U_Do 51 CoRound – Sound rundherum

Ich hatte noch nie omnipolare, also rundherum abstrahlende Lautsprecher gehört oder gebaut. Man sagt diesen ein raumfüllendes, sphärisches Klangbild nach, wenn auch unter Verzicht auf eine präzise Stereobühne. Das Konzept ist schon ein paar Jahrzehnte alt, konnte sich für die reine Musikwiedergabe allerdings nicht recht durchsetzen. Für mein kleines Kino ist es aber ein Experiment wert.

Meine Heimkinoreise begann 2019. Ich hatte ein Paar Eton Symphony 5 ACL übrig, für die mir keine bessere Verwendung einfiel, als sie als Surroundboxen links und rechts neben das Sofa im Musikzimmer zu stellen. Hier im Magazin gab es auch einen Bericht dazu. Seitdem wackelt ordentlich die Bude, wenn auf dem Fernseher Gut und Böse in grellen Farbgewittern um die Weltherrschaft ringen.

Eigentlich waren die feinen Eton-Boxen allein für die rückwärtige Effektwiedergabe immer ein wenig zu schade. Außerdem sind sie im Nahfeld relativ stark ortbar. Manch ein sich von hinten anschleichendes Monster klebt förmlich an den Membranen und wirkt so kaum bedrohlich. Dem gewünschten Kinogrusel ist das nicht unbedingt zuträglich. In meiner schwierig geschnittenen Man Cave, mit der Dachschräge und der Aufstellung der Effektboxen direkt neben dem Sitzplatz, wäre eine diffusere Abstrahlung der Surround-Effekte wahrscheinlich vorteilhafter, dachte ich mir schon nach ein paar Filmen.

Als Gehäuse für mein Experiment erfand ich eine kleine Säule von ca. 60cm Höhe, welches einem 5-Zöller knapp 14 Liter geschlossenes Volumen bieten würde. Es gibt davon auch eine Freecad-Datei zum Herunterladen.

Wenn man auf Gehrung sägen kann und das Gehäuse folieren möchte, ist beschichtete Spanplatte ein sehr günstiges und praktisches Baumaterial. Für ein Paar Boxen wanderten 8 weiße 16mm-Regalbretter, 60cmx20cm, aus dem Baumarkt auf meine Tischkreissäge. Die Melaminkanten der auf Gehrung gesägten Bretter sind messerscharf. Beim Hantieren damit sind Arbeitshandschuhe sehr zu empfehlen, wie ich nach ersten Schnitten an den Händen bald feststellen musste. Für Boden und Innenversteifungen sollten es diesmal 5mm-HDF-Platten tun. Zur Aufnahme derselben habe ich passende Nuten in die Seitenwände gesägt. Um Schwingungen der recht dünnen Gehäusewände zu minimieren, habe ich diese auf der Innenseite vollständig mit Bitumenschwerfolie beklebt.

Vor dem Zuklappen und Verleimen habe ich die Kabel und das Dämmmaterial an ihre vorgesehenen Plätze gebracht. Später wäre das schwieriger. Das Zusammenleimen der Seitenwände gelang gänzlich ohne Zwingen und Zurrgurte, allein unter Zuhilfenahme von Paketklebeband. Die Schallwand aus MPX wurde, ebenfalls auf Gehrung gesägt, von oben mit viel Druck eingeklebt.

Solche Regalbretter haben schon eine ganz nette Oberfläche. Die Gehäusekanten waren mir aber zu scharf. Außerdem gab es ein paar Leimaustritte und einige Abplatzer vom Sägen. Nach Abrunden der Kanten mit dem Schleifklotz wurde die Arbeitsumgebung sorgfältig entkrümelt und entstaubt. Danach bekamen die Gehäuse zu später Stunde ein Kleid aus kratzfester Folie für Küchenfronten.

Bis zu diesem Zeitpunkt plante ich einen 2-Weger mit einem 3D-gedruckten Konus über dem Tieftöner. Der Reflektor für den Tieftöner sollte gleichzeitig dem Hochtöner eine Montagebasis bieten. Das Konzept habe ich aufwändig im CAD konstruiert. Für die Bestückung gab es verschiedene Ideen unter Verwendung eines vorhandenen 5”-Chassis aus einer zerlegten, älteren Box. Dafür bekam die Schallwand schon mal ein Loch per Stichsäge.

Das war leider etwas voreilig. Mein 2-Wege-Konzept erwies sich in verschiedenen Montagedetails als zu komplex, so dass ich die Lust daran verlor und das Projekt lange auf Eis lag. Doch plötzlich gab es mit dem Koax-Chassis der CoIn/CoOn-Bausätze einen Weg aus der Projektkrise. Damit muss der Reflektor keinen Hochtöner mehr tragen. 3D-Druck schien mir nun auch over-engineered für einen simplen Konus, zumal ich gar keinen 3D-Drucker besitze.

Woher könnte ich alternativ einen Konus-Körper mit passendem Durchmesser an der Basis und ca. 45-Grad Steigung bekommen? Ich kenne inzwischen das gesamte Internet und alle Online-Shops mit Suchergebnissen zu dieser Frage. Freunde skurriler Film- und Serienhits längst vergangener Jahrzehnte wissen um die Talente von Egon Olsen und MacGyver bei der lösungsorientierten Zweckentfremdung von Alltagsgegenständen. Im Baumarkt fand ich weiße Lampenbaldachine in genau der gesuchten Form und Größe. Um einen solchen Baldachin upside-down über dem Koax schweben zu lassen, brauchte ich nur noch ein rundes MDF-Teil, was es bei Udo als Abfallstück aus seiner Frontenfräse gab, sowie einen formschönen Edelstahlwinkel, der durch seine langen Löcher die Feinjustierung des Abstandes des Konus über dem Koax ermöglichen würde. Bei Udo habe ich eine zum Koax passend gefräste neue Multiplex-Kachel bestellt, die über den falschen Ausschnitt der alten Schallwand geschraubt werden konnte. Die MDF-Scheibe und das MPX habe ich ein paar Mal weiß gewachst.

Es war absehbar, dass die originalen CoIn/CoOn-Weichen für meine Boxenform nicht passen würden. Für ein anderes Projekt hatte ich mir mal ein einfaches Messsystem zugelegt, bestehend aus Stativ, Messmikro, Audio-Interface für das iPhone, einem kleinen Class-D-Amp sowie ein paar Apps, welche Testsignale ausgeben und die gemessenen Frequenzgänge am iPhone anzeigen können. Einige Apps sind untauglich, weil sie durch Rechenfehler seltsame Artefakte in die Kurven einbauen, die mit dem vermessenen System nichts zu tun haben. Vielleicht bin ich aber auch nicht ausreichend vertraut mit den endlosen Einstellungen der Programme. Am besten funktionierte rosa Rauschen und eine FFT-App. Das Ganze ist natürlich nicht kalibriert und nur indikativ. Dennoch kommt man damit schneller zu Erkenntnissen als nur durch Hören. Mit einer gut gefüllten Bauteilekiste und ein paar Wago-Clip-Klemmen kann man sehr schnell verschiedene Weichenschaltungen ausprobieren.

Der Tieftöner wird durch eine vorgeschaltete Spule langsam aus dem Geschehen genommen. Ein Saugkreis parallel zum Tieftöner bekämpft ein paar Probleme bei höheren Frequenzen. Denselben Effekt hätte ich erzielt, wenn ich die Spule vor dem Tieftöner auf zwei Spulen in Reihe aufgeteilt und einer davon einen kleinen Kondensator parallel geschalten hätte. Das wäre wahrscheinlich auch weniger anstrengend für den Verstärker als der Saugkreis. Der Hochtöner bekam einfach ein 12dB-Filter und wird verpolt angeschlossen. Vielleicht wäre ein 18dB-Filter für den Hochton noch einen Tick besser gewesen, aber so prall ist meine Bauteilekiste doch nicht gefüllt, dass ich jeden Wert zum Ausprobieren aller Lösungen vorrätig gehabt hätte.

Ich habe verschiedene Bauteil-Kombinationen getestet. Das final gemessene und gehörte Ergebnis fand ich gut genug, um die Weichen auf HDF-Brettchen zu bringen und an ihrem vorgesehen Platz unter dem Boden zu montieren. Damit konnte der Stereo-Hörtest starten.

Man sieht es an meiner Messung und auch an Udos Messungen zum CoIn/CoOn-Originalbausatz, dass der Hochton des Koax ab ca. 8kHz in den Sinkflug geht. Da hilft auch keine andere Frequenzweiche. Wer beim Hören die Borsten von Jazzbesen zählen möchte, wenn sie “fffwwwhh, fffwwwhh” über das Fell der Snaredrum streichen, braucht sicher einen anderen Bausatz. Rock und Pop klingen aber sehr gefällig. Faszinierend ist tatsächlich der einhüllende Sound der Rundstrahler, der schon bei Stereo-Musik eine Art Surround-Feeling aufkommen lässt. Die Boxen scheinen gar nicht zu existieren, so losgelöst ist der Klang. Enormer Tiefbass kommt natürlich nicht aus den kleinen Kisten. Das stand aber auch nicht im Lastenheft (Anmerkung der Redaktion: Hier hätte vielleicht ein ACL geholfen).

Nach dem erfolgreichen Stereotest durften die Experimentalboxen an ihren Platz im Heimkino rücken. Nach dem Einmessen der neuen Situation mit dem Marantz-AVR sorgen sie nun optisch unauffällig für noch mehr Gänsehaut im Heimkino. Das Experiment ist vollständig gelungen, und es hat vom Zuschnitt der Bretter bis zur Fertigstellung der Boxen wieder mal nur 2 Jahre gedauert.

Aber was mache ich nun mit den Symphony 5 ACL?

MartinF

Zur U_Do 51 CoRound im Online-Shop

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Sehr cool umgesetzt!

Ich glaube, dass bei einer ACL-Version, der Hochton im Verhältnis noch mehr ins Hintertreffen gerät.

Moin, geniale Umsetzung, bin gespannt ob wir auch ACL Nachbauer sehen werden, gerade in Räumen ohne festen Hörplatz würde mich interessieren inwiefern das für Flexibilität sorgt

Respekt auch für die eigene Entwicklung der Weiche 👍

Matthias

Hallo Matthies,

wer den Bericht zur U_Do18 comment image gefunden hat, wird sich freuen das Udo das schon bei der Veröffentlichung gemacht hat.

Seit heute spielt das KOAX Chassis im ACL Gehäuse.
Mein Enkel freut sich schon.

Gruß Schülzken

Schöne Umsetzung eines Rundstrahlers. Das Design gefällt mir gut.
Und ja, mit ACL gibt’s deutlich mehr WUMMS 😉

Hallo Martin,

Deine Rundstrahler finde ich sehr gelungen.

Für ein Heimkino mit dieser Aufstellsituation würde ich auch so bauen.

Servus

Peter

Sehr, sehr schön, endlich ein Bericht zu einem Rundstrahler.
So ein Teil steht auch noch auf meiner To-do Liste, konnte aber noch keinen entsprechenden Bausatz finden und eine Weiche selber zu bauen, traue ich mir nicht zu. Die Weiche ist übrigens eine der schönsten, die ich seit langem gesehen habe. Sehr gut aufgebaut!
Die Idee mit dem Lampenschirm finde ich ebenfalls sehr gelungen. Wie hast du das MDF auf den Schirm montiert? Mit Epoxidharz verklebt?

Dir noch einen schönen Sonntag und viel Spaß mit dem neuen Raumklang.

@Udo: ist gegebenfalls irgendwann ein Rundstrahler für deinen Shop geplant? Einen Kunden hättest du schon. 😉

Hallo Alex,

dann wirf mal einen Blick in den Shop 😉

Udo, du hast mir den Tag gerettet. Den Link hatte ich wohl übersehen. Danke dir! Ist zufällig auch die angesprochene ACL Variante geplant?

Stimmt! Beim genauen Hinsehen kann man die Schraube erkennen. Hast du den Baldachin innen auch mit Bitumenschwerfolie beklebt? Ich glaube ich hätte Angst, das der sonst das Vibrieren anfängt

… und hier ist auch der Link zur U_Do 51 CoACL im Shop. Wenn dort der Coax im Deckel eingebaut wird, passt Martins Weiche.

Gruß Udo

… und wenn der Coax im Deckel eingebaut wird und nicht als Rundstrahler eingesetzt wird, sondern liegend, zB als Center, passt da die Originale Weiche oder die von Martin?

Gruß Ralf

Ein Träumchen würde ein bekannter Koch sagen. Jetzt steht dem nächsten Projekt nichts mehr im Weg. Dank dir Udo! Das verschiebt meine Prio-Liste erheblich

Geil genau das was ich suchte also einfach den Coax von oben im Deckel und einen Rundstrahler drüber und es muss keinerlei Korrektur an der Weiche vorgenommen werden ?

Hallo Fabian,

die Antwort steht in Text und in den Kommentaren.

Gruß Udo

Entschuldige habe deinen Kommentar glatt übersehen. Also bestelle ich einfach den Bausatz mit geschlossenen rundstrahler. Nehme dann die weiche für den acl Bausatz. Hoffe ich habe es jetzt richtig verstanden :⁠-⁠)
Hätte jetzt nicht gedacht das die weiche auch für die acl Variante geht.
Mfg

Hallo Fabian,

für den Rundstrahler brauchst du die Weiche von Martin. Deshalb musst du im Shop auch die U_Do 51 CoRound bestellen.

Gruß Udo

Vielen Dank 😊
Jetzt muss ich nur noch die Regierung überzeugen, mal sehen wie ich das anstelle.
Vielleicht muss ich sie mit einem Einkaufsgutschein überzeugen damit ich die Freigabe bekomme. ^⁠_⁠^

Mfg

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