Ceram 85 – neuer Tag, neue Box

Wie schnell doch so ein Tag vergeht! Während er früher meist 24 Stunden dauerte, ist er diesmal schon nach drei Wochen an sein Ende gekommen. Und wie versprochen, habe ich ihn genutzt, um die Ceram 85 für die Vorstellung hier im Magazin fertigzustellen. Die morgentliche Gymnastik habe ich mir natürlich nicht erspart, doch davon musst du nun nicht eine halbe Stunde lang lesen. Auch den weiteren, alltäglichen Tagesablauf schildere ich diesmal nicht aufs Neue. So gesehen ist nichts anders gelaufen als gestern, ich musste mir nur keine Gedanken mehr um einen neuen Bauvorschlag machen.

So weit die durchgeplante Theorie. Es ist jedoch immer gut, wenn man weiß, mit wem man es in der Praxis zu tun hat. Also schraubte ich Bass und Mitteltöner auf meine Messwand, von wo sie die üblichen Signale auf das Mikrophon übertrugen.

SB23CACS-8

Features:

Weiche Gummisicke mit geringer Dämpfung für verbessertes Einschwingverhalten
Geometrisch verstärkte Keramikmembran für verbesserte Auflösungskontrolle
Kurzschlussring im Motorsystem für geringere Verzerrungen
Belüfteter Polschuh für reduzierte Kompression
Belüftetes Aluminiumguss-Chassis füroptimale Festigkeit und geringe Kompression
Flache Bauweise
Nichtleitender Glasfaser-Schwingspulenträger für minimale Dämpfung
CCAW-Schwingspule für reduzierte bewegte Masse
Langlebige Silberdrähte

SB15CAC-8


Features:

Belüftetes Aluminiumguss-Chassis für optimale Festigkeit und geringe Kompression
Geometrisch verstärkter Keramikkonus für optimalen Kolbenbetrieb und reduziertes Aufbrechen.
Weiche Gummisicke mit geringer Dämpfung für verbessertes Einschwingverhalten
Nichtleitender Glasfaser-Schwingspulenträger für minimale Dämpfung
Verlängerte Kupferhülse am Polschuh für niedrige Induktivität und geringe Verzerrung
CCAW-Schwingspule für reduzierte bewegte Masse
Langlebige Silberdrähte
Belüfteter Polschuh für reduzierte Kompression

Nach der Planungsphase war der weitere Weg eher einfach. Bauzeichnung und Freecad-Datei lagen schon parat.

Die zugeschnittenen Bretter, die noch vom Vortag auf einem Haufen lagen,  wollten zuerst einmal zu einem funktionsfähigen Verhau mit bereits gefrästem Lüftungsloch verklebt werden.

Also runter damit vom Werktisch, nur die Schutzfolie durfte liegen bleiben. Der Einfachheit halber legte ich drei Spanngurte auf meinen Arbeitstisch. Eine Multiplex-Platte, die später als Seite dient, hinderte die Riemen am Verrutschen.

Weiter geht es Brett für Brett. Zügiges Kleben ist angesagt, damit der Leim nicht trocken ist, bevor die Gurte gestrafft werden.

Nach einer Stunde Ruhezeit für Handwerk und Handwerker geht es in den Keller, wo die Kanten bündig gefräst und der Leim gründlich (!) weggeschliffen wird. Späteres Ölen , auf das ich aus Zeitgründen verzichtet habe, dankt die Mühe.

Zurück in der Klebefräsfotomesswerkstatt wurden die Boxen für die Weichenbastelei vorbereitet. Die Biwiring-Terminals bekamen ein weiteres Polklemmenpaar eingepflanzt, wurden mit Kabeln belötet und auf die Rückwand geschraubt. Die Kabel schauen aus den zuständigen Löchern heraus und die tolle Maserung hätte sich fraglos über Öl gefreut.

Von einer 60 x 160 cm großen Dämmstoffmatte schnitt ich 20 x 60 cm ab, die ich halbiert in die MT-Kammer schob. Ein weiteres Stück mit 25 x 60 wanderte unter den Ausschnitt für das Reflexrohr.  Der Rest wurde mehr oder weniger gleichmäßig in der Basskammer oberhalb der Reflexrohres verteilt.

Zum Schluss wurden die Chassis angelötet. Die roten Kabel verband ich mit den Pluspolen (großes Fähnchen), die schwarzen mit den Minuspolen.

Nach dem Vorbohren wurden die Chassis umgedreht und festgeschraubt.  Nun konnte die Box sich auf ihrem Liegeplatz aufrichten und so wurde die bequeme Bank zum Messständer.  Mikrophon in Position gebracht und schon ging es mit der Weiche los.

Die Vorgaben der Ceram 34 beachtend versuchte ich mich an einem Filter mit 18 dB Flankensteilheit für MT und HT. Ich scheiterte kläglich, weil sich in keiner Konstellation eine zufriedenstellende Addition der Zweige ergab. Muss ich das hier wirklich so eng sehen? Die gemeinsame Weichentopologie erleichtert das Zusammenspiel im Heimkino, weil so alle Bauvorschläge nach Gusto kombiniert werden können. Wer ein wirklich vollendetes Heimkino gestalten will, nutzt dafür jedoch keine Dreiwege-Box in der Front. Zwei 15er oder 17er im geschlossenen Kasten, unten durch einen eh zwingend notwendigen Subwoofer ergänzt, sind dafür die bessere Wahl. Will man als Mehrmusikhörer dennoch die 85 vorn hinstellen, wird man kaum die Rear und Center mit den 17ern bestücken. Hier ist es konsequent, die schon vorhandenen Mitteltöner als Ergänzer zu wählen, die dann selbstverständlich den gleichen Vorgaben folgen.

Befreit von allen selbst auferlegten Zwänge ging die Entwicklung schnell von der Hand. An allen Trennstellen finden wir nun Filter 2. Ordnung und den Pegel regeln Vorwiderstände. Somit bleiben wir bei der mir nachgesagten Schlichtheit des Netzwerks: So viele Bauteile wie nötig, aber nicht mehr.

Nun kann man mir vorwerfen, den HT-Peak um 5 kHz nicht beachtet zu haben. Doch, ich hatte ihn geglättet, die drei Bauteile aber wieder rausgenommen. Um es vorweg zu sagen, es klang mir beim ersten Hörtest zu matt und langweilig. Also durfte bleiben, was dem Ohr gefällt und manch Auge beleidigt.

Nun noch Rollen drunter geschraubt und die Boxen können in den Hörraum fahren.

An meinen FA 251-Monoblöcken sollten die Ceram 85 beweisen, dass sie zu Recht auf die Welt losgelassen werden. Kurz nachgedacht, was denn eine passende Einstiegsmusik für das Zielpublikum sein könnte. Pet Shop Boys: „Always on my mind“ sollte es sein. Doch was ist das? Ein Dudel, Dudel macht die Begleitung eines gelangweilten Sänger, der völlig emotionslos seinen Text abspult. „Ich bind mir gerade meine Schuhe zu“ hätte er uns in gleicher Art mitteilen können. Es hätte uns ebenso wenig interessiert. Können meine Lautsprecher tatsächlich nur derart undynamisch daher spielen, dass man augenblicklich die belanglose Lala abbrechen muss?

Ursachenforschung ist angesagt. Nein, alles richtig verkabelt, alle Chassis geben Töne von sich, Impedanz und Frequenzgang nachgemessen, alles ok. Doch so darf ein Lautsprecher nicht klingen!

Suche nach dem Original, Elvis‘ Liebeserklärung an seine Pricilla gefunden und gestartet. Schon die ersten Töne trieften vom schönen Schmelz in der Stimme, den man zu Recht von solch einem Lied erwarten darf. Man sieht Elvis auch ohne Bilder vor dem Mädel auf dem Boden knien, einen großen Blumenstrauß in der Hand. Oh Mann, er wusste, wie er positive Wirkung erzielt! Begleitet (!) wird der Vortrag von Musikern, für die nicht nur ein ständig wiederholter Akkord in das Notenblatt geschrieben wurde.  Und so tönt es aus den Boxen, lädt dazu ein, auch das nächste und nächste und nächste Lied zu hören.  Doch dann ruft wieder die Arbeit, die an dieser Stelle noch nicht aktiv beendet ist.

Und das ist mein Stichwort: aktiv. Weiche abgestöpselt und FA 123 mit den drei Polklemmen versteckert, das war noch einfach. Bei der Beschaltung hielt ich mich an die passiven Vorgaben, die per DSP ähnlich realisiert wurden. Ein paar Verfeinerungen, die nur der Aktivbetrieb ermöglicht, habe ich natürlich auch eingebracht. So ist der Verlauf in den Diagrammen etwas „gefälliger“.  Wie bei allen Lautsprechern abseits von Breitbändern empfehle ich die Aufstellung parallel zu den Seitenwänden und nicht auf den Zuhörer eingewinkelt.

Drei Presets sind bei Auslieferung der Module aufgeladen. Das erste ist linear abgestimmt, im zweiten wird der Hochton leicht fallend gestaltet, im dritten der Bass um 3 dB angehoben. So kann der Klang an den eigenen Geschmack oder die Anforderungen der Aufnahme angepasst werden. Weitere Beeinflussungen sind per EQ möglich. Hierbei sollte man aber wissen, was man tut. Sorgloses „Ich mach dann mal …“ kann nicht nur zu vermurkster Wiedergabe führen.

Zurück im Hörraum waren weiterhin Cover-Versionen das Testmaterial. Und auch die aktive Ceram 85 musste sich anfangs für die Darbietung schämen. Madonna sang „American Pie“, Wikipedia schreibt zum Original: „Es erzählt in achteinhalb Minuten die Geschichte des Rock ’n’ Roll von 1959 bis 1969 und ist gespickt mit Anspielungen auf die Stars und Songs jener Dekade. Inspiriert wurde McLean durch den Tod von Buddy Holly, Ritchie Valens und The Big Bopper, die am 3. Februar 1959 bei einem Flugzeugabsturz starben („The Day the Music Died“)“. Das hätte die Sängerin besser lesen sollen, bevor sie ihre Hampelei vor der Kamera startete. Unvergleichlich besser gelang es Don McLean selbst fast 30 Jahre nach Erscheinen des Songs, seine mitreißende Geschichte zu erzählen, die uns am Ende nachdenklich zurücklässt.  Ist es nicht das, was wir von unseren Lautsprechern mit Recht erwarten dürfen? Für belangloses Aneinanderreihen von Tonfolgen haben wir sie nicht selbst gebaut. Und wenn das Kriterium: „Ist gnadenlos gegenüber schlechten Aufnahmen“ den Ausschluss bedeutet, sollte man die Ceram 85 von der Wunschliste streichen. Weit wichtiger ist für mich, dass sie wiedergibt, was ihr angeboten wird – nicht mehr und nicht weniger. Warum soll ich auch auf Inhalt verzichten, den der Tonmeister extra für mich aufgemischt hat?

Und damit es nicht nur Schelte gibt, zum guten Schluss hier noch ein Original und ein wirklich gelungenes Cover, dass nach zwei Minuten Vorrede unter die Haut geht.

Udo Wohlgemuth

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16 Comments
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Werte Gemeinde,

mit der Ceram 85 hat Udo für meinen Geschmack einen wirklich großartigen Lautsprecher geschaffen. Völlig unbekümmert gibt er alle von mir zur Verfügung gestellte Kost (Dire Straits, Clannad, London Grammar, Patricia Barber, Till Brönner) wieder und weiß durch seine Ausgewogenheit zu gefallen. Mir kommt vor allem der Bassbereich entgegen, der durchaus wohlig zu grummeln vermag, ohne dabei all seine Präzision einzubüßen. Die Mitten sind schön differenziert und die Hartmembran nervt zu keinem Zeitpunkt. Für mein geschädigtes Ohr dürfte sie sogar noch nen Tacken präsenter sein, was aber wohl durch eine kleine Pegelanpassung des Hochtöners zu lösen sein sollte. Ich statte mittlerweile meine Lautsprecher immer mit einer entsprechenden Anpassung aus, die meinen Kindern aber auch schon mal zu viel des Guten ist.
Ich mag auch die Optik und denke, dass hier eine hübsche und hochwertige Ergänzung des Angebots von Udo erfolgt ist.

Also Udo, weiter so und nächstes mal dann das ganze als 285 😉

Grüße von
Andre

Seufz, 80er Sound, damit sind die letzten Ausläufer der „Boomer“ aufgewachsen. Schulterpolster, buntes Neonlicht, weiße Lautsprecher – irgendwie kommt alles wieder.
Ach ja, die Tierhandel Jungs konnten auch Mal anders Klingen: https://www.youtube.com/watch?v=DnvFOaBoieE – es war allerdings deutlich später. Tja, jede Generation hat ihren eigenen und sogar persönlichen Soundtrack des Lebens. (Ich glaube, darüber hatte ich sogar irgendwann in der Vergangenheit paar Worte verfasst).

Last edited 24 Tage her by Rincewind

Moin Udo,
ist die Vorstellung des SB23CACS-8 mit Absicht doppelt im Text oder wurde die einfach doppelt reinkopiert?

Ach ja, jetzt seh ich es. Die Absätze glichen sich so… Sollte aufmerksamer lesen.

Guten Morgen Udo,

ich interessiere mich für die Ceram, da ich schon fertige Gehäuse mit den „normalen“ SB-Chassis habe.
Kannst du bitte die Ceram 85 im Online-Shop einstellen?

Vielen Dank

Peter

Moin Udo,

Wie schnell doch so ein Tag vergeht! Während er früher meist 24 Stunden dauerte, ist er diesmal schon nach drei Wochen an sein Ende gekommen. Und wie versprochen, habe ich ihn genutzt, um die Ceram 85 für die Vorstellung hier im Magazin fertigzustellen.

Dein großes Glück ist, Dein eigener Chef zu sein. Niemand treibt Dich, irgend etwas Halbgares auf die Menschheit loszulassen, weil eine Rechnung geschrieben werden muss o.ä.

Du nimmst Dir die Zeit, die Du brauchst, um zufrieden mit Deiner Arbeit zu sein. Wenn das überall so wäre, dann wäre „Made in Germany“ auch wieder mehr wert.

Ich muss bei Zeiten mal vorbei schauen, jetzt hab ich ja nicht nur die GrandLady noch nicht gehört, sondern auch diese wachsende Familie keramischer Lautsprecher, wo ich neugierig bin, wie so ein Chassis wohl klingt, das größer ist als die kleinen MT aus der Little Princess.
Keramische HT und MT habe ich ja schon gehört. Sie sind etwas vorwitzig, aber nicht unangenehm. Ich mochte die LittlePrincess wegen dieser Vorzüge und bin daher gespannt, wie Du die Ceram abgestimmt hast, denn die Klangbeschreibung lässt vermuten, dass man ihr ähnlich der LittlePrincess alles vorsetzen kann, die Gans aber nur goldene Eier legt, wenn man ihr was besseres als in Margarine untergehobene Kieselsteinchen vorsetzt.

Gruß,
-Sparky

Moin Udo,
Da ist sie ja, wird schon alles passen, allerdings war die Beschreibung des Klangs wohl noch nie so knapp 🤔

Mit fällt es schwer, sie irgendwo einzuordnen.
Liegt der Schmelz am Original oder hier besonders präsent?

Scheint schlechte Aufnahmen weniger zu verzeihen als die SB85

Lädt ein zum weiter hören

Mehr konnte ich nicht finden.

Und wer ist die Zielgruppe, scheinbar Pop Musik?
Weiß nicht wieviel petshopboys und Madonna noch gehört wird, wofür sonst ist die prädestiniert?

Lass uns noch etwas mehr wissen, wie verhält sich die Keramik?
Mehr für rockiges? Sanfte Blues Töne?

Man kann die Kerle ja nicht nur nach der schönen Farbe kaufen 😉

Besten Gruß
Matthias

Moin Udo,
Oh Mist, dann bin ich jetzt auch Ü60 😅

Spannender ist noch die Frage, inwiefern sie in Richtung Princess gehen und gewohnt keramisch spielen oder doch was ganz anderes sind….
Na dann legt euch Mal ins Zeug in Nordhausen
Matthias

Hi Udo,

U50 kennt kein Mensch mehr die Mainstream-Helden aus den 80ern, wir werden alle älter 😃. Der Sound in den 80ern war halt so Sch… und unterscheidet sich diesbezüglich kaum von dem, was heute aus dem Radio kommt. Die besagten Boys können heute auch punchigen Elektroschlager und sind damit schon fast wieder nicer als der aktuelle Radiobrei:

https://m.youtube.com/watch?v=RYCasPsB9es

Klingt bestimmt auch auf der Ceram85. Musik muss ja nicht immer unter die Haut gehen, das wirft dort irgendwann Blasen 😉

Ach ja, Keramik finde ich (Ü50) gut. Wenn‘s dann bald die Ceram30ACL gibt, muss ich nur noch jemanden finden, dem ich die bauen darf. Meine Bude ist leider schon voll von ADW-Sound und zwei Projekte sind noch nicht mal fertig.

Beste Grüße, Martin F

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