Sep 23 2017

Chorus 52 und 85

Gut von unseren Lesern aufgenommen wurde die Chorus 51. Sie ziert mittlerweile diverse Schreibtische, doch auch als günstiger Rear zur Duetta-Reihe war sie vielfach willkommen. Nun war es aber nicht unser Ziel, aus ihr ein Sologewächs mit begrenztem Funktionsumfang zu züchten. Sie war als Basis einer in sich stimmigen Serie erdacht, wie es seit Neubeginn des Magazins unser Stil ist. Hierbei legen wir besonderen Wert auf die Eignung als ringsum kompatible Heimkino-Komponenten, aber auch das Upgrade zum größeren System haben wir dabei stets im Blick. Selbstverständlich sollen sie aber auch als exzellente Stereo-Lautsprecher ein zufriedenes Dasein fristen, ein nicht ganz einfacher Spagat zwischen vielen Stühlen, den wir in unterdessen guter Tradition mit Chorus 52 und 85 wagen.

Chorus 52

Nomen est omen, sagt der Lateiner und schon erkennen wir den ersten Kandidaten, den es zu bauen galt. Zwei Fünfer werden gebraucht, um den vielerorts verpönten, liegenden Center zu ergeben. Wir sind nicht fies davor – so sagt man halt am linken Niederrhein – das für die meisten Anwender einzig denkbare Format bestmöglich zu füllen. In ihre Mitte nehmen sie den 25 SD 4, der in allen Chorus-Bauvorschlägen die Obertöne beisteuert. Die Messdaten stehen im Chorus 51-Bericht.

LSPCad sagte uns ein gutes Bassverhalten bei 16 Litern Reflexvolumen für zwei 5-612 voraus. Darauf vertrauend gaben wir die Chassisabmessungen und das Hohlmaß in unseren Holzlistenrechner ein. Der verarbeitete die Daten und erstellte – das ist seine Aufgabe – am Ende ein paar Holzlisten. Wir wählten “auf Gehrung mit aufgesetzten Seiten” aus, denn wir hatten noch schwarzes MDF für die inneren Bretter und 18 mm Multiplex für die Seiten in der Werkstatt liegen. Und weil wir mit unserer Kreissäge schöne 45°-Winkel schneiden können, wurden die schwarzen Bretter nicht einfach stumpf verleimt. Manchmal wollen wir nicht nur etwas für das Ohr liefern. Auch wir wissen, dass das Auge mithört.

 

Das Reflexrohr teilten wir durch zwei, was zu einem doppelten HP 50 statt des HP 70 aus dem Blatt führte. Die Listensammlung machte uns die Malarbeit in Sketchup leicht. So stellte die neue Rechenhilfe eine ideale Verbindung zwischen Simulation und Zeichnung her.

Der Zusammenbau ist simpel, inklusive Versteifung müssen lediglich sieben Platten in gewöhnliche Kastenform gebracht werden. Das war schnell erledigt, der ausgequollene Kleber wurde noch gewissenhaft weggeschliffen, die Chassis und zwei Matten Dämmstoff (20 x 80 cm) locker zusammen gerollt eingesetzt, schon konnte die Chorus 52 auf dem Messständer thronen. Mit den Vorgaben ihrer kleinen Schwester war die Weichentopologie klar, es mussten nur die Werte passend gesetzt werden. Gut leben konnten wir mit der schon aus der 51 bekannten, schmalen Senke im Frequenzgang des 5-Zöllers, die sich schlimmstenfalls durch eine etwas tiefere Bühne bemerkbar macht. Bei Hörtests im Laden ist sie niemandem aufgefallen. Dagegen wurde die exzellente Räumlichkeit immer wieder gelobt. Zitat aus Schülzkens Kommentar: “Was mir an dieser Vorstellung hier gefällt, ist der Mitteltonbereich. Grundtonwärme und schöne Raumabbildung würde ich der Kleinen attestieren.”

Am Ende bestand die Weiche für die BMT aus einer Luftspule mit 1,4 mm Draht und einem Saugkreis auf die Membranresonanz bei knapp 5 kHz. Dem Hochtöner legten wir ein Filter 2. Ordnung und einen Spannungsteiler in den Weg zum Ohr des Zuhörers. Da die Chorus 52 aber nicht nur Center ist, haben wir sie auch aufrecht stehend vermessen. Das ist natürlich auch die bevorzugte Stellung hinter der ausziehbaren, Schall durchlässigen Leinwand, wie sie heute in Wohnzimmern immer häufiger statt Flachglotze zu finden ist.

Folgen müsste jetzt die Klangbeschreibung, ein schwieriges Unterfangen mit nur einer aufgebauten Box und ohne AVR. Doch trotzdem wage ich zu behaupten, dass die Chorus 52 Stimmen ähnlich gut wie die Einbass-Ausgabe abbildet. Dass sie gut in der Mitte ortbar sind, versteht sich für einen Center, Verständlichkeit der Dialoge für Eton von selbst. Im Stereo-Modus dürfte sie kaum tiefer reichen, wird aber durch die doppelte Membranfläche druckvoller agieren. Falls jemand sie an einer Röhre anschließen möchte, bei 90 dB/ 2,83V/ 1m nicht ganz abwegig, gibt es selbstverständlich auch eine Impedanzkorrektur, die die Spitze bei 2 kHz glättet.

Chorus 85

Nachdem nun die Abteilung “Heimkino” die notwendige Ergänzung hat, kümmern wir uns im Weiteren um den Aspekt “upgradefähig”. Ohne Frage gehört das zum Teil auch noch zum ersten Thema, denn auch die Wandlung des kleinen Zimmertheaters zum großen ist ein Zuwachs. Für interessanter halten wir dabei aber den Übergang von “gerade mal Stereo” zum uneingeschränkten Musikgenuss. Dafür haben wir uns den Langhubbass 8-612 ausgesucht, dessen Daten wir wie immer bei Neuvorstellungen auf unserer Messwand ermittelten.

8-612/ C8/ 32 RP

Ausstattung

Membran Pappe Polplattendicke 8 mm
Sicke Gummi Wickelhöhe 17 mm
Korb Druckguss Magnetdurchmesser 102 mm
Polkernbohrung ja Befestigungsbohrungen 6 mm
Zentrierung Flachspinne Außendurchmesser 223 mm
Magnet Ferritmagnet Einbaudurchmesser 190 mm
Schwingspule 32 mm Einbautiefe 100 mm
Träger Kapton Frästiefe 8 mm

Parameter

 

Fs 28 Hz Mms 25,7 Gramm
Diameter 168 mm BL 9,1 Tm
ZMax 129 Ohm VAS 88,9 Liter
Re 6,7 Ohm dBSPL 89 dB/2,83V
Rms 0,68 kg/s L1kHz 0,94 mH
Qms 6,55 L10kHz 0,42 mH
Qes 0,36 SD 222 cm²
Qts 0,34 MMD 23,9 Gramm
Cms 1,3 mm/N Zmin 7,4 Ohm


Messungen

Die Parameter des 8-612 ergaben in der Simulation für den Bass ein Reflexgehäuse mit etwa 50 Litern, dem Mitteltöner sollten wir grob 6 Liter zur Verfügung stellen. Diese Daten, dazu der Membrandurchmesser reichten dem Rechenblatt, um seine Holzlisten mit baubaren Maßen zu füllen. Wieder wählten wir die Variante mit aufgesetzten Seiten und Gehrung aus, auch dafür hatten wir noch ausreichend Baustoff.

In Sketchup gezeichnet sah das dann so aus:

Ein paar Fotos zeigen das Verkleben der Bretter, das zwar nicht wirklich spektakulär ist, aber gut die Zeilen des Berichts ausfüllt. Wir halten sie aber bewusst klein, damit auch anderen noch ein wenig Platz im Internet bleibt.

Oh Mann, sagte Fritzi, die Leimflasche ist doch viel zu leicht, um die Kiste in Form zu pressen. Nimm lieber Zurrgurte und ich setz mich auch noch drauf. So reicht der Druck. Naja, wo er Recht hat, …

Nach dem Schliff und Einbau der Chassis samt Innenfutter ging es in das Messlabor, das kurz zuvor noch Werkstatt hieß. Die CNC-Fräse steht hinter dem Vorhang, der Mess- und Fotorechner links daneben. Auf der anderen Seite des Multifunktionsraums steht das Regal mit den Bauteil-Vorräten. Wer es genau wissen will: Vor dem Fenster steht noch meine Immobilie in Form eines Trimmrads.

Achso, die Weiche! Klassisch, 12 dB für den Bass und den MT unten, oben folgt sie den Vorgaben der Chorus 51 und 52.

Theorie und Praxis des Weichenaufbaus wollen wir dem Leser auch nicht vorenthalten:

… und weil wir gerade so gut dabei sind, gibt es noch ein paar Bilder vom Einbau.

Die Weiche wurde zweiteilig mit Heißkleber auf ein dünnes MDF-Brett geklebt und hat den besten Platz auf der Rückwand leicht unterhalb des Basses, dessen Teil zwischen dem Versteifungsbrett und dem Terminal sitzt. So hat die dicke Spule viel Abstand zum Rest, der genau zwischen die Versteifungen passt. Je eine Matte Dämmstoff mit 20 x 80 cm wird in die Mitteltonkammer und unter das Reflexrohr gestopft, zwei Matten mit 40 x 80 werden leicht zusammen gefaltet in die restliche Basskammer eingelegt. Vor dem Verschrauben der angelöteten Chassis (der Pluspol ist bei Bass und MT breit, beim Hochtöner muss man das leicht erhabene “+” suchen. Es befindet sich hinter “Eton”) muss mit einem 3 mm Bohrer vorgebohrt werden. Das Reflexrohr wird in voller Länge gebraucht, eine Impedanzglättung für Röhrenhören ist trotz der beachtlichen 87 dB/ 2,83V/ 1m nicht erforderlich, weil es keine zu linearisierende Spitzen bei den Trennfrequenzen gibt.

Nicht spekulieren müssen wir über den Klang der Chorus 85, wir haben sie ausgibig im Hörraum am Destiny KT 88 getestet. Begonnen haben wir mit Rock aus der Zeit, als meine Haare noch die gleiche Farbe hatten wie die Scheiben, von denen die Musik kam. Wishbone Ash zählten damals zu den nicht seltenen Bands, die sich nicht dem dreiminütigen Wiederholen von Refrains hingaben. Wär auch Blödsinn, wenn man zwei Lead-Gitarristen auf die Bühne stellt. “Argus” lag schnell auf dem Drehteller, “Time was” (hier auf youtube) ist eine melodische Ballade, die ich 1972 zum ersten Mal bei Manfred im Studi-Zimmer genießen durfte. Dass die Wiedergabe längst nicht die heutige Qualität hatte, lag an seinen Boxen, ich kann mich über die Chorus 85 dagegen nicht beschweren. Der Bass und die Drums, die überhaupt erst nach drei Minuten richtig mit machten, kamen knackig dynamisch daher, zwei Gitarren. gelegentlich zwei Stimmen, die fast zehn Minuten gemeinsam zum Zuhören zwangen.

Weit moderner wurde es mit Touch Yello und Til Tomorrow (auch youtube). Was die beiden Schweizer gemeinsam mit Til Brönner 2009 an Bühne und Tiefbass auf ihr Werk zauberten, gab mein Testobjekt nahtlos wieder. Die Chassis hatten keinerlei Mühe, erfolgreich als Einheit aufzutreten, nichts spielte sich in den Vordergrund. Klassisch wurde es mit Schuberts Winterreise. Dietrich Fischer-Dieskau rollt fantastisch das “r”, als er mir die Geschichte vom “Lindenbaum” (was man nicht alles bei youtube findet! Meine CD hat aber die bessere Stimme) vorsingt. Lange schwingen die Saiten des Flügels nach und der Pianist zeigt, warum sein Instrument auch Piano-Forte heißt.

Den letzten Satz der zu kurzen, musikalischen Reise überließ ich dem Blues. Beth Hart verzauberte mich mit ihrer einfühlsamen, manchmal aber auch kratzigen Stimme, als sie mir versprach: “I’ll take care of you” (wo findet man es?). Joe Bonamassa darf sie nicht nur ansagen, seine Gitarre lässt er auch so wunderbar jammern, heulen und klagen, wie es sich für die “Unter die Haut”-Musik nun mal gehört. Dass ich nicht darüber berichte, was die Chorus 85 dabei alles richtig gemacht hat, möge man mir nachsehen. Die Musik war einfach zu schön, um über solch banale Dinge zu berichten.

Udo Wohlgemuth

 

Zur Chorus 52 im Online-Shop
Zur Chorus 85 im Online-Shop

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://www.acoustic-design-magazin.de/2017/09/23/chorus-52-und-85/

Hinterlasse einen Kommentar

28 Kommentare auf "Chorus 52 und 85"

Benachrichtige mich zu:
avatar
kruegchen
Mitglied

Na da bin ich ja mal gespannt. Meine Chorus 85 ist bald fertig. Ich warte nur noch auf das Funier. Danach können die Lautsprecherausschnitte gefräst werden und schließlich wird alles eingebaut. Die Weichen sind schon fertig.

Grüße Sven

schuelzken
Mitglied

Guten Abend,

am Montag hatte ich Gelegenheit sehr kurz die C85 zu hören.
HT/MT ist mir ja aus der C51 bekannt und gefällt gut.
Hier aber ist die Unterstützung des 8″ deutlich zu hören. Mit heftigen Schlägen traktiert er die Bauchmuskulatur wenn es sein muss. Schwingt aber meiner Meinung weniger nach als der bekannte 8″ der 23/240. So gefällt mir das.

Gruß schuelzken

kruegchen
Mitglied

Hallo Udo,

ich habe jetzt einfach mal die Chorus 85 bei Dir bestellt. Am Gehäuse bin ich schon dran. Auf das Ergebnis bin ich gespannt.

Grüße Sven

Norbert Rausch
Mitglied

Hallo Udo. Sehr schöne Boxen und ich finde die Membran optisch auch sehr ansprechend. Ist mit den 4 Zöllern evtl. etwas wie die LP geplant?

Andi
Mitglied

Moin Udo,

Toller Lautsprecher, leider sprengt die Dimension der 85 die Vorstellung meiner Regierung.
Meinste aus deiner tiefen Schublade kommt noch eine Variante aller SB36, Kera360, oder Doppel7 mit 30-35 Liter Volumen?

gruß Andi

HaZu
Mitglied

Aus reiner Neugier: Die 5dB Senke bei ca 1,5 kHz, was spricht dafür, die so zu lassen?

michael gebel
Mitglied

Alles, glaub ich.Wirst du nicht hören.Ist nur dem Frequenzgangschrieb geschuldet.
Ne im Ernst,wie Udo sich immer wiederholen muss in der Vorstellung seiner Bausätze,glaub ihm,man hört es nicht.
Oder probiere es selber aus und berichte dann,wie langweilig ein glatter Frequenzgangschrieb sich anhört.

HaZu
Mitglied

Keine Sorge, ich bin mir sicher das es seine Richtigkeit hat. Meine Frage zielte eher darauf, was dahinter steckt. Ist also eher technisch gemeint. Sollte nicht kritisch gemeint sein.

bu
Mitglied

Wenn auch nachvollziehbar verwirrt das „klassische“ Namensschema ein bisschen im Vergleich zu den Linie-Etons.

Aber die Chorus 285 kann kommen – die Frage ist nur ob sie vor der SB284 erscheint. 😉

kruegchen
Mitglied

Die Chorus 85 ist ja praktisch fast eine SB23/3 nur mit Eton Chassis. Man Udo, Du kannst einen die Entscheidung echt schwer machen. Jetzt muss ich doch glatt noch einmal in mich gehen. Mit beiden macht man bestimmt nichts falsch.

Grüße Sven

Sparky
Mitglied

Zack, Fertig 🙂

Von vielen heiß ersehnt, jetzt die Erweiterung der Chorus-Linie.
Und auch, wenn die 51er n der Tat “begrenzten Funktionsumfang” gegenüber diesen beiden Kandidaten hier haben mag – die rücke ich nicht mehr raus 😉

Als mir das Spacko-Informations-Netzwerk vorhin steckte, dass zwei neue Boxen im Shop stehen, war es ja nur eine Frage von Stunden, bis der passende Bericht dazu erscheint. Nichts ist schöner, als ein Projekt erfolgreich abzuschließen, so haben wir beide etwas zu feiern heute, denn ich habe gerade erfolgreich 5 Syms durchgemessen und für gut befunden.

Nicht vergessen habe ich, den Prozess ihrer Schaffung zu dokumentieren, das kann evtl. ein Pausenfüller werden hier 😉 Da ich derzeit das seltene Vergnügen von Urlaub habe, kann ich nun endlich den ganzen Stapel privater Aufgaben abarbeiten, wovon nun als Nächstes ein wenig Schreibarbeit für´s Forum ansteht.

Gruß,
-Sparky

rodscher
Mitglied

Moin.
Senile Bettflucht treibt einen um. Der Weg füht zum Anschluß an die weite Welt, kurz checken, was so alles passiert in der Welt des Klanges…
Der Buschfunk hatte wie immer Recht.
Wunderbar, dann lohnt es noch mehr nach Bochum zu kommen und auf der Couch Platz zu nehmen, zur Therapie.
Freu mich sehr

Grüße

Rodscher

wpDiscuz