17. Mai 2026

Die Chorus 71 von Thomas

Autor: tpfeiffer9

Erst mal etwas ausholen…
Vor einigen Jahren habe ich mit dem Gedanken gespielt, wieder mehr LPs zu hören, einen Plattenspieler zu kaufen, einen Röhrenverstärker aufzubauen und mit anständigen Boxen das alles gut klingen zu lassen. Dann kam um 2016 ein bekannter amerikanischer Betrieb mit einem grossen Bluetooth-Speaker im retro look auf dem Markt. Die reviews waren ansprechend und das Ding hatte neben WIFI, bluetooth, line-in auch einen Phono Eingang fuer MM und MC… Nach Abwägen von Aufwand, Zeit und Kosten kaufte ich diese plug and play Lösung und war damit fast 10 Jahre zufrieden, zumal der schöne retro look auch bei der Frau gut ankam. So eine Anlage darf dann auch in die feine Stube.

2020 wurde das Home Office populär und nun verbringe ich relative viel Zeit in meinem Büro und höre während der Arbeit Musik. Etwas später wurde ich so krank, dass ich nun nach meiner Genesung Träume nicht mehr auf die lange Bank schieben will. Ausserdem brauchte ich ein „Projekt“, um mich etwas abzulenken. Ein Art von Kunsttherapie, halt nur mit electronischen Bauteilen. Also: Ich baue mir einen Röhrenverstärker.

Wer sich so ein Ding selbst baut, der kauft dann nicht unbedingt die Lautsprecher aus dem HiFi-Laden. Also ging ich im Netz auf die Suche und kam bei Udo an. Mein erster Eindruck war sehr positiv, wir haben etwas hin und her ge-e-mailed und wir kamen letzen Endes zu dem Beschluss, dass die Chorus Reihe gut wäre. Die Wahl blieb zwischen der Chorus 51, Chorus 51 ACL und der Chorus 71. Ich habe gerne etwas volleren Bass, also kaufte ich die 71er. Vielleicht für meine 6 m² etwas dick, aber was solls… Mein Zimmer, meine Wahl.

Udo hat mir dann das Paket geschnürt und nach Delft geschickt. Es kam alles gut und schnell an. Die follow-up mail „ist alles gut angekommen?“ inklusive Bauanleitung und extra info fand ich auch sehr nett. Hier kümmert sich einer ehrlich um Kundenzufriedenheit.

Beim Aufbau habe ich mit der Weiche angefangen. Der Schaltplan ist vergleichsweise einfach und ich habe mich entschieden, die Weiche auf kleine Platinen aufzubauen. Das wurde dann etwas kompakt. Ich fragte mich, ob das so gut ist, wenn all die Spulen so nah beieinander sitzen. Es klingt aber gut – also kein Thema.

Bei mir kommt noch ein extra RCL-Glied mit dazu. Das ist für die Frequenzganglinearisierung. Damit bleibt die Impedanz um die 8 Ohm – egal in welchem Frequenzbereich. Das ist nur wichtig, wenn man die Box an eine Röhre hängt. Wer mit Transistoren verstärkt, muss sich darüber weniger Gedanken machen.

Nun zum Boxen bauen. Das kann jeder so einfach oder so kompliziert machen, wie er will. Ich produziere gerne und regelmässig Sägemehl in meiner Garage. Nichts zu Kompliziertes, aber ich habe eine Tischkreisssäge und eine Oberfräse. Ist natürlich nicht zwingend nötig. Man kann sicher auch ohne teure Geräte eine gute Box bauen.

Ich habe die Schallwand noch mal nachgemessen und dann erst mal eine kleine Zeichnung gemacht, nicht nur um zu wissen, wieviel Holz ich kaufen muss. Für jeden Lautsprecher reicht eine 1220 x 620 x18mm Sperrholzplatte aus. Ich finde es schön, wenn später nach dem Streichen, die Holzstruktur noch zu erkennen ist. Im Baumarkt schau ich deswegen, dass das Sperrholz nicht zu viele Stellen hat, wo mit Holzfüller Löcher oder Riefen verspachtelt wurden. Diese Stellen nehmen die Farbe/Beize nicht so gut auf wie das Holz und bleiben dann sichtbar. Wer mit deckender Farbe arbeitet hat hier nichts zu befürchten.

Ich wollte auch die Stirnseite der Seitenwände sichtbar machen. Ich habe mich dazu entschieden diese etwas überstehen zu lassen und auf ca. 20 Grad Gehrung zu schneiden. Für die Rückwand schneide ich eine 20 mm breite Nut in die Seitenteile. So kann man die Rückwand verschrauben und auch noch mal wieder herausnehmen, falls mal was ist.

  

Holzleim kann beim Beizen auch problematisch sein. Also habe ich die Teile erstmal mit Farbe versorgt. Der Eigenbau hat natürlich den Vorteil, dass man sich die Farben selbst aussuchen kann. In meinem Fall sollen die Boxen zu einem Chaise-Longue passen, dessen Stoff dunkelrot und mitternachtsblau gemustert ist. Ich will die Seiten rot beizen und die Schallwand blau lackieren. Wenn man wasserbasierte Farbe verdünnt, kann man sie mit einem Schwamm so auftragen, das die Holzstruktur sichtbar bleibt. Etwas mit dem Verschnitt experimentiert und dann aufgetragen.

Mit den Seiten auf 45 Grad Gehrung leime ich das gerne zusammen mit der Hilfe von Klebeband. Noch mal checken, ob alles passt, dann ist es Zeit für den Leim. Den Leim trage ich mit einem Pinsel auf und falte dann alle vier Seiten um die Schallwand herum.

Am nächsten Tag ist alles trocken und fest und ich kann die Kanten mit der Oberfräse abrunden. Wo die Fräse ausrutscht oder die Oberfläche ausreisst, nicht vergessen: Leim und Späne machen Arbeit scheene.. und Schleifen, immer wieder Schleifen! Die runden Kanten nachbeizen und dann lackieren… Ich nehme eine Fellrolle, um den Lack auf Wasserbasis aufzutragen. Bei Ölfarben wird es mit einen guten Pinsel schön glatt. Zwischen den dünnen Lagen mit 400+ Schleifpapier per Hand etwas aufschleifen.

Die Frequenzweiche wird auf der Rückwand montiert und die Kabel mit einer Zugentlastung gesichert. Ich habe den Anschluss fur den Hochtöner mit Tape markiert, um später in der Tiefe der Box nicht danach suchen zu müssen. Zum Verlöten der Kabel an die Lautsprecher verschraube ich die Rückwand und ziehe die Kabel nach vorne durch die Löcher. Beim Löten auf die Polarität achten. Danach können die Lautspecher in der Schallwand verschraubt werden. Auf der Schallwand haben sich einige dickere Lacktropfen in den Ausfräsungen gesammelt. Die müssen vorher weg, damit alles bündig sitzt. Udo’s Kit kommt mit einem versenkten Anschlussterminal. Muss man nicht selbst kaufen. Die Bananenstecker sitzen gut, trotzdem habe ich zur Sicherheit auch noch eine Zugentlastung angebracht.

Nun sind wir klar für den ersten Test. Mein Röhrenverstärker ist eine Ultralinear-Schaltung mit KT170 Endröhren. Er ist auch ein Selbstbau, den ich in ein ausrangiertes industrielles power supply panel verbaut habe. Wer sich für so was interesiert, der kommt bei Tubeland.de gut zurecht. Integriert ist ein Phono Vorverstärker und ein up2stream HD streaming board von Arylic. Das streamed direkt aus dem internet – lossless und unabhänging vom Telefon. Wenn jemand anruft, spielt die Musik weiter. Bluetooth, Airplay2, Digital und Analogeingang sind auch mit integriert – nettes Ding.

Ich hatte noch nie so eine hochwertige Anlage. Wenn es nun darum geht, den Sound zu beschreiben, komme ich mir etwas grün vor, wie jemand der zum ersten mal einen teuren Wein trinkt. Der erste Eindruck war, wie glasklar die Musik klingt. Nichts hört sich gedämpft an, alle Frequenzbereiche kommen nach vorne, ohne Konkurrenz. So frisch, so präzise, das ist so eine Freude. Zum ersten Mal verstehe ich, wovon die Leute reden, wenn es um die Soundstage geht. Das kam mir immer etwas esotherisch vor, ist jedoch super, wenn man es dann erleben darf. Was mir fast noch mehr Freude macht, ist, wie die Musik all gegenwärtig durch den Raum klingt. Es ist, als gäbe es die Boxen gar nicht. Die Musik ist einfach da, und klingt sooo gut. Bass ist nicht zu viel, genau richtig. Eindruckweckend ist auch, dass das auch bei geringer Lautstärke klappt. Aufdrehen kann man natürlich auch. Was noch besser ist als der Klang, ist das unbezahlbare Gefühl des Selbermachenes. Wie Tom Hanks in Cast away: I have made fire! Ich habe Feuer gemacht!

Ein Freund hat sich die Dinger angesehen und gesagt: „Thomas, das ist aber nicht Deine beste Arbeit…“ und ich musste ihm zustimmen. Ein anderer Freund ist nun im Ruhestand. Er hat früher einen Betrieb gehabt, der Folien druckt. Wir haben was zusammen entworfen. Ich habe ihm das Bekleben überlassen.

Thomas

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Hallo Thomas, dein Freund hat recht! Viel schöner und interessanter ist die beklebte Variante.
Viel Spaß beim Nutzen der Lautsprecher.
Gruß Achim

Hallo Thomas,

schönes Ding.

Ich denke es wird vielen anderen der geschätzten Leserschaft vielleicht genau so gehen… Boxen bauen kann (fast) jeder aber ne Röhre… Hut ab! Das ist stark.

Ich betreibe eine vergleichbare, gekaufte Kombi mit gutem Streamer, Röhrenverstärker, Vinyl und einem optionalem SUB Modul. Ich liebe und kenne den Sound genau wie Du ihn beschreibst. Losgelöst vom Erzeuger und frei im Raum.

Geht das so easy peasy mit dem Selbstbau der Röhre? Gibt’s da einen Bericht?😁

Good Job und viel Freude mit der Kombi!

LG Andreas

Hallo,

au weia, da ist (sicher unbemerkt) ein Bild reingerutscht mit den Bauteilwerten der Frequenzweiche.

Mit der Folie, ja man sieht das da ein Profi am Werk war. Mal etwas anderes, nicht schlecht.

VG
Rundmacher

Hallo Rundmacher,

dass die Werte per Hand zusätzlich auf dem Schaltbild stehen, habe ich tatsächlich übersehen. Inh wisch gleich noch einmal darüber, dann sind sie weg.

Gruß Udo

Hallo Thomas,

….alles so schön bunt hier!

Was für eine schöne Arbeit. Das Lackieren vor dem Leimen hatte ich so auch noch nicht gesehen. Aber es scheint seinen Zeck erfüllt zu haben. Und Weichen auf Platinen waren auch neu für mich. Wieder was gelernt.

Beim Klang der Chorus stimme ich ganz und gar zu – der ist nicht neu für mich. Auch diese Gefühl, dass der Klang den Raum füllt, habe ich genauso. Die haben ein besonders gutes „Rundstrahlverhalten“ wie die Journalisten schreiben würden.

Viel Spaß mit diesen besonderen Lautsprechern wünscht

Uwe

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