ergibt sich wie bei “großen” Hörnern eine akustische Impedanzanpassung an den Wellenwiderstand der Luft, so dass sich der Wirkungsgrad für die Bass erhöht?
Grüße, Gordon

Hesse

Moin.

Hörner? Nix gut, ich hatte mal eine “Neckermann Exponentialbox”, die wurde bei uns in der Gegend gefertigt, sie haben wenig gekostet. Wie Udo sagte: Wirkungsgrad, da waren die richtig gut, im Umkreis von 400 Metern hatte alle Menschen Spaß, bei wenigen Wätzen Eingangsleistung.

Klangtreue natürlich Fehlanzeige, die Geigen mutierten zu Jammer- und Krächzhölzern, Saxophone zu Kindertröten.

Aber Party war damals geil mit den Teilen, Ende der 60er/Anfang der 70er. – Seufz-

Aber die Monacor-Breitbänder sind einfach Legende, wie Udo sagt. Ich habe vor Jahren einmal einen Dipol mit einem dieser Chassis gebaut, 176 irgendwas. Klangtreue etwas besser als beim Horn, aber eine Impulsverarbeitung mit Suchtfaktor 9,5 auf der mit 10 begrenzten Opiumskala.

Hesse – träumend von alten Zeiten.

Alechs

Mir kribbelt es auch schon in den Fingern. Nächstes Projekt steht fest 🙂
Es schreit nun aber nach einer Anleitung, wie man so ein Chassis einfräst 😀

Schönen Abend euch allen
Alex

Sparky

Guten Abend Alechs,

einfach und zudem ein optischer Zugewinn wäre es, einfach ein rundes Loch im Außenmaß der Sicke zu machen und dann das Chassis von hinten gegenzuschrauben.

Gruß,
-Sparky

Elvis3000

Oder einen runden Flansch fertigen und von aussen aufsetzen. Schö naus Messing oder Kupfer, bissl poliert….. 😉

Max

Hi Udo,

dazu habe ich mich schon immer gefragt, warum das nicht gemacht wird. Hat das hörbare Nachteile?

Viele Grüße

Max

MartinK

Na also. Auf so einen Bausatz habe ich gewartet. Bestellung ist raus.
Gruß Martin

Makarenko

Mann Udo!
Das sind die Boxen die mich zum Selbstbau gebracht haben. Einfach hässlich aber auch einfach genial.

Sparky

Guten Abend,

Dieses Wochenende beschert uns einen goldenen Herbst und weil ich noch als Blage immer gesagt bekam bei schönem Wetter an die frische Luft zu gehen, “ging” ich nostalgisch gestimmt mit der alten Herkules Prima5 “Rennziege” auf die vermutlich letzte größere Ausfahrt diesen Jahres.

Zurück am Rechner habe ich nicht schlecht gestaunt eine Breitbänder-UND-Horn-Konstruktion zum Mitnahmepreis zu entdecken…. Wie sie wohl an Röhre klingt?
Wenn der Herbst wieder das übliche Wetter bereitstellt, muss ich mir das mal anhören in Bochum 🙂

Gruß,
-Sparky