Corinna, Cortana und der Werkstatt-Overkill

Vorwort
Corinna und Cortana sind meine neuen Boxen. Beide sind echte Töchter von Corona, dem Virus, da sie als Heimprojekt während des in Bayern strengen shut-down das Licht der Welt erblicken durften. Im Gegensatz zu Corona bereiten mir beide aber sehr viel Freude, sowohl beim Bauen, Benutzen und darüber Schreiben. Ach ja, wer sich über einen derart peniblen Bau wundert – Schreinern ist mein Hobby (gerade dem Hobby-Schreiner-Kindergarten entwachsen) und da ist mir der Weg das Ziel und Zeit und Aufwand sind mir eher unwichtig.

Planen und Bestellen
Das Frühjahr ist noch nicht da und mein Werkstattausbau benötigt viel Platz; die 1,5 m x 3 m Platten müssen im Carportbereich geschnitten werden. Für das sensible Holz ist das noch zu kalt und zu feucht. Welches „kleine Projekt“ kann ich noch reinschieben? Außerdem droht der Corona-shut-down in maximal 2 Wochen, da muss alles Baumaterial im Haus sein. Das mit der Mukke ist eigentlich auch kein Zustand, die kommt bei mir in der Werkstatt über Napster vom Handy auf einen kleinen Boom, der auch noch meiner Tochter gehört und den ich mir immer ausleihen muss. Also das isses: Ich bau mir ein Paar Computerboxen bevor der Werkstattausbau weiter gehen kann.

Im Internet ist das alles rings um den Boxenbau für mich als Nichtprofi sehr viel und unübersehbar – keine Ahnung was ich nehmen soll. Da finde ich die Seite von Udo und seinem Acoustic-Design. Na damit kann auch ein Nicht-Profi was anfangen. Alles schön erklärt und sehr persönlich.

Udo meint, dass die Mona für eine 18qm Werkstatt zu klein (leise) wäre und rät mir zu 2x SB 36 Center ADW – OK??

Die sind ja fast einen Meter groß, na egal, es ist ja für meine heilige Werkstatt. Eigentlich ist es ja keine Werkstatt, sondern der einzige Raum im Haus, respektive der Garage, der nur mir alleine gehört. OK, dafür sind zwei fast metergroße Boxen dann sicher nicht zu groß. Und wenn doch, is auch egal – the bigger the better.

Eine Woche später sind die Bausätze mit den Lautsprechern im Haus. Baumaterial für das Gehäuse brauch ich nicht von Udo, aber die Weichen auf Holzbrett, weil ich ein Holzwurm, aber kein Elektrobastler bin.

Als Design wähle ich einen ringsum monolithisch wirkenden Korpus in cremeweiß ohne Fugen, die Boden- und Deckplatte werden Eiche-Kernholzplatten spiegelglatt geschliffen und geölt. Planung und Schnittplan ist bei mir mit CAD, dann geht nix schief.

Mitten in der Materialbestellung schlägt der Corona-shut-down zu und dann sind in Bayern auch noch die Baumärkte als erstes zu –suuuper. Ich habe zwar einen Holzgroßhändler, der verkauft aber Naturholzbohlen aus dem Baumkern nur zusammen mit dem ganzen Baum. Also bestelle ich 4 Naturbretter Eiche (mit Rinde) aus dem Baumarkt die im Paket geliefert werden.

Korpusbau
Der Korpus und die Boden- und Deckplatte werden bis inklusive Oberflächenaufbau komplett fertig gemacht, bevor der Zusammenbau erfolgt. Nur so sind die zwei unterschiedlichen Oberflächen (Lack weiß und Holz geölt) sauber aufbaubar, ohne Kollateralschäden auf seinem Nachbarn zu verursachen. Alle Teile werden mit Flachdübeln (Lamellos) verleimt. Von dem einfachen Verleimen ohne Verbindungselemente, die ich immer wieder im Internet sehe, halten ich gar nix. Einem (Hobby-) Schreiner schmerzt dieser Anblick in der Seele. Auch ein Zusammenpappen ohne zu Spannen ist eher Sch…lecht. Nur durch das Spannen durchdringt der Leim das Material und bleibt nicht nur auf der Oberfläche. Ich möchte gar nicht wissen, welche Totsünden ich so begehe in Bereichen, in denen ich mich nicht auskenne. Bitte seid also milde mit mir.

Der Fräser schneidet die Kreise wie Butter in das weiche MDF. Und die Wände sind nach dem Flachdübelfräsen und Anpassen rasch geleimt und gespannt.

Die Ecken sollen rund werden, zur Eichenplatte ist eine Schattenfuge vorgesehen, weshalb jeweils weitere Fräsbearbeitungen mit Rund- und Fasenfräser nötig sind. .. und ab und zu geht auch was schief – Ausbessern mit 2K-Spachtel.

Die Boden- und Deckplatten werden aus den rohen Brettern „herausgeschält“. Cool die Hölzer mit Rinde. Das Kernholz sieht auch echt gut aus, aber die Risse werde ich mit einer Innenschicht aus MDF schließen müssen, damit die akustisch dicht sind. Ob das nötig ist … keine Ahnung, aber Udo empfiehlt keine Naturhölzer. Aus diesem Grund versuche ich etwas gegen die Risse zu tun.

Bei 26 mm starker Eiche sind für jede Kante 3 Schnitte nötig. Die Festool-Tauchsäge und das Blatt geraten in ihre Grenzen – es würde vielleicht auch helfen, für die Längsschnitte das Blatt mit weniger Zähnen zu nehmen, aber am Ende sind alle Brandspuren weg, die Bretter auf Maß und die Werkstatt sieht trotz Absaugung aus wie Sau.

Die Bretter und die Innenwände werden zur Verleimung mit Flachdübel vorbereitet – das ist echte Maßarbeit und kniffelig, zumal die Boden- und Deckbretter je 1,5mm Überstand haben, um den Lack der Wände im späteren „Betrieb“ etwas zu schützen. Der Korpus ist mittlerweile grundiert.

Jetzt kommt die Oberflächenbearbeitung bzw. der Lackaufbau. Etwas, was ich nicht mehr so machen würde: Die Eichenbretter werden in mehreren Läufen mit steigender Körnung geschliffen, und vom Staub befreit. Nach dem letzten Schliffe mit 400er Körnung wird das Holz angefeuchtet, damit sich die angedrückten Fasern wieder aufstellen und nochmal nachgeschliffen werden können. Das rauh aussehende Kernholz ist jetzt glatt wie ein Kinderpopo. Und nach dem Ölen wird es noch glatter und wilder in der Maserung. Das kommt aber erst ganz zum Schluss.

Beim Lack der Wände versuche ich erstmal Grundierung und harzbasierten Sprühlack auf einem Teststück. Auch wenn das MDF glatt wirkt, entsteht keine spiegelglatte Oberfläche. Das lässt mein Perfektionistenherz nicht zu. Also in die Vollen: Ich lackiere Grundierung, Füller mit Zwischenschliffen, danach Decklack und schließlich Klarlack. Der Schichtaufbau ist analog einer Autolackierung und genau diese Lacke kommen auch zum Einsatz – jeweils Acryllacke. Und nachdem meine Werkstatt noch nicht mit einer Lackierausrüstung beglückt ist, alles mit Sprühdosen (insgesamt 11 Dosen a 400ml). Ein nennenswerter Gewichtsanteil der Boxen lässt sich also auf Lack zurückführen. Und wenn noch FCKW drin wären, wäre auch das Ozonloch ein Stück größer geworden.

Wirklich zufrieden bin ich mit dem Ergebnis auch nicht. In der glatten Oberfläche sieht man halt doch kleine Fehlstellen deutlicher – an dem Setup muss ich für spätere Möbel noch arbeiten.

Jetzt kommt die Hochzeit: die Wände und die Bodenbretter werden mit Lamellos verleimt und gespannt. Jetzt ein Fehler und ich muss lange weinen. Daher teste ich vorher intensiv und tatsächlich: Beim Lamellofräsen war bei einer Platte die Tiefeneinstellung verrutscht. Vor dem Leimen wird die 45°-Fase der Schattenfuge noch beidseitig abgeklebt. Austretenden Leim bekommt man da nicht mehr raus ohne die Oberflächen zu beschädigen.

Jetzt kommt der Innenausbau: Ich lese nochmal bei Udo zu Details im Magazin und finde auf der Seite mit der Dämmung die Ringversteifungen. Ja, die habe ich nicht vorgesehen, brauche ich die? Egal, gerade ist Ostern, Corona-shut-down und ich habe Zeit, Lust zu bauen und auch noch ein Paar passende Leisten. Die kommen rein – natürlich nicht nur geklebt, sondern auch gedübelt. Auch die Weiche bekommt einen Lagerbock mit Verschraubung mit Edelstahlschrauben und sichernden Muttern. Mit Heißleim rein-baaazen – das bekäme ich nicht übers Herz. … und sollte mal jemand in die Box schauen, dann sieht´s innen auch recht nett aus.

Die Naturhölzer habe Risse und auch die Durchgangslöcher für die spätere Wandhalterung stellen Leckagen dar. Ob es wirklich nötig ist weiß ich nicht, aber ich dichte die Risse mit einer dünnen MDF-Platte ab und die Durchgangslöcher bekommen einen kleinen Holzklotz mit Sackloch als Abdichtung, als einzige Teile in der Box ohne Dübel – hoffentlich halten die. Dann kommen der Einbau der Weiche und die „Auspolsterung“.

Deckel drauf, nochmal nachschleifen und Ölen von Boden und Deckel und der Rohbau ist auch schön fertig – wie fix das geht. Wer es eilig hat und kein Perfektionist ist, hat´s eindeutig einfacher im Leben – zumindest geht vieles schneller. Alleine das Ölen in 3 Schichten, Aushärten und Zwischenglätten dauert fast eine Woche, ist aber super motivierend, weil die Maserung des Holzes und die Glätte der Schicht stündlich intensiver wird und jetzt erst die Lebendigkeit des Vollholzes wirklich sichtbar wird. Ich muss immer wieder in die Werkstatt und das Holz streicheln. Ob das mit Corona und dem shut-down zu tun hat? In einem Interview mit einem Psychologen habe ich gehört, dass mit Möbeln reden, ihnen Namen geben noch nicht gefährlich ist. Erst wenn sie antworten, sollte man sich um Hilfe kümmern.

Der Einbau der Lautsprecher geht dann aber echt fix und ich bekomme Herzklopfen. Ob da auch Ton rauskommt? Der erste Testlauf und es ist kaum zu glauben – der Klang ist echt gut – trotzdem die Quelle nur das Handy ist. Noch höre ich Mono mit jeweils nur einer angeschlossenen Box als Test.

Gemeinsam durften sich Corinna und Cortana noch kurz auf dem Sofa ausruhen. Bevor es in der Werkstatt ans Finish ging.

So, jetzt bloß nix fallen lassen – die Boxen sind sau schwer, keine Wand ist unter 21mm stark und die müssen in 3m Höhe an die Wände der Werkstatt. Immerhin ist es eine Werkstatt, da habe ich am Boden keinen Platz dafür. Wer es bis hierhin geschafft hat zu lesen, wundert sich jetzt nicht mehr, dass auch die Wandhalterungen mit Radien und Rundfräsungen, Klebenuten und Sperrholzmassivbau nochmal 2 volle Tage brauchen.

Fertig
Und dann ist alles an der Wand und die Kabel liegen in den Kabelkanälen versteckt und jetzt geht’s Stereo weiter und ich bin von den Socken!! Ab sofort lade ich meine Nachbarn zum Musikhören in meine Werkstatt ein – mit Corinna und Cortana, Coronas hübschen, wohlklingenden Töchtern. Gut, dass ich nicht die Mona genommen habe.

Vielen Dank an Udo für den tollen Sound und die Hilfen zwischendurch – nach 22 Uhr und mit ca. 3 Minuten Reaktionszeit.

RW (Holzwurm-BY)

Zum SB 36 Center im Online-Shop

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Moin Roland. Das mit.dem.Perfektionismus kenne ich. Er endet bei mir allerdings meist schon kurz nach der Planungsphase. Deine Lautsprecher würden sich auch in jedem Wohnzimmer sehr gut machen. Von der Optik her gefällt mir besonders der kleine umlaufende Überstand der Seiten.
Ich wünsche Dir und den Nachbarn noch viel Spaß beim Hören. Und vergess nicht, die Lautsprecher ab und zu auch mal von Nahem zu betrachten.
Gruß Martin

Hallo Roland, sehr schöner Overkill für die Werkstatt.

SB36 in der Werkstatt, die auch als einziger Raum im Haus mir allein “gehörte”, hatte ich auch schon. Jedoch nicht in sicherer Höhe an der Wand.
Und auch nicht so eine schöne Werkstatt.

, so ein “dünnes Innengehäuse” hat es mir schon mal “zerlegt”.

Notfalls muss Roland halt neue Risse abdichten.

Wenn das Holz schön getrocknet war, passiert vielleicht halt auch nix mehr. Bei meinem Eichenbohlenküchentisch (ca. 5cm dicke) sind in 12 Jahren die Risse nicht größer geworden.
Ausserdem verriegeln neben den quer eingesetzten Lamellos die Ringversteifungen auch noch die Eiche.

Frage in die Runde:

Wie merkt denn der Roland wenn ungewollte Undichtigkeiten durch Risse entstanden sind?

Also ich vermute der Bass würde leiser werden und die Membranauslenkung größer.

Servus Peter

Hallo Holzwurm Roland!

Sehr schönes Projekt!
Um die Box dicht zu bekommen, hätte ich von Anfang an eine Box aus MDF gebaut (Seitenwände hätten dünn sein können, da sie ja durch die Eichenbretter stabilisiert worden wären), aber die Box wäre auf jeden Fall dicht gewesen.
Ich baue auch gerade einen großen Korpus und bereue es, nicht mit Verbindungselementen gearbeitet zu haben. Deswegen meine Frage: mit welchem Apparat machst du die Schlitze für die Lamellos bzw. kannst du etwas empfehlen?
Zweite Frage: welche Technik verwendest du, um die Größe des Lautsprechers exakt auf die Oberfräse/ Fräszirkel zu bekommen? Ich messe dreimal den Lausprecher, zeichne genau an und nach dem Fräsen stimmts doch nicht hundertprozentig. Also habe ich beim letzten Lautsprecher fünf Probefräsungen gemacht bis ich zufrieden war. Geht das einfacher?
Zum Thema Lackieren: Ärgere Dich nicht, du bist nicht der Einzige der damit Probleme hat, besonders wenn man den Anspruch hat, dass es Schön sein soll… Ich bin auf jeden Fall durch mit diesem Thema… wenn ich sowas brauch wird das Teil bearbeitet und dann bringe ich es zum Autolackierer. Mit der Absauganlage geht das in der Lackierkabine in 10 Minuten und das Ergebnis ist wunderbar und ich murkse drei Tage rum und am Ende ist es immer noch nicht perfekt. Das Thema ist nur, ich möchte eigentlich soviel wie möglich selber machen:-)

Viel Spass mit den Lautsprechen und frohes Schaffen bei guter Musik!
MfG Mirko

Du sprichst mir aus der Seele! Der Weg ist das Ziel ist auch mein Motto.
Da gibt es eigentlich nichts was zu aufwändig wäre. Und deine Boxen spiegeln genau das wieder! Sehr fein!

Da ich ebenfalls Hobbyschreiner bin, wäre ich auch sehr an Bildern deiner Möbel interessiert. Aber das ist hier natürlich das falsche Forum. Die sind sicher auch sehr gut!

VG Alex

Overkill vom Feinsten! Glückwunsch zu dieser tollen Werkstatt-Beschallung. Die Liebe zum Detail können hier bestimmt viele nachempfinden.
Danke für den Bericht!

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