A day in my life oder im Westen eigentlich nichts Neues

Ich mach kein Geheimnis daraus, dass ich ein Langschläfer bin. Obwohl, so ganz stimmt es doch nicht. Ich schlaf nicht länger als fast jeder andere, nur die Tageszeiten sind bei mir verschoben. Wenn ich also um 9.15 Uhr meinen Wecker abgewürgt habe, starte ich meinen Tag mit ein paar gymnastischen Übungen zugunsten meines Rückens, was mir seit ein paar Jahren wichtiger ist als die Bequemlichkeit des Nichtstuns. Badezimmer, Frühstück, dabei nachdenken, was ich mir gestern für den Tag vorgenommen habe. Die nächsten 10 Minuten will ich nicht weiter beschreiben, danach geh in runter in den Laden. Mails beantworten, durch diverse Foren zappen, dabei auf den Postmann warten. Danach sind die Routinen abgeschlossen und der Arbeitstag kann beginnen.

Heute habe ich entschieden, mit der Planung eines neuen Bausatzes zu beginnen. Er soll die Ceram-Reihe fortsetzen und zu den Räumlichkeiten in Nordhausen passen.  Als Kriterium reicht das allein noch nicht aus, um Stand- oder Kompaktbox den Vorzug zu geben. Daher weiter überlegt. Vorgestellt wurden bereits der SB 17 CAC-8 und der Ceram eigene Hochtöner SB 26 CDC-4. Auf die baldige Präsentation freuen sich der SB 15 CAC-8 und der SB 23 CACS-8, die meine Keramik-Reihe komplettieren. Und so machen wir es: Ceram 85.

Enttäuschen muss ich jetzt alle Leser, die in diesem Bericht die Vorstellung des Bausatzes erwarten. Soweit bin ich noch lange nicht, erst muss geplant werden. Wer einen Lautsprecher bauen will, braucht Vorgaben, die er am besten einem Bauplan entnimmt. Weil es den noch nicht gibt, muss er Schritt für Schritt  erfunden werden.

Also starte ich LspCAD und rufe die schon vor einiger Zeit gemessenen Parameter des Basses in der entsprechende Maske auf.


Damit gefüttert wirft die Software einen Vorschlag raus, den ich mir genauer betrachte.

Naja, sieht ganz gut aus. Doch fast 70 Liter sind mir etwas zu viel für den 20er Bass.  Volumen verkleinert und Reflexabstimmung angepasst, so gefällt es mir besser.

Der Mitteltöner braucht eine eigene Kammer, die ihn vom Bass abkapselt. Groß muss die nicht sein, der 15er soll in der Tiefe genug Platz haben. Einfach zu bauen ist die Kapsel als „L“, das den Hochtöner einschließt und die Breite der Box einnimmt. Grob 6 Liter sind ok und damit steht das Volumen fest: 60 Liter (Bass) + 6 Liter MT, sowie ein paar „Reserve-Liter“ für die Einbauten.  Noch mal schnell die Mails gecheckt, Foren besucht, es ist 13.30 Uhr – Zeit für das Mittagessen. Heute habe ich Glück, meine Frau ist schon zu Hause und hat gekocht. Tischabräumen und Abwaschen sind jedoch meine Aufgaben in der arbeitsteiligen Kleinfamilie.

Wo geht es weiter? Ach ja, Freecad öffnen und die Datei „Standbox Dreiweg Rohr seitlich eingesetzt“ laden. Warum gerade diese Datei? Ganz einfach: Als Grund-Design für die Cerams hatte ich mir Multiplex-Seiten und dazwischen schwarzes MDF ausgesucht, oben auf Gehrung geschnitten. Die Original-Datei entspricht jedoch nicht meinen Vorgaben.

Also ummodeln, Deckel auf Gehrung, schwarz in die Mitte.

Wie war das noch? Grob 70 Liter, 28 cm breit, damit der Bass auf die seitlich eingesetzte Front passt und noch ein paar mm „Fleisch“ stehen bleiben. Als Höhe trage ich 1040 ein, so sitzt der Hochtöner ungefähr in Ohrhöhe. Für die MHT-Kammer brauche ich 5,5 Liter.

Automatisch wird die Zuschnittsliste erstellt.

Etwas mehr Zeit verschlingt die Bemaßung, die nach jeder Änderung händisch nachgearbeitet werden muss. Zusätzlich lasse ich eine Front malen, die als dxf exportiert wird.

Alles klar soweit, bastel ich mal an der Zuschnittsliste. Die Maße für die Multiplex-Seiten sind 33 x 104 cm, die säge ich mir aus meinen 150 x 75 cm-Platten. In CutMicro habe ich mein schwarzes MDF mit 139 x 68,5 cm eingetragen, es stehen noch 6 Platten im Lager.  Dank Freecad-Holzliste stehen die Maße fest, also ab damit in die Tabelle, Haken bei „drehbar“ nicht vergessen.

Nach Klick auf das kleine Dreieck in der Befehlsleiste legt mir die Software die „Bretter“ unten auf einen großen Haufen.

Mit Klick auf „Start“ werden die Platten mit möglichst wenig Verschnitt „zerteilt“.

Um die Reste von Platte 1 und 2 nicht zu zerstückeln, schiebe ich die Versteifungen auf Platte 3.

Was du schwarz auf weiß besitzt, kannst du getrost in den Keller tragen. Also lasse ich mir die Blätter vom Programm ausdrucken.

17 Uhr, Zeit für das tägliche Obsttellerchen. Danach geht es in den Keller, wo die Säge auf ihren Einsatz wartet.

Eine Säge ist nur so gut wie ihr Schiebeschlitten und ihre Tischerweiterungen. Dafür habe ich mir bei der Einrichtung genügend Zeit genommen, danach war alles wirklich justiert. Mit unverändertem Parallelanschlag werden zuerst alle Innenbreiten gesägt und im nächsten Schritt abgelängt.

Es folgen die Gehrungen an Front, Rückwand und Deckel.

20 Uhr: pünktlich wie immer schellt das Telefon. Abendessen, danach werden die Fräsungen vorbereitet. Die oben erwähnte dxf-Datei wird in Cut2D geöffnet und hat darin das falsche Format. Damit die Zeichnung in Freecad auf ein DinA4-Blatt passt, musste sie halt um Faktor 4 verkleinert werden. Das wird in Cut2D im 2. Schritt links rückgängig gemacht.

 

Die Koordinaten des Nullpunkt sollen für die Übertragung auf die CNC-Fräse auf „0“ stehen und die Front deren Tischmaßen gemäß um 90 Grad gedreht werden. Ebenfalls eingetragen wird die Plattendicke.

Weiter geht es rechts mit den Fräsbahnen, die auch farbig und in 3D auf dem Bildschirm erscheinen.

 

Daten an den Werkstatt-Rechner geschickt, nun hat auch die Fräse keine Fragen mehr.

Einspannen, der Fräse erklären, in welcher Höhe sich die Oberseite der Front befindet und starten. Nach dem Klick auf Start gibt es keine Halten mehr, bis die letzte Vertiefung gefräst ist.

Arbeit beendet, hier ist schon mal das erste Bild für den Baubericht. Ich glaub, man nennt das neudeutsch Teaser.

Fast 22 Uhr. Schau ich noch ein wenig, wem ich noch nicht auf seine Mail geantwortet habe, welche lustigen Fragen in diversen Foren erörtert wurden und was für morgen ansteht. Gegen 23.30 Uhr verlass ich meine drei bis fünf Arbeitsplätze und schalte vom Tagesgeschehen ab, indem ich 32 Fernseh-Kanäle durchschalte, selten länger als 10 Sekunden auf einem davon verweilend.  Zwei Flaschen Bier und an deren Ende eine Zigarrette lassen die Augenlider schwer werden, gegen 1.30 Uhr liege ich im Bett. Und wenn es euch gefallen hat, wie mein Tag verlief, erzähl ich euch am nächsten Sonntag gern, was morgen geschah.

Udo Wohlgemuth

Zur Ceram 85 im Online-Shop (ach nein, die will ja erst noch erfunden werden)

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10 Comments
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Guten Abend Udo,

Du hättest den sonntäglichen Bericht auch „Aus dem Tagebuch eines Lautsprecherentwicklers“ nennen können…
Nett zu lesen, was Du so treibst den ganzen Tag.

17 Uhr, Zeit für das tägliche Obsttellerchen.

An apple a day keeps the doctor away.
Und das obligatorische Feierabendbier ist auch verdient.
Wer hier böse Worte zu über hat, versteht die ruhrdeutsche Lebensweise nicht.

Bin mal gespannt, was dieses Treiben für Früchte trägt 🙂
Und wie die Keramik-Serie so ankommt. Kenne ja nur die Keronite-Chassis aus der LP und den entsprechenden Hochtöner

Gruß,
-Sparky

Hallo Udo,
sehr interessant! Ich wusste gar nicht, dass es noch anderen Foren gibt 😉
Aber was mich als langjährigen Leser und Selbstbauer immer wieder verwirrt, ist die Systematik der Bausatznummern. Zum Beispiel, warum heißt eine Box mit zwei 17ern „…34“ (= 2 * 17) und dann eine andere in derselben Serie mit nem 20er und nem 13er „…85“ ? Aber egal, sie könnten auch „Karl“ und „Rudi“ heißen, wenn der Klang uns verzaubert.

Hallo Udo,

Erich Maria Remarque wäre bestimmt stolz, seinen Buchtitel im Zusammenhang mit einer Lautsprechervorstellung zu sehen. Dein Bericht hat auf alle Fälle einen freudigeren Hintergrund als das Buch. Vor allem gibt es bei Dir eine Fortsetzung, die sehr vielversprechend ist. Ich lass mich weiter von Deiner Feder und Deinen Kreationen überraschen

Grüsse aus dem Auenland
Yoga

Moin Udo
Spannender Tagesablauf sehr interessant, entlich sieht man mal wie und wo alles entsteht, Deine Kellerwerkstatt ist cool. Der neue Bausatz gefällt mir auch sehr gut.

Gruß Jörg

Du alter Fuchs!!

Du solltest der Ceram 85 den Beinamen „Cliffhanger“ geben.

Servus

Peter

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