Hennings SB 85 BR

Ich möchte Euch von meiner Leidenschaft zur SB 85 BR berichten. Der Weg dorthin war nicht direkt. Es gab Umwege. Und im Endeffekt waren es viele Kleinigkeiten, die den Lautsprecher zu dem gemacht haben, wie ich ihn liebe.

Eigentlich hatte ich ganz hervorragende Lautsprecher im Wohnzimmer stehen. Aber irgendwie waren sie nicht zu 100% das Richtige für meine Holzohren. Vermutlich war auch die Qualität der verwendeten Aufnahmen nicht optimal. Aber ich liebe meine „Gitarren-Schrammelmusik“: Elektrische Gitarren mit Keyboard, Synthesizer und Schlagzeug, halt Songs aus den 70er und 80ern. Vielleicht sind es auch meine alten Ohren, die einfach nicht mehr alles hören können. Keine Ahnung. Bloß um ein optimaltes Sounderlebnis zu haben, wollte ich meinen Musikgeschmack jedenfalls nicht ändern. Also habe ich die Lautsprecher verkauft und war jetzt auf der Suche nach was Neuem. Selbstgebaut natürlich.

Das ist auch nicht mein erster Selbstbau. Gefühlt bin ich schon seit 30 Jahren auf der Suche nach dem ultimativen Wohnzimmer-Sound. Nee, das ist eigentlich falsch gesagt. Ich liebe es einfach, Lautsprecher zu bauen, ich bin voll infiziert. Es ist immer wieder aufregend festzustellen, mit welchen Kleinigkeiten man etwas verändern kann.

Welcher Bausatz sollte es nun werden? Die U_Do 74 hat für mich sehr gute Kritiken. Ich kenne die U_Do 41 ACL, wirklich ein Preisknaller. Die 74 wäre bestimmt noch eine Steigerung. Im Hochton geht aber noch mehr, das weiß ich. Vielleicht die Linie 44? Die habe ich schon mal in Nordhausen gehört. Die wäre super. Aber irgendwie zu groß. Und auch zu kostspielig. Die Chorus 85 ist auch ein sehr feiner Bausatz. Udo hatte sie mir mal in Bochum vorgeführt. Irgendwie wäre es aber auch nur eine Zwischenlösung für mich. Für meinen Geschmack trifft sie es auch nicht ganz genau. Ach, was bin ich aber auch schwierig! Was ist denn mit der SB 85 BR? Zuhause am PC habe ich die BlueSBox 15 PC.

Der SB-Sound gefällt mir sehr gut. Die SB 36 und den SB 36 Center habe ich auch schon hören können, die gehen für mich in die richtige Richtung. Die SB 85 BR würde wegen dem größeren Bass vermutlich tiefer kommen und mehr Bums haben. Wenn ich ein bischen mit der Aufstellung und der Füllung experimentiere, wird sie bestimmt meinen Holzohren gerecht. Nach Prüfung diverser Bauberichte und Diagramme ist die Entscheidung gefallen: Es wird die SB 85 BR, auch wenn ich sie vorher noch nie gehört habe. Ich probiere es einfach mal aus. Udo, danke dass es Dich gibt!

OK, jetzt zum Finish: Front und Rückseite sollten eingesetzt werden. Bei der Front wollte ich unten jedoch keine Einrahmung sehen, also praktisch aufgesetzt. Das ganze sollte mit ein paar Schattenfugen verfeinert werden. Mal gucken, ob ich das kann. Beim Holzland Stoellger habe ich mir dann 19mm MDF, entsprechend zugesägt, bestellt – ein hervorragender Holz-Baumarkt.

Über Farbe und Furnier hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich wollte erst einmal hören, ob die SB 85 BR für mich die richtige ist. Ende Oktober 2021 habe ich dann den Bausatz bestellt.

– Holz-Zuschnitt bestellt, abgeholt und Maße kontrolliert. Es stimmt alles millimetergenau!
– Alle Teile beschriftet, damit ich nicht jedesmal nachmessen muss, wenn ich ein bestimmtes Brett suche.
– Mittellinie der Front ermittelt und Kreismittelpunkte fürs Fräsen angezeichnet und gebohrt.
– Innenbretter (Mitteltonvolumen und Versteifungen) angezeichnet. Vorsicht! Beim Ausmessen ist immer die Materialstärke zu berücksichtigen.

Samstag, leider Regenwetter. Ich kann also nicht im Garten die Löcher fräsen. MIST! Dann fahre ich eben mit meinem Sohn zum Handballspiel. Das macht auch Spaß.

Folgendes Wochenende. Es ist Freitag. Habe früh Feierabend gemacht, damit ich noch bei Tageslicht die Versenkungen fräsen kann. 30min. Fräsen, dann wurde es schon wieder dunkel und regnerisch. 30min. Garten, Pflastersteine und Fensterbänke vom Frässtaub befreit.
1. kleines Ding: Staubsauger für Oberfräse organisieren.

– Lautsprecherausschnitte und Reflexöffnung gefräst.
– Aussparung für HT-Lötfähnchen ausgesägt und mit Stechbeitel ausgestochen.
2. kleines Ding: Beim Ausstechen sollte man zuerst auf der Rückseite einmal stechen, damit es beim Ausstechen auf der „Honigseite“ nicht auf der Rückseite ausfranzt.

– Lautsprecher mit Anschlagwinkel ausgerichtet und dann Befestigungslöcher angezeichnet.
– Rückseite von BMT und Bass mit Fräser abgerundet. Vielleicht hilft es ja für irgendetwas. Auf jeden Fall wirkt es professionell.

– Alle Teile schon mal richtig hingelegt, um zu gucken, dass alles passt.
3. kleines Ding: Klebereihenfolge festlegen und alle Teile dementsprechend durchnummerieren. So brauche ich nicht mehr viel nachdenken, wenn es beim Kleben schnell gehen muss.

Klebereihenfolge:
1. linke Seite
2. Deckel
3. Front
4. Versteifung vorn
5. BMT-Volumen hinten
6. BMT-Volumen unten
7. Rückseite
8. Boden
9. Versteifung hinten
10. rechte Seite

Kleben
Ich habe immer darauf geachtet, dass die Bretter etwas überstehen. Es ist nämlich viel leichter, anschließend Überstände bündig zu fräsen, als große Flächen abzuschleifen.
4. kleines Ding: Um diese Reserve zu haben, hatte ich die Seitenteile und den Deckel an den entsprechenden Kanten 2mm größer zusägen lassen.

Boxen von den Schraubzwingen befreit. Habe alle Nähte noch einmal mit Fugenleim nachgezogen. Es scheint alles gut verklebt zu sein. Ein bischen Bündigfräsen hier und da und dann ist das Gehäuse fertig. Alle Stirnseiten mit dem Bündigfräser bearbeitet. Gehäuse mit 180er schleifen. Einerseits um Leimreste zu entfernen und andererseits, damit die letzten Unebenheiten vom Bündigfräsen ausgeglichen sind. Schattenfugen gefräst. Leider war mein Anschlag für die Breite der Box zu kurz. Darum musste ich mit einem zusätzlichen Stück Holz improvisieren. Das war eine ziemlich wackelige Angelegenheit. Die Fugen sind daher nicht ganz optimal geworden.
5. kleines Ding: Die Querfuge oben ließ sich besser herstellen, da ich hier mit einem festgespannten Anschlag arbeiten konnte.

Auf jeden Fall sind die Gehäuse jetzt endlich fertig! Füße untergeklebt. Wie sich später herausgestellt hat, waren die Klebefüße jedoch zu piepsig für die schweren Kisten.
6. kleines Ding: Mit korrekt dimensionierten Füßen stehen die Boxen nicht nur besser, durch den besseren Kontakt zum Fußboden gewinnt auch der Klang.

Jetzt wurde ich tatsächlich langsam unruhig. Wann sind die Lautsprechere denn endlich fertig? Frequenzweichenbauteile zusammengestellt, auf Brettchen geklebt und verlötet. Polklemmen eingebaut. Alles verdrahtet. Dämmwolle nach Vorgabe reingestopft, Chassis angeklemmt und festgeschraubt.

Soundcheck: Klingt sehr ausgewogen. Was bei der Vorgängerbox im Oberbass gefehlt hat, ist jetzt da. Es klingt alles sehr harmonisch. Allerdings geht der Bass nicht so tief. Und ich glaube, die Höhen sind etwas zu überbetont. Der Kalottenhochtöner ist halt kein ER4. Ich werde es mal die nächsten Tage auf mich wirken lassen. Trotzdem ist die SB 85 BR in allen Frequenzbereichen sehr ausgeglichen. Kein Bullern wie ich es mal bei einer SB 36 gehört habe. Alles sehr schön stimmig. Klasse, alles richtig gemacht!

In den nächsten Tagen kamen dann die vielen kleinen Dinge zum Tragen, die ich in der Überschrift bereits angekündigt hatte. Ich habe mit viel Dämmung und mit wenig Dämmung experimentiert. Oft war es sehr dicht an meinem Wunschvorstellungen. Aber eben noch nicht richtig für mich. Der entscheidende Fortschritt ist dann durch eine weitere Kleinigkeit entstanden: Ich habe genau die Menge Sonofil genommen, wie Udo es vorgibt. Diesmal habe ich das Zeug jedoch nicht nur einfach reingestopft, sondern vorher aufgelockert und auseinandergezupft. Jooh, jetzt war es endlich gut!

Ein weiterer Gewinn war es, ein Dichtungsband einzukleben. Anscheinend waren meine Fräsungen für die Chassis nicht sauber genug gearbeitet. Das Spielen mit der Aufstellung war dann ein Leichtes. Die beste Ehefrau der Welt wollte sie an die Wand gestellt haben, maximal jedoch bis zur Vorderkante des Lowboards. Es sollte natürlich unauffällig wirken.

Der letzte und wirklich entscheidende Fortschritt war der Wechsel des Verstärkers. Mein Verstärker ist ein NAD C-356BEE. Ich betreibe ihn jedoch nicht als Vollverstärker, sondern nur als Vorstufe. Als Leistungsendstufe hatte ich mir mal eine Platine Anaview AMS 1000-2600 zugelegt. Zusammen mit einem ordentlichen Netzfilter habe ich das in ein altes Harman Kardon Gehäuse gebaut. (Dadurch brauchte ich keine zusätzlichen Anschlussbuchsen kaufen) Diese Konstruktion klingt jedenfalls viel klarer als die Endstufe des NAD. Der Zuspieler ist ein Raspberry Pi 4 mit HifiBerry DAC+. Die Musik klingt dadurch wie von meinem CD-Spieler, einem Kenwood DP-5060. Für meine Party-Anlage (Mystery PA und HP15) benötigte ich jedenfalls einen neuen Vorverstärker. In der Bucht habe ich dann einen Block P100 günstig geschossen. Zu Testzwecken habe ich ihn dann im Wohnzimmer angeklemmt. Wow, was für ein Unterschied: Plötzlich war alles so deutlich und der Bass war auch da. Der NAD ist dann rausgeflogen. Nach gut einem Jahr war ich dann endlich zufrieden mit meinen Boxen. Jetzt konnte endlich das Finisch erstellt werden. Ich mache es kurz:

– Gehäuse mit 180er glatt geschmirgelt
– 3x streifig weiße Lasur mit Pinsel aufgetragen, immer 240er Zwischenschliff, damit das MDF nach natürlichem Holz aussieht. Ich finde, es hat funktioniert
– Front 2x mit Tafellack gerollt, lässt sich sehr gut verarbeiten, man sieht jedoch jeden Fingerabdruck

Die Schattenfugen und das Reflexrohr waren schwer zu streichen. Man sollte zuerst die schwierigen Stellen malen und danach die großen Flächen, die glatt werden sollen. Ansonsten versaut man sich wieder die ebenen Flächen. Wenn man mit der Rolle über die Löcher der Chassis oder des Reflexkanals geht, hat man ein Stück weiter das Muster des Loches auf der Fläche. Also wo nichts ist, sollte man auch nicht mit dem Farbroller lang gehen.

Vielleicht hat der ein oder andere die Lautsprecher ja letzten September in Nordhausen gesehen…

Hier noch ein paar Links zu meiner „Testmusik“.

The Black Crowes – Thorn in my Pride

Foo Fighters – Times like these

Uriah Heep – The Wizard

Status Qou – Most of the Time

Audioslave – Be Yourself

The Rolling Stones – Can’t You Hear Me Knocking

The Philadelphia International All-Stars – Let’s Clean Up the Ghetto

Bob Moses – Tearing me up

Depeche Mode – World in my Eyes

The Sisters of Mercy – This Corrosion

The Cult – She Sells Sanctuary

Roxy Music – Love is a Drug

The Black Crowes – Remedy

AC/DC – Shot down in Flames

The Sweet – Heartbreak Today

Es gibt noch tausend andere Songs, die ich Euch vorführen möchte oder wieder in Erinnerung bringen will. Das ist aber nicht der Sinn dieses Berichtes. Mein großer Dank nach dieser Odyssee geht an Udo. Danke für Deine Geduld mit mir. Ich hatte Dich oft gefragt, warum meine High-End Lautsprecher nicht so klingen, wie ich es gern hätte. Aber das Problem war nicht der Lautsprecher, sondern die Musikquelle, die das Limit zu tief setzte.

Zu guter Letzt möchte ich mich bei allen bedanken, die hier schon einmal einen Bericht veröffentlicht haben. Ihr habt mir alle so viel Inspiration gegeben, dass es eine Freude ist, jeden Sonntag den neuesten Bericht zu lesen, auch wenn es heute mein eigener ist.

Danke fürs Lesen

Gruß Henning

Zur SB 85 BR im Online-Shop

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Interessant, besonders die Idee mit der V-Fuge / Schattefuge finde ich gar nicht so verkehrt.

Auch die Optik schwarz/weiss gefällt mir und passt so optisch sicher in viele Wohnräume.

Klassische Bauart mit toller Umsetzung. Die sind richtig schön geworden! Viel Spaß beim Hören und Sehen.
Grüße Achim

Moin Henning!

Ich kann deine Liebe zur 85 absolut nachvollziehen. Das Problem mit der Technik kenne ich, das ist ein Weg, der Zeit braucht.

Sehr schöner Bericht mit einem Werdegang, den hier schon einige selber erlebt haben.

Grüße…
Niklas