Seit Jahren habe ich meinen alten Dienstkoffer von einer Ecke in die andere geschoben, ohne noch eine Verwendung für ihn zu haben. Anfang der 80er zum Berufsbeginn angeschafft, hatte er mich fast 40 Jahre treu begleitet. Er diente als Koffer, als Sitzgelegenheit, als Aufstiegshilfe und musste für alles herhalten, was einen stabilen Untergrund brauchte. Entsprechend sieht er aus. Aber alles heile geblieben. Solide Hand- und Maßarbeit damals und nicht gerade billig.

Was tun mit dem Ding? Wegwerfen? Niemals! Dann kam mir die Idee, dass ich noch gar keine transportable Musikanlage habe. Das müsste doch gehen. Mal grob gemessen und das Volumen überschlagen. Das sollte doch für eine kleine 2.1-Lösung reichen. Gewichtsoptimierung war mir weniger wichtig. In Udos Shop fand ich dann schnell die U_Do 31-13 wieder.

Sie hatte mich schon bei ihrem Erscheinen interessiert. Bei deren Raumbedarf war noch etwas Luft, sodass ich mich für einen Doppelbass entschied und bestellte. Bausatz und der per Link empfohlene Amp waren schnell geliefert und damit begann der Fummelkram. War ich zu optimistisch gewesen? Kriege ich das wirklich alles sinnvoll verbaut?


Die Bässe sind etwas zu groß um senkrecht eingebaut zu werden.

Die BR-Rohre sind zu lang um senkrecht in Deckel oder Boden eingebaut zu werden und deren Außendurchmesser ist 1 mm größer als die Holzfläche zwischen den Aluprofilen. Bei der Tiefe des Amps hatte ich anfänglich den Platzbedarf für die Stecker nicht mit einkalkuliert. Gleiches beim Netzteil. Für die Innereien des Koffers hatte ich Sperrholzreste vorgesehen. Die wollten sich anfänglich nicht mit der Siebdruck-Oberfläche des Koffers verkleben lassen. Ich wollte ein Problem nach dem andren lösen.
Die Breitbänder sollten in den Deckel. Damit habe ich mal angefangen. Zufällig war in meinem Fundus eine passende Lochsäge für die Einbauöffnung.

Jetzt nur noch beim Ausmessen die Aluprofile sowie den Korbrand der Chassis berücksichtigen.


Zack erledigt. Ein paar Brettchen später waren auch die knapp 1 Liter großen Gehäuse fertig und mit Montagekleber auf angerauhtem Untergrund befestigt.

Die Weichenteile fanden auch noch Platz.

Um den „Deckel“ der Gehäuse befestigen zu können, habe ich Leisten in die Ecken geleimt. Die geben den Schrauben mehr Halt als das dünne Sperrholz. Die Bohrungen in den Deckeln habe ich Pi x Daumen gesetzt, was das Markieren der Einbaulage erforderlich machte.

Kabeldurchführung mit Heißkleber verschließen; fertig.
Mehr Fummelkram waren die Ausschnitte für die Technik in der Seite des Kofferbodens. Der Amp sollte bündig eingebaut werden und durfte nicht zu hoch sein damit das Gehäuse des Breitbänders darüber noch Platz hat. Den Ausschnitt für den Amp habe ich mit der Akku-Oberfräse und dem Fräsrahmen gemacht. Ziemlich wackelig das Ganze weil durch die Aluprofile kaum ebene Auflagefläche da war. Die Ecken des Ausschnitts habe ich von Hand mit der Feile fertiggestellt.
Passt!


Für das Netzteil habe ich einen kleinen Unterbau zusammengeleimt und das Teil darauf mit Montagekleber fixiert. Die Kofferöffnung für den Netzstecker habe ich von außen Stück für Stück zurechtgefummelt. Leichter wäre es von innen nach außen gewesen, aber ich wollte keinen Materialausbruch auf der Sichtseite riskieren. Nicht schön aber: Passt!
Den Hauptschalter für die Stromversorgung konnte ich nach passender Bohrung einfach reinpressen. Passt!
Später muss auch noch die Halterung für den 18V Makita-Akku dazwischenpassen.

Mehr Mühe machte der Gehäuseteil für die „Bässe“. Die rechnerisch erforderlichen knapp 16 Liter (2×8 Liter im Bandpass) konnte ich nicht mehr ganz erreichen, war aber mit den ca. 14 Liter Restvolumen (Brutto) auch zufrieden. Die Bässe wollte ich in einem schräg gestellten Trennbrett montieren. Für die BR-Rohre fand sich knapp Platz zwischen den Aluprofilen. Etwas Überlegung erforderte die Positionierung damit sie im asymetrischen Gehäuse Platz finden. Auch für diese Einbaulöcher fand sich eine passende Lochsäge. Die Rohre wurden mit Montagekleber eingesetzt. Passt!


Als nächstes entstand der Rahmen des Bassgehäuses um die ganzen bisherigen Einbauten herum. Er erhielt nachträglich eine Aufdopplung weil mir das Gehäuse an dieser Stelle doch etwas zu dünn erschien. Die Mitte für das schräge Trennbrett war schnell gefunden, und der richtige Winkel war in nur 3 Anläufen ermittelt.

Schraubenrahmen für den Deckel sägen und verleimen, Deckel vorbohren und senken: Passt!

Etwas Sorge hatte ich mit den Lautsprecherkabeln, da die Breitbänder ja im Kofferdeckel und die restliche Technik im Kofferboden verbaut sind. Etwas rustikal verlegt, aber passt!
Die Halterung für den Makita-Akku und die restliche Verkabelung waren schnell abgehakt. Verdammt eng alles. Winkelstecker halfen. Es war sogar noch Platz für die BT-Antenne. Passt.

Leider habe ich erst zu diese Zeitpunkt den Deckel erstmals schließen wollen. Es klemmte überall. Hatte ich doch übersehen, dass der Rand des Deckels ja über den Rand des hochstehenden Bassgehäuses schwenken muss. Also Kanten geschiffen, probiert, mehr geschliffen, probiert, mehr geschliffen, probiert. Dann waren alle Kanten ausreichend „gerundet“,

der Deckel bewegte sich weiter und klemmte dann aber ein paar Millimeter vor der Endstellung. Ein Rätsel. X mal hin und her gedrückt, gezogen, gequetscht. Es wollte nicht flutschen. Bei genauester Betrachtung fand ich dann Druckstellen auf dem Deckel des Bassgehäuses.


Deren Herkunft war dann schnell gefunden. Es waren die Nieten im Deckel. Die standen logischerweise etwas hervor. Also an den Druckstellen mit einem Forstnerbohrer etwas Material weggenommen und schon flutschte es. Passt!

Der Elektrik-Test war schnell und problemlos erledigt, Schalter, Sicherung, Akku, Netzteil alles klappt.
Zum Testhören gab es zuerst diverse Titel von Spotify per Bluetooth vom Handy. Läuft auf Anhieb, schneller Verbindungsaufbau. Am Amp hatte ich zum Start alle Regler auf Mittelstellung. Aus allen Lautsprechern kamen die richtigen Töne, aber es klang noch ziemlich „unrund“. Nachdem die Höhen etwas gedrosselt, die Trennfrequenz gesenkt und die Basslautstärke erhöht war, passte es. Eines meiner Lieblingsstücke (Slow Dance von Ana Popovic) war einzige Quelle für die Grundeinstellung. Der Testlauf war im Freien und ich habe es so eingeregelt, dass bei diesem Stück und voller Lautstärke am Handy gerade noch nichts verzerrt oder Membranen anschlagen.


Wie klingt es denn jetzt? Erheblich besser als erwartet. Erheblich lauter und viel mehr Bass als erhofft. Kurzer Quercheck mit Zuspielung per Klinke vom Kopfhöreranschluss des Handys und vom Tablet ergab keinen Änderungsbedarf bei der Einstellung. Der Klang wirkte allerdings etwas „dünner“. Liegt vermutlich an den Soundkarten der Geräte. Für eine kleine Gartenparty ist das Kofferradio prima geeignet. Richtig ab geht es im Wohnzimmer. Da kommt die Kiste richtig zur Geltung. Keiner käme auf die Idee, dass der Sound „nur“ aus dem Koffer kommt.
Nach einigen Stunden Laufzeit klangen die Breitbänder etwas geschmeidiger und der Bass hatte mehr Kontur. Letztlich darf man von so kleinen und günstigen Lautsprechern aber auch nicht erwarten, dass sie alle Grenzen der Physik niederreißen. Und schick sind sie, weshalb ich mich gegen eine Abdeckung entschieden habe.
Wie lange hält eine Akkuladung? Keine Ahnung. Ein 3AH-Akku hält mindestens 4 Stunden Vollgas. Der Amp wird dabei gut handwarm. Im Netzbetrieb erreicht das Netzteil auch gut Handtemperatur. Ich finde es unkritisch. Notfalls könnte man den Deckel ein Stückchen auflassen. (Da gab es in den 70er Jahren für die kleinen Heckmotorautos so „sportliche“ Aufsteller für die Heckklappe) Die ganze Aktion hat sich gelohnt, das Kofferradio wiegt mit Akku 16 Kilo, was dank Tragegriff gerade noch gut zu händeln ist. Und stabil ist das Ganze auch noch. Nicht unbedingt schön, weil alt und abgeschlagen. Aber genau das macht es für mich aus.

Ich bin zufrieden.
Martin
PS: Auch als Autoradio macht sich die Kiste richtig gut. Viel besser als die meisten Autoanlagen……
Zum U_Do 31/ 13-Set im Online-Shop


Hallo Martin, genau so muss das beim „upcyceln“ aussehen. Alt, verschrammt und hier und da Flugrost. Ähnliches hatte ich vor vielen Jahren mit einem Verstärker aus dem Autohifi und externem Netzteil gebastelt. Sah gut aus, klang schrecklich 😞
Aber dein Konzept überzeugt auf ganzer Linie. Viel, viel Spaß damit!
VG Alex aus dem Schwobaländle
Guten Morgen Martin,
das Ding erinnert mich an eine Kiste von Kollege Stefan.
Der hat mal Eton KOAX Chassis in einer alten Munitionskiste verbaut.
Akku und ChinaBöller rein, fertig.
Gruß Schülzken
Glück auf, Martin!
ich glaube “Upcycling” heißt das auf neudeutsch, wenn man aus alten Materialien
etwas Neues schöpft.
Glückwunsch zur gelungenen und kreativen Umsetzung.
Das ist doch mal wirklich ein “Kofferradio” 😀
Und ich kann es verstehen, dass man sich nicht von Werkzeug trennt,
was einem jahrelang gut gedient hat.
Ich arbeite teils noch mit Werkzeuig aus der Lehre vor 21 Jahren.
Letztens meinte ein Kollege, hol dir doch mal ne neue Gewindeknarre,
an dem Griff ist ja schon das ganze Chrom ab……
Meinte nur, da kannst du mal sehen, wie viele Meter Gewinde die schon geschnitten hat.
Denn ja, es ist so, das alte Gedöns ist meist viel besser und hochwertiger als das, was
jetzt zu kaufen ist.
Viel Spaß mit dem Teil, was nun auch wieder einen Daseinszweck hat.
Gruß,
Sparky